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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Meyhof, 26. Juni 1754
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Meyhoff. den 26 Junii 1754.

Herzlich Geliebtester Vater,

Ich mache jetzt einen Brief fertig, deßen Bestellung durch einen Fuhrmann
ich dem D. Lindner überlaßen werde. Ein guter Freund hat mir einen andern
Pelz eingekauft der an Güte ungl. beßer ist. Wenn meine Umstände reicher
seyn werden so will ich mit Gottes Hülfe einen beßern besorgen. Vertragen Sie
unterdeßen diesen mit Gesundheit. Meinen andern habe an HE Belger
verkauft v 2 Thrl. mit Vergnügen daran fallen laßen um ihn loß zu seyn. Ich
habe dafür ein Buch von 8 Theilen angenommen das ich mir längst gewünscht
habe; es sind Pitavals berühmte Rechtshändel. 8 Thrl. ist er mir an Gelde
schuldig; davon er 3½ Thrl. Alb. für ein Paar Stiefel (die ersten die ich hier
habe machen laßen) und 5 Orth für ein Paar Schuhe auszahlen wird.
Urtheilen Sie, wie das Geld hier verschwinden muß. In Mietau muste am
Johannistage 18 gl. geben um meine Perücke accomodiren zu laßen. Die Arbeit
war aber auch was werth v wenn es theurer ist so hat man hier dafür
Handwerker, denen die unsrigen nicht beykommen noch das Waßer reichen.
Was meine Gesundheit v. übrige Umstände anbetrift so werden Sie mit
diesem v folgenden Posttagen davon neuere Nachrichten haben. Ich habe
gestern 12 Pillen eingenommen die oben v unten brav Luft gemacht haben
des Abends ein Pulver v heute frühe auch eins. Meine Unzufriedenheit wird
mich beynahe auf den Entschluß bringen dieses Haus zu verlaßen. Der Rath
des HE. D. Lindners in Ansehung meiner Gesundheit bewegt mich auch dazu.
Ich habe selbige durch Arbeit hier etwas heruntergesetzt v. er hat mich in ein
Haus in Vorschlag gebracht, wo ich ruhiger, reicher, zufriedner werde leben
v. meine Wißenschafften nicht ganz aus den Augen setzen können. Morgen
habe ich mir vorgenommen mich dem HE. General zu erklären; ich bin
begierig zu sehen wie er meinen Antrag aufnehmen wird. Meinen Endzweck zu
reisen werde in diesem Hause nicht erreichen v es würde mir so viel Kräfte
kosten daß ich dazu ungeschickt würde; wenn etwas vorfallen sollte.
Ich will mich der Göttl. Fügung v. den Umständen überlaßen. Man hat
meine Bescheidenheit gemisbraucht; ich mag mich aber so wenig zu nahe
kommen laßen als ich es andern thue. Mit Leuten die ihre Achtung bey mir
verlieren kann ich nicht leben als auf Unkosten meines Gewißens v meiner
GemüthsRuhe; und ich liebe beyde zu sehr als daß ich selbigen Feßel anlegen
sollte. Das verschwendete Lob des HE. Generals wird meine Rechtfertigung
seyn, wenn ich ein ander Hauß suche.
Ich glaubte hier in mehr Ordnung leben zu können als in Riga; es ist aber
das Gegentheil. Da ich nicht neues weiß, was ich nicht mit nächster Post in
Ansehung HE Belgers, Ihres Briefes, lieber Papa, der mir 100 Sorgen
macht, meiner Cur pp zu schreiben gedenke; so werde ich mich zum Schluß
wenden, mich Ihrem Gebet kindlichst empfehlen und mit der ehrerbietigsten
Ergebenheit mich nennen Ihren gehorsamsten Sohn.
Johann George Hamann.


Herzlich Geliebteste Mutter,

Ich schreibe Ihnen aus einem Orte, in dem die Natur viel Vergnügen v.
Wollust für einen gesunden v zufriednen Menschen zubereitet haben würde.
Ein schöner Hof, tägl. Gesellschafften die schönste Gegend, die die Kunst kaum
so vollkommen hätte bilden können v eine viertel Meile von der Stadt. Meine
vorgestrige Erschreckniß hat mich aber etwas kränker gemacht; die Artzeneyen
verbieten mir den Gebrauch der unschuldigsten v angenehmsten LebensMittel.
Ich wohne in einer Herberge die unordentl. ist v für einen polnischen
Hofmeister beqvem genung seyn würde. Mit meinem Unterricht geht alles
krebsgängig; heute ist Mittwoch; noch habe ich diese Woche mit meinen jungen
HE. nicht was vornehmen können noch wollen. Man bringt mir Klagen
von Ihrer Ungezogenheit, die mir empfindlich sind v. alles geschieht unter
Aufsicht v. auf Rechnung der Eltern, die mit Auszahlung ihres neuen
Gutes so beschäfftigt sind, daß sie sich kaum des lieben Gottes dabey
erinnern können.
Die Fliegen und Mücken stechen mich bald zu Tode; v meine beyde Hände
sind so wund daß sie einer bösen Krankheit ähnlich sehen. Ich bin dieser
Gefahr auch ausgesetzt, daß ich in einem Hause gehen muß wo man in einer sehr
unreinen Haut Höflichkeiten pp annehmen muß erweist. Noch bin ich
verschont geblieben Gott Lob!
Für den Baptist zu 5 Hemden habe 4 Thrl. Alb. 3½ Orth wo ich nicht
irre
4½ Alb. Thrl. zahlen müßen; er soll aber gut seyn. Die Qvarder Stücke
mitgerechnet.
Macherlohn das Stück zu 2 Orth; ausgezackt 4; ich trage sie
am wohlfeilsten. Meine alte Briefe will ich beylegen die nicht damals
mitgegangen sind, da ich meinen koddrigen Pelz schicken wollte, der mir noch
4 Thrl 1 Orth auf dem Portorio kosten sollte. Ich küße Ihnen mit der
kindlichsten Ehrfurcht die Hände. Gott gebe Ihnen Gesundheit v. viel Freude an
Ihren Kindern unter denen ich Johann George Hamann der älteste zu seyn
die Ehre habe. Adieu.
Meyhoff Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof) in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]







Thrl. Reichstaler, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze, entspricht 24 Groschen (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)


Pitaval, Causes célèbres
; die 8 bändige ist die übers. deutsche Ausgabe.

Thrl. Alb. Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum.

Orth Name der polnisch-preussischen 18-Groschen-Münze, deren Edelmetallgehalt unter Nominalwert lag, also als schlechtes Zahlungsmittel galt. Wurde teilweise in Königsberg geprägt.

Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)

18 gl. 18 Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)



















































Baptist wohl Batist

Quarder Stücke Bänder zum Einfassen von Hemden








Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (20).

Bisherige Drucke:
ZH I 74–76, Nr. 28.