33
Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Ende 1754
32 ◀ ZH I ▶ 34
ZH I, 85

25




30



S. 86



5




10




15




20
Geliebtester Freund,

Ich umarme Sie schon in Gedanken tausendmal; v. freue mich daß Sie
schon so weit sind. Um des Himmels Willen! vergeßen Sie nicht meinen
Nachfolger mitzubringen. Ich sterbe für S so viel Verlangen Sie zu sehen als
erlöst zu werden. Ein wenig Feuer wird ihm nöthig seyn. Ich wünsche ihm
etwas Anstand und mit desto mehr meinen Abschied zu erhalten.
Vielleicht wird mir Ihr Haus diejenigen Dienste thun, welche ein
Gefangener von einer Wiese hat, auf die er spatzieren gehen kann. Gott weiß
ich muß mich erholen, wenn ich nicht ganz von dem Geschlecht der
Menschen, meiner lieben Mitbürger, mit denen ich noch auf der Welt leben soll,
ausarten will.
Ich fürchte mich Sie zu sehen bey allem dem Vergnügen, das ich mir dabey
vorstelle. Wie werden Sie Ihren Freund finden; wenig gebeßert, vielleicht
ärger, als Sie denken. Machen Sie sich fertig; ich verlaße mich auf Ihre
Freundschaft.
Melden Sie mir ja Ihre Abreise v. vermuthliche Ankunft. Sie werden mich
doch auch besuchen. Wenn Sie doch einen Rußischen Fuhrmann bekommen
könnten, um einige Tage v Beschwerlichkeiten zu ersparen. Haben Sie
Reisegeld vom Magistrat erhalten? HE. B. meynte daß Sie dies fordern könnten.
Er wird Ihnen selbst daran gedacht haben. Ein paar Zeilen Antwort, Liebster
Freund, wenn es Ihnen mögl. ist.
Haben Sie die letzten Briefe an HE. Hennings v. Sahme erhalten per
Couv.
des HE. Bruders?
Ich schreibe gewaltig eilfertig. Entschuldigen Sie mich. Die Gelegenheit
wartet, ich habe kaum mr. Mutter Brief schließen können.
Vielleicht mit erster Post mehr, doch ich will erst Ihren Brief abwarten.
Leben Sie wohl, bleiben Sie mir gewogen.
Ihr liebes Matuschkachen grüßen v. küßen Sie von mir tausendmal, biß
ich es selbst werde thun können. Eylen Sie, eylen Sie, wie ich es thue,
bedienen Sie sich des guten Winters. Ich ersterbe Ihr treuer v aufrichtigster
ergebenster Freund.
Hamann.

Johann Gotthelf Lindner
hatte einen Ruf an die Rigaer Domschule erhalten.


Nachfolger als Hofmeister, vll.
Gottlob Immanuel Lindner


















Samuel Gotthelf Hennings
und
Gottlob Jacob Sahme
; die Briefe sind nicht überliefert.

per Couv. Einen Brief unter Einschluss versenden: den Brief einer Sendung an eine dritte Person beilegen, welche diesen dann weitergibt, vgl. Brief Nr. 36 (ZH I 92/20).










Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (28).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber: Neue Hamanniana. München 1905, 19.
ZH I 85–86, Nr. 33.