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Königsberg, 21. Dezember 1762   ZH II 181    Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Friedrich Nicolai
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S. 181



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Königsberg den 21 Christm. 1762.

HochEdelgeborner Herr, / HöchstzuEhrender Freund,
Ew. HochEdelgeboren habe die Ehre meinen Verbindungen gemäß die
Erstlinge meines Vaterlandes zu bewusten Gebrauche zu übersenden. Sollte
alles Maculatur in den Augen der Kunstrichter seyn: so ist wenigstens meiner
Pflicht und meinem Willen ein Genüge geschehen.
Das Wenigste von Beyliegendem habe bisher noch durchlesen können; und
der einzige mögl. Beweisgrund hat eben die Preße verlaßen. Eben der
Verfaßer ist willens seine Vorlesungen über die physische Geographie
drucken zu laßen
Der Verfaßer der Rhapsodie heist Hippel und hat nebst HE. Hinz, meinem
näheren Freunde, jetzigen Collaborator an der Domschule in Riga, an der
Hochzeit Sammlung Antheil. Der Kroat ist ein gewißer Lieutenant
Neumann, von dem ein Paar Stücke in Schäfners jugendl. Gedichten stehen; die
ich nur ihrem Namen und dem Gerüchte nach kenne, weiter nicht.
Die Sommerstunden oder Zerstreuungen auf Kosten der Natur sind
schon eine Weile heraus; habe aber meinemdem Verleger zu Gefallen
kein Stück beylegen wollen, der durch eine vorläufige Anpreisung derselben
an ihrem Abgange leiden möchte. Ew. HochEdelgebornen werden diese
Achtsamkeit einem jungen Anfänger zum Vortheil anwenden, und vielleicht die
Recension dieses Buchs, das ich bloß angesehen habe, biß nach der Meße
aufhalten können.
An dem Briefwechsel habe weiter keinen Antheil genommen, als daß ich
das Imprimatur aus dem Juuenal dazugeschrieben und die Anfangsbuchstaben
der respective HE. Correspondenten vermittelst der Kabbala erfunden habe.
Ew. HochEdelgebornen werden es mir, und nicht dem HE. M. Lindner zur
Last legen, daß Einlage unversiegelt geblieben. Er ist mein ältester bester
Freund, der jedermann und mich auch durch alle mögl. Dienstbeflißenheit
verbindlich macht, mit Geschäften von aller Art überladen, theils über sich,
theils unter sich – Ich habe ihm kürzl. einen guten Schul- und Hausgehülfen
zugeschickt, von dem die Zeit vielleicht mehr lehren wird, und den ich im
blinden Spott meinen Aeschylum und Timotheum gehaltengescholten.
Falls Ew. HochEdelgebornen einige müßige Augenblicke finden sollten,
meinen Freund von dem richtigen Empfang dieser Einlage zu versichern: so
wird es mir angenehm seyn, und Ihnen am beqvemsten Dero Antwort durch
meine Hände gleichfalls gehen zu laßen.
Was den Beytrag zu Schulhandl. anbelangt: so muß ich Ihnen freylich
im Vertrauen bekennen, daß meine Empfindungen mit des Unbekannten
Recensenten seinen sehr harmoniren (den man hiesiges Orts, wo ich nicht
irre, für den HE. Moses hält) und ich gleiches Schicksal mit ihm in Ansehung
der Stücke selbst, ein noch schlimmeres aber als er bey der Vorrede habe leiden
müßen. Der Schluß aber mit dem Dolch auf eine ganze Gattung ist mir
nicht eingefallen; auch hat mich der gelehrte Sermon über die Natur der Poesie
überhaupt und der dramatischen Poesie insonderheit, nebst dem zufälligen
Postscript leyder! mehr gekitzelt als erbaut.
So lange man bey den bloßen Symptomen des verdorbenen Geschmacks
stehen bleibt; wird das Verdienst der Kunstrichter immer zunehmen, aber der
Endzweck weder auf das allgemeine Beste noch einzelnen kaum erreicht werden.
Unter dem einzelnen verstehe ich einenden entscheidenden Vorzug einer
geläuterten Urtheilskraft
. Zeit und Gedult werden diese Anmerkung theils
auslegen theils bewähren.
Von Pfingsten habe beynahe feriirt; oder vielmehr einheimische
Angelegenheiten haben die tägliche Pflege des Lebens vervielfältigt. Ich lebe jetzt Gott
Lob! ein wenig ruhiger. Das überstandene Jahr giebt mir Muth ein neues
wieder anzufangen. Liegt nicht das Loos unsers Schicksals, nach Homers
Zeugniß, auf den Knieen oder im Schooße des Vaters der Götter und
Sterblichen?
Ew. HochEdelgebornen vergeben, daß ich Sie mit bestmöglicher Besorgung
dieser Einlage beschweren darf. HE. Pr. Zachariae hat mich durch einen Zufall
zu einen seiner Allmosenirer erwählt; ich will mein Bestes thun, mich seines
Vertrauens zu einem Unbekannten nicht unwürdig zu machen. Gedruckte
Einlage interessirt einen dasigen guten Freund. Zu allen Gegendiensten bin
verpflichtet und willig.
Nach Anwünschung eines glücklichen und geseegneten Neujahrs, wie auch
herzlicher Begrüßung meines Freundes Moses, den ich durch ein
Misverständnis mich gefreut habe hier persönlich näher kennen zu lernen, empfehle
mich Ihrer ferneren Wohlwollen, und bin mit aufrichtiger Hochachtung
Ew. HochEdelgebornen

ergebenster Diener. Hamann.


Adresse:
à Monsieur / Monsieur Nicolai / Negociant Libraire / à Berlin.

Erhalten-Vermerk von Nicolai auf dem Adressblatt:
1763. Jan. / Königsb. Hamann.








Vorlesungen
Immanuel Kant
hielt Vorlesungen zur Physischen Geographie vom Beginn seiner Zeit als Privatdozent in Königsberg 1757 bis zum Ende seiner Lehrzeit 1796 stets auf der Grundlage eigener Arbeiten. Gedruckt erschien davon zunächst nur eine kleine Ankündigung unter dem Titel Entwurf und Ankündigung eines Kollegii der physischen Geographie, nebst einer angehängten Betrachtung: Ob die Westwinde in unsern Gegenden darum feucht seyn, weil sie über ein großes Meer streichen? (Königsberg: Driest 1757). Die gesamte Vorlesung wurde erst 1802 von Rink auf Grundlage von Manuskripten Kants, die dieser Rink zum Zwecke der Herausgabe zugeeignet hatte, veröffentlicht. Bekannt ist aber, dass Herder 1762 ausführliche Mitschriften der Vorlesung anfertigte, zu deren Veröffentlichung es aber nicht gekommen ist.







Sommerstunden
Trescho, Zerstreuungen







Briefwechsel
Lindner, Briefwechsel

Juuenal Vermutlich handelt es sich um das gleiche Zitat, dass auch
Hamann, Fünf Hirtenbriefe das Schuldrama betreffend
als Motto dient:
Iuv. saturae
1,17f: »dumm ist die Gelindheit mit dem flüchtigen Papier«.
Anfangsbuchstaben vgl. HKB 237 ( II 178/25 )








Aeschylum und Timotheum Die Rede ist von
Jakob Friedrich Hinz
.
Aischylos
wurde wegen angeblichen Verrats von Mysterien angeklagt. In 1 Tim 6,20f. heißt es themenverwandt: „O Timotheus! bewahre, was dir vertraut ist, und meide die ungeistlichen, losen Geschwätze und das Gezänke der falsch berühmten Kunst, welche etliche vorgeben und gehen vom Glauben irre. Die Gnade sei mit dir! Amen.“













Postscript Beschluss des 232. der
Briefe die neueste Litteratur betreffend
, die Kritik von
Thomas Abbt
, S. 259–262, an
Lindner, Beitrag zu Schulhandlungen
.










Homers Zeugniß
Hom. Il.
17,514: »Aber solches ruht ja im Schoß der seligen Götter!«





Allmosenirer Verwalter der milden Gaben


dasigen guten Freund nicht ermittelt




Misverständnis nicht ermittelt










Provenienz
Staatsbibliothek zu Berlin, Nachlass Friedrich Nicolai/I/30/Mappe 11, 4–5.

Bisherige Drucke
Otto Hoffmann: Hamann-Briefe aus Nicolais Nachlass. In: Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte I (1888), 120f.
ZH II 181f., Nr. 239.

Zusätze fremder Hand
182/37 Friedrich Nicolai

Textkritische Anmerkungen
181/2 Herr, /
Geändert nach der Handschrift; ZH: Herr  Geändert nach der Handschrift: Absatzwechsel.
181/8 mögl.
Geändert nach der Handschrift; ZH: mögliche
181/10 laßen
Geändert nach der Handschrift; ZH: laßen.
181/17 meinemdem
Geändert nach der Handschrift; ZH: dem meinem
181/21 Buchs
Geändert nach der Handschrift; ZH: Buches
181/24 aus
Geändert nach der Handschrift; ZH: aus
181/32 gehaltengescholten
Geändert nach der Handschrift; ZH: gescholten
182/4  Moses
Geändert nach der Handschrift; ZH: Moses
182/12 einzelnen
Geändert nach der Handschrift; ZH: einzeln
182/28 geseegneten
Geändert nach Handschrift; ZH: gesegneten  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): geseegneten
182/37 1763. Jan. / Königsb. Hamann.
Hinzugefügt nach der Handschrift.