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Riga, 16. Juni 1754  ZH I, 72
Johann Georg Hamann  →  Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
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Riga den 16 Junius. 1754.

Herzlichgeliebteste Eltern,

Der Brief meines lieben Vaters hat mich unendlich erfreut. Gott sey Dank,
der Ihnen so weit geholfen hat. Er wird auch das übrige thun. Die zwey
Briefe von Mietau habe noch nicht erhalten ohngeachtet ich deswegen an HE
D. Lindner geschrieben, der mir nicht hat antworten können v den ich wegen
seiner Geschäfte entschuldigen muß. Wir werden den 22 h.(ich schreibe alles
nach dem N. Styl.) wiederabreisen v heute um 8 Tage also in Mietau seyn.
Ich sehne mich recht aus Riga v kann mich hier wenig Vergnügens erfreuen.
Den 7 h. habe einen Anfall Nachmittags vom Fieber bekommen. Sonntags
war wieder mein schlimmer Tag, ich war an demselben bey dem Regierungs R.
v. Campenhausen Mittags mit meinen jungen Herrn zu Gaste. Sie können
leicht denken wie mir zu Muthe gewesen. Die Kälte war leicht überstanden;
die Hitze kam mit gewaltigen Kopfschmerzen dergl. ich noch nicht gefühlt nach
der Tafel. Der Hofmeister ist ein Sachse, ein liebenswürdiger Mann vom
Umgange der sich für einen Vetter im weitläuftigen Verstande von Gellert
ausgiebt; dieser suchte mich auf alle mögl. Art durch Spiritus v dergl. Mittel
zu Hülfe zu kommen. Seine Gesellschafft war mir so angenehm daß ich das
Fieber nur halb gehabt habe. Dienstags kam es förmlich wieder; Donnerstags
gleichfals v gestern ist es auch glückl. überstanden. Ein Husten v ein Schmerz
in der linken Seite, der beym Othemholen v besonders beym Husten zu
Stichen wird, sind mit demselben begleitet. Der Magen hat keinen Appetit,
verabscheuet alles v das geringste was er genüst wird ihm zur Last. Ich habe mich
bisher bloß Gott und meiner Natur überlaßen v. nicht das geringste gebraucht
außer ein paar öhmischen Balsamtropfen auf Zucker die mir heute im Munde
gesteckt worden. Es hat mich ziemlich schon angegriffen. Ich denke noch biß zu
uns. Abreise auszuhalten da ich mich denn in Mietau dem HE. D. Lindner
anvertrauen werde; weil ich merke, daß ich eine ganze Cur nöthig habe v die
Hypochondrie bey mir zunimmt. Ihrem Rath liebster Papa! würde ich mich
am liebsten unterwerfen. Suchen Sie mir doch wenigstens ihre Meynung
über mein Fieber v die HülfsMittel dawieder mitzutheilen. Vielleicht wird es
meine Natur auf einen beßern Fuß setzen, wenn ich es werde mit Gottes Hülfe
überstanden haben. Mein voriger Wirth befindt sich mit seiner Frau
gleichfalls unpäßlich ppp. Des HE. Generalen Excell. besuchten mich selbst gestern
v man qvält mich mit Eßen v Artzeneyen. Die hiesige Lufft v Witterung ist
ungesunder wie in Grünhoff. Wir werden uns wenigstens 8 Tage in Mietau
auf dem Höfchen aufhalten. Ich werde gleich mit meiner Ankunfft schreiben.
Ist mein Bruder schon zu Hause gekommen; auf dem Lande wird er Zeit
gehabt haben Gedanken für mich zu sammlen, die ich mir bald schriftl. zu sehen
verspreche. Meiner lieben Mutter kann berichten daß mein erstes Hemde fertig
ist; ich wollte es aber nicht gern anziehen als biß ich gesund würde.
Macherlohn nach unserm Gelde für das Stück 2 Orth. Ein paar Schuh 5. v ein p.
Stiefel 5 biß 6 Alb. Thrl. Die Preise sind von den unsr. sehr ungl. Einen
Haarbeutel habe mir auch hier angeschafft. Meine Weste soll biß zu künfftigen
Sommer wills Gott! aufgehoben seyn. Herr Karstens bezeigt sich hier gegen
mich sehr freundschaftl. v. gefällig. Ich untersage mir fast allen Umgang v.
alle Bekanntschaft, weil hier selbige nachtheilig v. kostbar; ich auch wenig
geschickt dazu bin. Darf ich lieber Papa wohl wegen der Laute Anfrage thun?
In Ansehung der Barbier Meßer, die Sie mir gütigst anbieten, bedanke ich
mir schon im voraus; weil ich selbige höchst nöthig habe. So gut wie mögl.,
wenns Engl. seyn konnten. Einen guten Stein wünschte auch dabey zu sehen.
Ich empfehle mich Dero Väterl. v. Mütterl. Gebet v küße Ihnen beyderseits
voll kindl. Ehrfurcht die Hände als Dero gehorsamster Sohn. Meinen Bruder
umarme. Jfr Degner., v übrige Hausgenoßen nebst allen guten Freunden
bitte herzl. zu grüßen. Dem HE. M. v seiner Frau Liebste meine Antwort
ehstens zu versprechen die ich durch durch des HE. Bruders Schuld ein wenig
spät erhalten habe. Leben Sie wohl v. lieben Sie mich.


Brief nicht überliefert


Briefe nicht überliefert
Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)



N. Styl gregorianischer Kalender

























voriger Wirth vll.
Philipp Belger









Orth Name der polnisch-preussischen 18-Groschen-Münze, deren Edelmetallgehalt unter Nominalwert lag, also als schlechtes Zahlungsmittel galt. Wurde teilweise in Königsberg geprägt.

Alb. Thrl. Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum.















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (19).

Bisherige Drucke:
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 56–57.
ZH I 72–74, Nr. 27.