30
Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 29. August 1754
29 ◀ ZH I ▶ 31
ZH I, 79



5




10




15




20




25




30




35

S. 80



5




10




15




20




25




30




35


S. 81



5




10




15





20
Grünhof, den 29 August. 1754.

Was machen Sie liebster Freund, wie leben Sie mit Ihrem Marianchen?
Die Liebe, oder an deren Stelle die Freundschaft wird Sie für alle die Streiche
fest machen, die Ihnen das Glück leiden laßen kann. Ich wünschte die
Gemüthsverfaßung zu wißen, in der Sie jetzt stehen, da Sie vielleicht alle
Augenblicke ein kleines Geschöpf erwarten, das Sie für Ihre Mühe liebkosen wird.
Da ich nur für 2 Tage mein Geburtsfest gefeyret habe; so sind mir noch die
Empfindungen im frischen Andenken, die ich über das Glück gehabt, von ehrl.
von rechtschaffenen Eltern geboren zu seyn. Ungeachtet der kleinen
Grausamkeit, mit der mich die meinigen lieben, ungeachtet der erschreckl.
Demüthigungen, die mir Ihre herzliche Neigung gegen mich kostet; so werde ich doch Ihre
Erhaltung v Ihre Zufriedenheit als das gröste Gut, das mir die Vorsehung
in meinem Leben genüßen laßen kann, jederzeit ansehen. Ich bin in der
äußersten Unruhe mein Liebster Lindner, über Ihr langes Stillschweigen; Gott
gebe, daß an dem daßelben nichts anders als eine Strafe für meine
letzten Briefe, die man vielleicht nicht oder unrecht verstanden, v für die darinn
enthaltene Nachricht v. Betrachtungen, seyn möge. So schwer auch diese Strafe
ist v so wenig ich mich überführen kann diesen Unwillen jetzt verdient zu
haben; so gern will ich mir doch selbige gefallen laßen. Wenn ich diesen Bann,
in den mich meine nächsten Freunde zu legen scheinen, durch meinen
Gehorsam lösen kann: so werden Sie mich auch hiezu willig finden, so sehr ich auch
darunter leide. Ich unterstehe mich fast nicht zu Hause zu schreiben; weil ich
noch keine Antwort auf meine letztern Briefe habe v mich von denen
Gesinnungen mr. lieben Eltern keinen Begrief machen kann. Ich bin in
Ansehung Ihrer vielleicht in eben dem Irrthum als Sie in Ansehung meiner.
Ich stelle mich Selbige vielleicht mehr aufgebracht gegen mich vor, als
v. Sie machen sich von mir v. meinen Umständen weit schlechtere
Vorstellungen machen, wie wir beydes es nöthig haben. Die Briefe meines Vaters
sind seit einiger Zeit so vorsichtig, so gleichgiltig, so unbestimmt gewesen, daß
ich er beynahe vermuthen muß, daß se. Gedanken oder se. Briefe mit mir
nicht sicher genung sind. Die Post ist hier sicher v nicht wie weiter hinauf. Im
letzten bezieht er sich auf HE. Berens, dem er sich entdeckt hätte; durch den ich
aber noch nichts erfahren können. Ich wende mich also an Sie, mein lieber
Lindner; melden Sie mir doch, was man von mir denkt v. worann es liegt,
daß ich so ganz vergeßen werde. Sollten Klatschereyen, sollten
Verläumdungen… doch ich weiß nicht wie v. nicht durch wen?… oder sollten Krankheiten.
Gott behüte dafür! Mein Bruder kommt mir in meinen Augen ohne
Entschuldigung vor. Kein einziger meiner Freunde begegnet mich mit der
Kaltsinnigkeit v Nachläßigkeit, die er mir bezeigt. Nimmt er nicht meine Parthey
oder wenn er S sie nicht nehmen kann ist es ihm so gleichgiltig mich leiden
zu sehen, daß er sich nicht alle einmal die Mühe nimmt mich darum zu Rede
zu setzen oder zu erinnern. Ich traue mir nicht zu ohne einige Bitterkeit ihm
diese Verweise selbst zu geben. Geben Sie ihm doch wenigstens etwas zu
verstehen.
Verdient meine Neugierde die Welt zu sehen den Haß meiner Eltern v ist
dieser Endzweck lasterhaft. Gesetzt daß mir die Mittel dazu was kosten, daß
mir die Wege meine Absicht zu erreichen sauer gemacht zu werden. Wenn
ich damit zufrieden bin; so könnte meine Beständigkeit vielleicht mehr ihren
Beyfall als das Gegentheil verdienen. Um mich bey ihnen aber aus allem
Verdacht zu befreyen, daß meine Aufführung ungeschickt oder ärgerl.
gewesen; so kann ich Sie nicht beßer überführen, als wenn ich die wiederholten
Anerbietungen dieses Hauses annehme. Ich bin zu diesem Opfer halb
entschloßen; kein anderer Bewegungsgrund dringt mich dazu, als der meine
Eltern zufrieden zu stellen. Man hat die halbe Hofnung die ich hier dazu
gemacht mit so einer Art aufgenommen daß die Erkenntlichkeit allein mich dazu
verbinden wird selbige ganz zu erfüllen. Melden Sie also meinen Eltern (ich
hoffe, daß Sie unser Haus bisweilen noch besuchen v mit eben dem Vergnügen
v Zärtlichkeit oder wenigstens aufrichtiger Gutherzigkeit als sonst darinn
gesehen werden) als eine eigenhändige Nachricht von mir oder als eine Zeitung
des HE. Doctors, daß ich hier bleiben werde um die Aufnahme dieses
Antrages zu erfahren. Antworten Sie mir doch, wie dieses aufgenommen
werden wird mit erster Post. Geschieht hiedurch meinen Eltern Genüge; so
entschlüße mich dazu um Sie auf alle andern Fälle zufrieden zu sprechen v Sie
von meiner Aufrichtigkeit in meinen Briefen zu überführen, die ich ins
künftige werde einschränken müßen. So schwer es mir auch wird gegen Freunde
vorsichtig zu schreiben v mit Zurückhaltung. Ich danke denen die an meine
Umstände Antheil nehmen. Ich verlange aber im Glück nicht solche als
Schmäuchler sind v. in wiederwärtigen Fällen nicht solche, die mir durch
unzeitige Verweise v. übertriebne Klagen noch mehr unglücklicher beynahe
machen. 120 Thrl. Man hat mich umarmt v auf die tiefste Art
heruntergelaßen. Die Frau Gr. machte mir heute 4 ℔ Coffée pp. Ich habe eine neue
Stube v gewiß ein Haus das Vorzüge hat; es würde aber vor jeden andern
beßer als für mich seyn weil ich meinen Endzweck hier nicht erreichen kann.
Wenn ich mich ja entschlüße; so soll es nicht länger als auf ½ Jahr seyn, v
damit, mein lieber HE. Magister.. Gott befohlen. Eigennützige Anträge
machen mich nicht gefälliger; v selbst die Noth würde mich eher stolzer als
niederträchtig machen.
Ich würde Sie mit einem Briefe, der ganz aus dem Gleise geht, nicht
beschwert haben, wenn ich mich anders zu helfen wüste v wenn ich nicht das
gute Vertrauen behalte Sie so wenig verändert in Ihrer alten Neigung als
mich selbst zu wißen. Mit nächstem will ich Ihnen v. Ihrer liebenswürdigen …
ich wollte Hälfte schreiben; v. besann mich nicht daß S sie gegen Ihren
armen Mann jetzt ⅔ ist. Umarmen Sie doch mein liebes Mütterchen, danken
Sie Ihrem guten Herzen gegen ihren Sohn, der sein künfftiges Geschwister
schon im Geist biß auf ein Dutzend bewillkommt. … Verzeyhen Sie meinen
Scherz; Gott gebe.. Ich wollte Sie so glückl. daß Sie auch keine Wünsche mehr
bedürftig wären. Der HE. D. Ihr Bruder wird diesen Brief vielleicht mit
er. Nachricht seiner eigenen Umstände begleiten, die ich nebst vielen ehrl.
Leuten ihm beständiger v glücklicher gegönnt hätten. Schreiben Sie mir bester
Freund, v grüßen Sie meine übrigen. Ihrem Schatz küße die Hände.
Hamann.


Oben auf der ersten Seite:
Mit nächster Post liebster Freund Antwort; haben meine Eltern das
türkische Mssc. erhalten v schon Anstalt zu Übersetzung deßelben gemacht.































Johann Christoph Berens
oder dessen Vater






































Thrl. Reichstaler, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze, entspricht 24 Groschen (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)

Pfund
























Mssc. Manuskript von
George Bassa

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (5).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 16–19.
ZH I 79–81, Nr. 30.