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Elbing, 23. Juni 1762   ZH II 159   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Vater)
S. 159 / 2


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Herzlich geliebtester Vater,
Ich habe mich innigst erfreut über die gute Nachrichten von Ihrem
Wohlbefinden. Gott erhalte Sie und schenke uns ein glückliches Wiedersehen.
Meine Abr Reise nach Danzig und Morungen war schon ganz aufgegeben,
und diese Woche war noch willens mit meiner Reisegesellschaft nach Hause
zu kehren. Es hat dem Höchsten aber gefallen unsern lieben Vetter mit einer
schweren Krankheit heimzusuchen. Der Anfang war ein Rosenhafter Zufall
am Fuß, worüber er schon in Königsberg klagte, und welchen er theils der
Erschrecknis auf der Hochzeit, theils dem engen Schuh zuschrieb. Unterwegens
saß er auf dem Bock, und fuhr biß in die Nacht ohne die geringste Bedeckung.
Wie sein Fuß nicht zur Rose ausschlug und wieder Vermuthen beßer wurde,
bekam er Wehtage an den Mandeln mit Zahnschmerzen und fieberhaften
Zufällen. Freytags Nacht nahm er ein Rhabarber ein, das ihm sehr gute Dienste
that. Er hatte Lust zum Aderlaßen und HE von Bergen rieth ihm dazu, eine
kleine Portion am Arm. Hierauf brach eine Entzündung an der Nase aus,
Schlaf verlor sich und die Hitze nahm immer zu.
Nachdem er so viel Nächte schlaflos zugebracht hatte, wurde gestern ein
Doctor angenommen, der ihm ein Aderlaßen auf dem Fuß erlaubte.
Zur MittagsZeit fieng sich das Schrecken an, indem er auf einmal zu
phantasieren anfieng, da die Frau Muhme allein mit ihm war, und ich unten
mit ihren Kindern aß.
Wir waren ganz allein, der Paroxysmus wurde so heftig, daß ich für Angst
nach der Stadt lief, um die Doctores und die Hausgenoßen davon Nachricht
zu geben.
Diese Nacht hat er ein wenig Ruhe gehabt; und wir haben viel Hofnung, daß
dies die Crisis der Krankheit gewesen ist. Puls, Urin, Schweiß, offener Leib geben
lauter gute Kennzeichen. – Wir haben also Hofnung, daß er außer Gefahr ist, und
sich bald wieder erholen wird. Mir hat die Zeit über ich weiß nicht was für ein
Gewitter in Gliedern gelegen, von dem ich jetzt ziemlich erleichtert bin. Der
Fuhrmann, der uns hergebracht, muste uns gestern zu gutem Glück aufstoßen. Er geht
nach Danzig und versprach Freytags wiederzukommen. Die Frau Muhme ist also
entschloßen mit ihm wieder zurückzugehen, und sie thut am besten daran. Ihr
längerer Aufenthalt wird ihr selbst und den übrigen zur Last werden. Ob ich
mitkommen werde, steht noch dahin. Sonnabends wills Gott! ist ihre Reise also
festgesetzt, wenn der Fuhrmann Wort und Gott uns gesund erhällt.
Da Sie den Fuhrmann schon kennen, und derselbe ein sehr braver Kerl ist,
der mäßig und dienstfertig: so können sie ganz ruhig in seiner Begleitung
seyn und würden mich füglich entbehren können.
Ob meine längere Gegenwart hier noch nöthig seyn wird, weiß noch nicht,
und werde mich darinn gänzlich der Göttlichen Regierung überlaßen, die alle
Umstände zum Besten lenken wird.
Kann ich; so komm ich lieber mit. Meynt man, daß ich hier noch zu
gebrauchen bin; so werden Sie mir wohl erlauben, Herzlich geliebtester Vater, noch
ein wenig hier abzuwarten. Weil ich zu beyden gleich viel Lust habe: so werden
Umstände meinen Entschluß bestimmen.
Auf den gestrigen Schreck nahm ein roth Pulver ein, und befinde mich Gott
Lob! ziemlich munter. Ein klein Laxativ habe auch die Zeit meines
Aufenthalts hier gebraucht, das mir gute Dienste gethan.
Einer meiner hiesigen Bekannten, der sich die meiste Mühe gegeben uns zu
bewirthen und mit Freundschaftsdiensten zu überschütten, hat mich um des
Königs Gedichte ersucht. Ich werde selbige aus HE Kanters Laden nehmen
laßen, und ersuche, daß Sie so gut sind selbige bey Blisters englisch binden
zu laßen, und so bald es möglich durch Vetter Bräutigam, dem ich herzlich
Glück wünsche, hieher besorgen zu laßen je eher je lieber.
HE Blindau wird so gütig seyn die Besorgung über sich zu nehmen. Hat
HE. Hartknoch wieder

Ich küße Ihnen Herzlich geliebter Vater, die Hände unter Anwünschung
des Göttlichen Seegens, und bin nach zärtlicher Begrüßung von meiner
Reisegesellschaft an alle gute Freunde mit kindlichster Hochachtung Ihr
gehorsamst ergebenster Sohn
Johann George.


Im Keller Comptoir voller Eile und Unruhe um mich herum.
Mittwochs den heiligen Abend vor JohannisTag.
Muhmchen Lieschen trägt mir jetzt ein besonder Compliment auf, das ich
noch nachholen muß.



Morungen Morąg



Rosenhafter Zufall Wundrose (Erysipel), durch Bakterien ausgelöste Hauterkrankung; Nuppenau starb an dieser Krankheit: HKB 231 ( II 160/33 )


Erschrecknis nicht ermittelt





von Bergen nicht ermittelt






































Blisters Buchbinder in Königsberg

Vetter Bräutigam vll.
Heinrich Liborius Nuppenau


Blindau
N. N. Blindau










Muhmchen Lieschen
Zöpfel


Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (77).

Bisherige Drucke
ZH II 159f., Nr. 230.