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Königsberg, 20. Oktober 1762   ZH II 176   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 176



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Königsberg den 20 Octobr. 1762.

Herzlich geliebtester Freund,
Herr Hinz ist Gott Lob! fertig und ich wünsche Ihnen Glück dazu. Er hat
durch eine kleine Catastrophe zu seinem Amte zubereitet werden müßen, die
unsern gemeinschaftlichen Absichten sehr zu statten kommt; weil er sehr
plötzlich aus seiner Condition hat gehen müßen. Desto beßer für ihn selbst und
für Sie; mir hat dieser Theaterstreich recht sehr erbaut. Er hat desto mehr
Ursache Gott für seine Versorgung zu danken, desto weniger Bedenklichkeiten
zu machen. Was Ihre Schule anbetrift, so denken Sie fast beynahe so
cavaliermäßig davon, Liebster Freund, als der Litteraturrecensent von jeder Schule.
Ich habe das gute Vertrauen, daß ich mit meiner Empfehlung und Wahl
nicht zu Schanden werden, werde sondern Gott und Freunden und dem
gemeinen Besten dadurch ein Genüge thun werde. Unsichtbare Winke sind
meinen Augen schätzbarer und gewißer als die sinnlichsten Grundsätze, und der
Leitfaden der Vorsehung ein treuerer Wegweiser als die Größe des Haufens,
der vorgeht und nachfolgt. Ein halb Jahr sauere Arbeit hätte dazu gehört den
ersten Collaborator im Gleise zu bringen; hier möchten Sie mit einer Woche
fertig werden. Mehr Lust, mehr Erfahrung, Geschick und Biegsamkeit. Eilen
Sie jetzt mit der Vocation, mit Uebermachung des Reisegeldes und
Besorgung seiner dortigen Einrichtung. Dies überlaße ich Ihnen und alle
nöthige Bedingungen, die Sie festzusetzen haben, und mich nichts angehen.
Daß hier nichts versäumt oder verschlafen werden soll, dafür werde mit
Gottes Hülfe möglichst sorgen. Herr Hinz hatte vielleicht, wenn ich ihn dazu
aufgemuntert hätte, selbst geschrieben; es ist aber anständiger, daß Sie ihn
ruffen und aufbiethen. Das Jawort erhalten Sie von mir als gutem
Manne noch vor der Anwerbung. Wären Sie nur ein wenig schwierig
gewesen ihn anzunehmen; so hätt ich ihn nach Kurland geschickt, wo meine
vorige Lehnspatronin einen Hofmeister auch von meiner Hand verlangt, der
sich vielleicht auch finden wird. Die Schule Ihrer Gedult, Freundschaft und
Demuth zieh ich aber vor für ihn vor; und Sie gewinnen einen treuen und
geschickten Gehülfen und Arbeit. In der Mathematik hat er mehr getan als er
nöthig hat, auch viel Lust dazu. Das französische ist das einzige, das ihm
fehlt, worinn er sich gegenwärtig übt. Dieser kleinen Unbeqvemlichkeit kann
leicht abgeholfen werden. Das polnische dafür, welches in Riga vielleicht
noch nöthiger ist. Es wird jetzt bloß auf Sie ankommen alles so geschwind
wie mögl. abzumachen. Besorgen Sie doch gleich einen Schlafpeltz und
Peltzmütze zu seiner Reise mit dem ersten Fuhrmann. Das Geld dafür können Sie
bey den Reisekosten einziehen oder wird bey sr. Ankunft erstattet werden. Der
Legations-Rath hat ihn abgezogen, und er hat noch ein kleines Kapital auf
einem Gute, das jetzt loßgeschlagen werden soll aber noch nicht fällig ist, oder
durch einen Proceß erst gesucht werden muß. Sorgen Sie also hierinn so viel
Sie können für sein Interesse, da Sie die gegenwärtige Theuerung unter
Weges aus der Erfahrung wißen. Melden Sie ihm alles, was zum Amt, zur
Expedition pp gehört. Wegen des Bibliothecariats haben Sie auch HE.
Schlegel geschrieben; wird ihm das gleichfalls zufallen? Ich gönne es ihm
weil er Lectur und historiam literariam vorzügl. liebt.
Wegen des alten Böhmen wundere ich mich, daß ein Freund ihnen einen
solchen Menschen hat vorschlagen können. Unter der Hand kann Ihnen so viel
melden, daß ich durch einen zuverläßigen Canal alles mögl. nachtheilige
von seiner Aufführung und Fähigkeit gehört. Er ist amanuensis des
berühmten Baumgarten gewesen, von dem er aber nicht mehr weiß als die
rechte Hand von dem was die linke thut. Das übrige unterdrücke, weil
niemanden dadurch gebeßert wird. Er soll allen Vermuthen nach ein
verlaufener Mönch seyn. Gesetzt daß auch dieses nicht wäre, so könnte ich nicht
anräthig seyn die Probe mit ihm zu machen. Diejenigen, die sich selbst
gemeldt
haben, werden Sie aus ihrem Ton auch einigermaaßen beurtheilen
können.
In Ansehung des D. Buchh. habe die ganze Sache dem Wagner
aufgetragen, der alles abzumachen versprochen hat; daß ich mich also nicht weiter
darum bekümmern darf.
An meinen Bruder verschonen Sie mich künftig mit einer Commission.
Sie wißen daß wir außer aller Gemeinschaft stehen. Mein Vater frug ihn
wegen der Müllerschen Sammlung; er will sie aber selbst behalten.
Eine Abschrift entweder oder die Bogen selbst Ihrer Recension sollen Sie
so bald als mögl. erhalten. Der ganze Theil muß noch nicht heraus seyn. Es
sind nichts als die Anfangsbogen Kanter zugeschickt worden ohne eine einzige
Zeile – vielleicht zu meiner Notice – weil ich mich beschwert, daß noch kein
Preuße in allen ihren Theilen vorgekommen wäre. Ich möchte das Blatt
selbst nöthig haben, wenn es mir einfallen sollte das Schuldrama
vorzunehmen.
Sind Sie mit Ihrer Antwort fertig, so bitte mir selbige aus. – Ich werde
Ihnen gleichfalls die Durchsicht mittheilen, wenn was zu stande kommen
sollte.
Wer Handwerksregeln übertritt oder von sich wirft, ist deshalb nicht
nackend und bloß. Ohne alle Regeln ist nicht mögl. zu schreiben. Neue
Grundsätze werden für gar keine gehalten, weil sie noch nicht gültig sind.
Schicken Sie mir Ihren Aufsatz, so bald Sie damit fertig sind. Kann ich,
so hinke ich nach. Das Schuldrama möchte bloß die affiche seyn, meinen Plan
unter der Erde fortzusetzen.
Herr Hinz hat mich eben besucht, und empfiehlt sich Ihrer jetzigen Vorsorge
und künftiger Gewogenheit. Sie werden, nach meinem besten Gewißen, gut
mit ihm fahren. Gott laß alles zu seiner Ehre und unserm Besten gereichen!
Mein Vater grüst Sie herzlich v. ihr ganzes Haus. HE. Däntler hat gestern
Ihren Brief an die Mama bestellt; er soll mir Ihren Pelz nicht umsonst
tragen. Mit Spielfedern läst sich noch nicht fliegen. Ihren lieben Petersburger
erinnern Sie auch unserer. Der Braunschweiger hat noch nicht geschrieben
und ist ein Windbeutel.
Umarmen Sie Ihre Mattuska und schreiben Sie bald wieder, daß die Sache
ein gutes Ende gewinnt. Ich werde nicht eher ruhig arbeiten können, als biß
mein Freund abgefertigt seyn wird. Leben Sie wohl. Ich ersterbe Ihr
treuergebenster Freund.
Hamann.


Grüßen Sie tausendmal den alten ehrl. Baßa
von mir und melden seine künftige Bestimmung,
wenn es Zeit ist.         à Dieu.





aus seiner Condition im Hause
Nikolaus Friedrich v. Korff




Litteraturrecensent Vgl. das Ende des 232. Literaturbriefes, S. 259–262, die Kritik von
Thomas Abbt
an
Lindner, Beitrag zu Schulhandlungen
.





























Legations-Rath
Otto Salomo Wegner



Interesse […] Theuerung unter Weges Der Wechselkurs zwischen Königsberg und Riga fiel wohl zu Ungunsten der Königsberger aus.


HE. Schlegel
Gottlieb Schlegel



des alten Böhmen nicht ermittelt



amanuensis Handlanger, im Sinne von Schreibgehilfe oder Sekretär

Baumgarten vmtl. Siegmund Jakob Baumgarten












Müllerschen Sammlung nicht ermittelt

Abschrift von Abbts Rezension von
Lindner, Beitrag zu Schulhandlungen
im 231. u. 232. der
Briefe die neueste Litteratur betreffend
(14. Teil vom 8. April bis 24. Juni 1762)







Antwort die auch publiziert werden wird:
Lindner, Briefwechsel



Wer Handwerksregeln Deren Nichtbeachtung hatte
Thomas Abbt
Johann Gotthelf Lindner
vorgeworfen.




affiche öffentlicher Aushang





Däntler N.N. Däntler


Petersburger vll.
Carl Berens












Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (87).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 170–172.
ZH II 176–178, Nr. 236.