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Königsberg, 3. August 1762   ZH II 166    Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Friedrich Nicolai
S. 166



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Königsberg den 3 Aug. 1762.

HochEdelgeborner Herr,
HöchstzuEhrender Herr,
Ew. HochEdelgebornen geneigte Zuschrift vom ersten Julii habe den 16. ei.
erhalten, an einem Tage, der sich sehr kritisch für uns endigte, und alle
Friedenslichter und Freudenlampen auslöschte. Der Verzug Ihrer Antwort hat
mir selbige desto angenehmer gemacht, weil ich mir gar keine mehr vermuthen
war und schon den Vorsatz gefaßt hatte Ew. HochEdelgebornen Stillschweigen
zum Besten zu kehren. Ich bin Ihnen daher für die kleine Frist verbunden, die Sie
mich haben warten laßen, weil mein Vergnügen und meine Erkenntlichkeit
bey Empfang einer so freundschaftlichen Erklärung dadurch lebhafter
geworden.
Thyrsis also spinnt Wolle, und Corydon, der Moralist seines untreuen
Freundes sitzt gar beym Butterfaß – Arcades ambo
Et cantare pares et respondere parati

Wie sind die Helden der Neuesten Litteratur gefallen? Jener läßt seine
glänzende Waffen“ verrosten, dieser verleugnet den Patriotismum eines
Urias, und nimmt zu einer Parabel des N. Testaments seine Zuflucht. – Es
ist mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan! – –
Ich habe meine vermischte Empfindungen über die Vermählung des HEn
Moses nicht beßer auszudrücken gewust als durch diese schwärmerische
Parenthese, und wünsche Demselben mit redlichen Herzen beym Genuß des
Lebens in einem treuen Arm so viel Zufriedenheit, daß aller Neid der neun
liebarmherzigen Schwestern, die man Musen nennt, dadurch vereitelt werden
mögen. – Ohngeachtet ich meinen Schlaf einen Bruder des Todes nennen
kann: so hat mir doch in meinem Leben einmal geträumt, und zwar von einer
Frauen für meine rechte Hand, die ich aber geschwind wieder zurück zog.
Unterdeßen hab meine linke Hand an einem Mädchen, das eine Nymphe eines
Eichenstamms war, so schwer, daß ich über der Arbeit aufwachte mit einem:
Ευφημει.
An dem gar zu kühnen Ausdrucke des „Anwerbens“ in meiner ersten
Zuschrift hat mein Gedächtnis vielleicht mehr Schuld als mein Herz. Ich habe
dieses Wort meines Wißens behalten ohne es gesucht noch gewählt zu haben.
Um die Ausschweifung meiner geäußerten Neugierde ein wenig zu mildern,
muß ich Ew. HochEdelgebornen aufrichtig bekennen, daß selbige bloß ein
Mittel gewesen Dero Vertrauen gegen mich einiger maßen auszuholen. Ich ersehe,
daß Sie mich deßelben nicht gänzlich unwürdig schätzen – und begnüge mich
vollkommen mit der mir ertheilten Nachricht. Die Herren Verfaßer werden
aus eigener Erfahrung so billig seyn niemanden eine Nachahmung der
Verschwiegenheit über Kleinigkeiten übel zu nehmen. Warum sollte ich die Luft
nicht andern gönnen, wenn ich für den Funken meines eigenen Lebens
unbesorgt seyn kann?
Ihre Vergleichung mit einer Demokratie giebt mir viel Licht über die
Beschaffenheit des Werks selbst; aber desto schwerer wird es mir den Plan und
die Absichten zu verstehen, welches kein Wunder ist, da ich noch keine Zeit
gehabt einigen Gebrauch von den mir gegebenen Puncten zu machen. Wäre ich
im stande Beyträge zu liefern : so würde ich allem Eigenthume darauf zum
voraus entsagen, und mich niemals anders als wie den jüngsten Gehülfen
einer gemeinschaftlichen Arbeit ansehen, den pudor aut operis lex, wie
Horatz sagt, springen und rücklings gehen lehren müßen.
Bey Gelegenheit der preußischen Gelehrten erinnern sich Ew.
HochEdelgebornen sehr zufälliger Weise zweener Jünglinge, die mit einander Umgang
gehabt haben. Der eine schreibt für seine Gemeine, glaubt ohne gute Werke
durch eine bloß thätige Schriftstellerschaft, ich weiß nicht, berühmter oder
nützlicher oder glücklicher zu werden. Panem et ludos Circenses sollten die Herren
Kunstrichter zu vergeben haben um gewiße Scribenten zu bekehren.
Außer einer Sterbebibel, geistl. Reden zum practischen Christenthum und
Denkmalen zum Bau des Reichs Jesu zu Morungen in Preußen in Briefen
Nachrichten und Aufsätzen entworfen, sind von eben demselben Verfaßer
Gedichte unter einem schwarzen Titel, kleine Versuche, Näschereyen, ein elisäischer
Brief, ein ironischer an Patrioten erschienen, jetzt Sommerstunden unter der
Preße – die man füglich abwarten könnte, falls gegenwärtige
Erinnerung nicht zu spät kommt
Umstände haben, wie es scheint, die gute
Anlage verdorben, die jetzt unkenntlich ist. Weil er meine Sprache nicht versteht
oder nicht mehr verstehen will: so stehe jetzt in keiner genaueuen Verbindung,
und bekümmere mich um keine Gemeinen, wo Jesus Syrach auch für einen
kanonischen Schriftsteller gilt, dem es an Materie nicht fehlen konnte, noch
etwas mehr zu sagen, denn er war wie ein voller Mond
– der ohne
Beschwörungen abzunehmen pflegt.
Da ich an der Herausgabe des Sokratischen Versuches Antheil nehmen
müßen; so hab ich mich bisweilen mit der Aufgabe umsonst geqvält: Wie die
Hamburgischen Nachrichten durch die Dunkelheit dieser Blätter so sehr haben
beleidigt werden können? und wie es möglich ein Buch ziemlich gründlich
beurtheilen übersehen zu können, ohne selbiges zu verstehen? wie geschwind
man sich hingegen selbst vergeßen kann, wenn man Grund von seinem
Geschmack angeben soll? – – Es sind noch mehr Schwierigkeiten in der
Hamburgischen Recension für mich, die sich vielleicht bloß durch die Geschichte
derselben aufklären ließen. Daß man in den Briefen der neuesten Litteratur an
sehr leichten Stellen Anstoß gefunden, ist offenbar, und von dem Verfaßer
der Wolken, welchen die Hamb. Nachr. im Enthusiasmo des Zorns Ihren
Thespis nennen, mit aller nöthigen Verschwiegenheit angedeutet worden.

Est et fideli tuta silentio
Merces – –     Horat. Lib. III. od.
2.

Die in meiner ersten Zuschrift geschehene Erklärung behält noch ihr völliges
Gewicht, daß ich mich bloß auf Nachrichten von wirklich merkwürdigen
Werken einschränken muß –
Unter dem neuesten Meßgut habe noch wenig gefunden, das meine
Aufmerksamkeit stark genug gerührt hätte, ohne den 4 Theil von Geßners
Schriften, die Recherches sur l’origine du Despotisme, Rousseau du Contract
social,
und die Briefe über die mosaische Schriften und Philosophie –
Daß Lowths Praelectiones de Sacra poesi Hebraeorum meine Erwartung
nicht erfüllen, und der 2te weniger als der erste mich befriedigt, liegt vielleicht
mehr an meiner gegenwärtigen Gemüthslage – Ich habe schon viele Wochen
in einer halben Vernichtung meiner selbst gelebt, und bin über eine
Kleinigkeit so unruhig und verlegen, als wenn ein rothes Meer von mir und ich weiß
nicht was für ein Heer von Sorgen hinter mir wäre. Genie ist eine
Dornenkrone und der Geschmack ein Purpurmantel, der einen zerfleischten Rücken deckt.
Virtus repulsae nescia sordidae
Nec sumit aut ponit
secures.
Es fehlt nicht viel, daß ich diesen Brief, für den ich mich selbst schäme mit eben
den Worten schließe, womit Tiberius seinen anfieng: Quid scribam vobis P. C.
aut quomodo scribam aut quid omnino non scribam hoc tempore, Dii me
Deaeque peius perdant quam
perire quotidie sentio, si scio.
Empfehle mich Dero geneigtem Andenken und ferneren Wohlwollen, der
ich die Ehre habe mit der aufrichtigsten Hochachtung zu seyn Ew.
HochEdelgebornen ergebenster Diener.
Königsb. den 6 Aug. 1762.
Haman.


N. S. Des HE. CollegienRaths von Klingstädt Nachrichten über die
Samojeden kommen jetzt hier im französischen heraus. Ich habe sie unvermuthet
schon im Gemeinnützigen Magazin übersetzt gefunden. Ein Kurländisches
Fräulein steht im Begrif eine französische Uebersetzung von den Briefen zur
Bildung des Herzens, die ich nur nach dem Namen kenne, herauszugeben.

Erhalten-Vermerk von Nicolai auf der letzten Seite des Briefes oben:
1762.   August / Hamann



geneigte Zuschrift nicht ermittelt

Tage Am 16. Juli 1762 forderte Katharina II. die Huldigung ihrer Untertanen in den eroberten Preußischen Gebieten.








Thyrsis […] Corydon
Verg. ecl.
7 schildert den Dichterwettstreit zwischen Corydon und Thyrsis, in dem ersterer siegt. Hamann paraphrasiert hier den dritten Vers der Ekloge.

Arcades ambo […] parati ebd. 7,4–5: »beide waren Arkadier, beide tüchtig im Singen und zum Wechselgesang gerüstet.«


Helden […] gefallen 2 Sam 1,19

„glänzende Waffen“
Verg. Aen.
8,616. Vgl. HKB 221 ( II 135/3 )

Urias 2 Sam 11. Vermutlich spielt Hamann an auf Mendelssohns Besprechung von
Abbt, Vom Tod fürs Vaterland
im 181. der
Briefe die neueste Litteratur betreffend
. Im Beschluss heißt es dort (1761, Tl. 11, S. 52) mit Bezug auf ein Bild aus 1 Kor 15,55: »Wer zweifelt, ob die Liebe fürs Vaterland dem Tod seinen Stachel nehmen könne, der muß auch in Zweifel ziehen, ob es jemals Griechen, Römer oder Deutsche in der Welt gegeben.«
Parabel Mt 13,3

Jonathan 2 Sam 1,26




in einem treuen Arm Anspielung auf einen Vers in dem Gedicht von
Christian Fürchtegott Gellert
»Das neue Ehepaar«: »Denn was man liebt, geliebt besitzen können,/ In einem treuen Arm sich seines Lebens freun,/ Ist, Menschen, dies kein Glück zu nennen,/ So muß gar keins auf Erden sein.«


Schlaf einen Bruder des Todes Hamann spielt wohl an auf die 6. Str. des Liedes von Johann Frank (1618–1677) »Du, o schönes Weltgebäude …«: »Komm, o Tod, des Schlafes Bruder«; der griechische Gott des Schlafes Hypnos ist Bruder des Thanatos, des Todesgottes.



Nymphe eines Eichenstamms Die Hamadryaden sind Baumnymphen des griechischen Altertums, Seelen des Baumes.


Ευφημει Gott behüte

„Anwerbens“ Vgl. HKB 223 ( II 140/26 )







Nachricht
Friedrich Nicolai
hat Hamann vermutlich erneut zur Mitarbeit eingeladen.











pudor aut operis lex
Hor. ars
135: »Scheu oder Original«.






Panem et ludos Circenses Iuv. 10,81: »Brot und Zirkusspiele«.













wie ein voller Mond Sir 50,6




Hamburgischen Nachrichten Christian Ziegras Rezension der Denkwürdigkeiten (
Ziegra (Hg.), Hamburgische Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit
, 57. St. (29. Juli 1760), S. 452–454






Briefen Mendelssohns Rezension war im 113. Brief der
Briefe die neueste Litteratur betreffend
vom 19. Juni 1760 erschienen.



Thespis Tragödiendichter und Schauspieler (6. Jhd. v. Chr.), der mit einer Wanderbühne auf einem Karren unterwegs gewesen sein soll. In der Rezension der Wolken im 57. Stück (28. Juli 1761) der
Ziegra (Hg.), Hamburgische Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit
bezeichnet Ziegra Hamann als »Unser[en] deutschen Thespis«.


Est et …
Hor. carm.
3,2,25f.: »auch treuer Verschwiegenheit ist der Lohn sicher«.







Geßners Schriften
Gesner, Schriften







rothes Meer vgl. 2 Mo 14


Dornenkrone Mt 27,29
Purpurmantel Mt 27,28

Virtus repulsae …
Hor. carm.
3,2,17 u. 19: »Mannestugend kennt keine entehrende Niederlage; ihre Würde nicht geben oder nehmen«.



Tiberius Claudius Nero Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.), röm. Kaiser.
Quid scribam […] si scio
Sueton
Tib. 67: »Was soll ich euch schreiben, Senatoren, oder wie soll ich schreiben, oder was soll ich in diesem Moment nicht schreiben? Die Götter und die Göttinen mögen mich schlimmer zugrunde gehen lassen, als ich mich täglich zugrunde gehen fühle, wenn ich es weiß.«








Klingstädt Nachrichten Ein Vorabdruck als Teilübersetzung der Mémoires sur les Samojedes et les Lappons erschien unter dem Titel Anmerkungen über die Samojeden in:
Neues gemeinnütziges Magazin
, Bd. 4, 1761, S. 717–743.



Briefen zur Bildung des Herzens
Dusch, Moralische Briefe zur Bildung des Herzens





Provenienz
Staatsbibliothek zu Berlin, Lessing-Sammlung Nr. 1841.

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 172–174.
ZH II 166–169, Nr. 233.

Zusätze fremder Hand
169/5 Friedrich Nicolai

Textkritische Anmerkungen
166/9 Ihnen daher
Geändert nach der Handschrift; ZH: dafür
167/11 Beyträge zu liefern
Geändert nach der Handschrift; ZH: Beyträge zu liefern
167/11 darauf
Geändert nach der Handschrift; ZH: drauf
167/21 Reden
Geändert nach der Handschrift; ZH: Reden
167/22 Briefen
Geändert nach der Handschrift; ZH: Briefen,
167/25 ironischer
Geändert nach der Handschrift; ZH: ironischer
167/34 Versuches
Geändert nach der Handschrift; ZH: Versuchs
168/26 secures
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): securis
168/30 perire
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): perire me
169/5 1762.   August / Hamann
Hinzugefügt nach der Handschrift.