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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 12. Januar 1755
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Grünhof den 12 Jänner 1755,

Herzlich geliebteste Eltern,

Gestern habe endlich die durch den Fuhrmann angekommenen Sachen
erhalten. Ich wiederhole meinen Dank auf kindlich- und herzlichste für die viele
Mühe, die Sie sich gegeben mir Ihre Zärtlichkeit auch in der Fremde zu zeigen.
Gott vergelte Ihnen selbige und laße es Ihnen an keinem Guten auf der Welt
fehlen. Mit der Laute bin sehr zufrieden; weil der Herr Rittmeister nicht mehr
bey uns steht, sondern einige Meilen weiter, so denke morgen selbige nach ihn
abzufertigen. Ich habe sie heute rechtschaffen gebraucht und sie scheint mir
eine sehr gute Lage in der Hand zu haben. Des HE. Generals Excell. boten
mir schon heute einen expressen an sie ihm zu überschicken; weil ich aber
vermuthe daß er jetzt in Mietau ist, so will ich sie nach der Stadt befördern. Herrn
Reichard bitte von meiner Erkenntlichkeit jetzt mündlich zu versichern; ich
werde eine schriftl. v. thätliche auch nicht vergeßen. Seine Concerts habe heute
mit Entzücken versucht v ich warte mit Schmerzen meinen Nachbar den HE. M.
Haase um das Vergnügen zu genüßen sie vollkommener zu lernen v. zu hören.
Mit dem Marzipan habe ich meinen jungen HE. v der gnädigen Fräulein
ein angenehmes Geschenk machen können. Des HE. Generals Excell.
besuchten mich heute nach Ihrer Gewohnheit v erkundigten sich mit vielem Antheil
nach meinen lieben Eltern Wohlbefinden. Weil ich nicht heute oben gespeist
habe, wie man dies schon von mir gewohnt ist Geschäffte v. meiner natürl. v.
GemüthsFreyheit wegen, so werde ich noch einige Compli von der Gnädigen
Gräf. morgen zu erwarten haben, die s Sie sich zum voraus sehr abgemeßen
v leutseelig vorstellen können.
Den Gebrauch des Papiers v Lacks werde ich zu Ihren Willen anwenden,
v ich wünsche daß Sie alle meine Briefe, wozu ich beydes brauchen werde mit
Zufriedenheit v Freude erbrechen v. lesen mögen.
Mein Bruder hat sich mehr Mühe im Schreiben gegeben als ich ihm selbst
hätte zumuthen dürfen. Wenn mir Gott was auf der Welt zugedacht hat; so
soll ihm v. meinen Freunden alles zu Gebot v. zum Genuß stehen. Ich
wünsche mir thue bloß für andere, für würdigere als ich bin, diesen Wunsch,
dasjenige was man Glück nennt, zu besitzen. Wie lieb wäre mir eine Zeile von
ihm gewesen? Kann er mit gutem Gewißen sich entschuldigen daß er übereilt
worden; v hätte er mehr als eine viertelstunde nöthig gehabt an seinen
Bruder zu schreiben. Nicht der geringste Unwille nimmt an dieser Klage Theil, ich
weiß daß sie sich zu dem Dank, den ich ihm schuldig bin, nicht reimt, ich mag
aber lieber mein Herz rein ausreden als zurückhalten. Ich glaube daß wir auf
diese Art uns beyde am besten verstehen v am aufrichtigsten lieben können. Ich
hoffe, daß Sie meine beyde letzte Briefe werden erhalten haben v HE.
Magister auch den seinigen nebst einem Couvert mit Einschlüßen. Letzteres ist
durch seinen HE. Bruder gegangen. Antwort habe ich auch schon heute
erwartet v biß jetzt; die Hofnung aber dazu ist mir benommen. Vielleicht ist
meine neue Commission mit Börnstein schuld daran; Sie haben vielleicht erst
abwarten wollen daß ich überschickten erhalten möchte .. und dies wäre mir
lieb. Ich werde mich also wegen derselben jetzt deutl. erklären können. Ich
habe selbigen noch zurück behalten v Arm v Halsbänder für unsre gnädiges
Fräulein bestimmt; wenn selbige in meine Schule wird getragen werden, wie
dies öfters geschieht, weil ich nicht gern mit diesen Kleinigkeiten das Ansehen
haben will ins Auge zu fallen sondern mit der unschuldigsten v einfältigsten
Art selbige gern anbringen möchte. Die Ohrgehänge sind aber nicht, wie sie
die Frau Gräf. wünscht v daher habe mich von selbigen nichts merken laßen.
Sie hat welche gesehen, die ihr außerordentl. gefallen haben v von der Art
wünscht sie sich welche. Ich habe sie mir beschreiben laßen. Sie sind unten
ganz traubenförmig oder rund v gehen oben wie eine Birne zu; 6 auf jeder
Seite. Ich bitte Ihnen aufs äußerste um Verzeyhung, wenn Sie meine zu
frische Bitte als unverschämt ansehen. Mein Wille ist es nicht so zu seyn und
wenn Sie mich ja im Verdacht haben so soll es das letzte mal seyn, daß ich
Ihnen dazu Anlaß zu geben gedenke. Wenn Sie so gut seyn, so schicken mir
S selbige Geliebteste Eltern auf der Post; ich will das Porto gern bezahlen.
Man ist hier gegen dergl. Dinge nicht gleichgiltig v da man die Absicht meinen
Begierden v Neigungen in allem zuvorzukommen sich zutraut v mir gern zu
verstehen geben will, so glaube ich zu einem gleichen Gegenbezeigen genöthigt
zu seyn. Voller Vertrauen auf Ihre günstige Gesinnungen gegen mich
verspreche mir die Gewährung dieser Bitte; v bin eben so meiner vorigen in
Ansehung des persischen Originals gewiß. Ich umarme meinen lieben Bruder
von Grund der Seelen, er wird mir meine freye Erklärung nicht übel
nehmen, v ersuche ihn in Ansehung meines lieben Magisters mir etwas zu
schreiben oder ihn selbst dazu zu bewegen.
Gott laße Ihre Schritte und Tritte, Liebste Eltern, von seinem Seegen
begleitet seyn. Meine Regungen laßen sich nicht ausdrücken, mit denen ich Sie
verehre v. liebe. Schreiben Sie selbige keinem andern Bewegungsgrunde als
der Erkenntlichkeit v Hochachtung zu, mit der ich biß an mein Ende seyn werde
Ihr gehorsamster Sohn
Johann George Hamann.


Freunde und Freundinnen grüße schuldigst. Jgfr Degnern, das Zöpfelsche
Haus, was macht der ehrl. Zuckerbecker. Seine Arbeit ist als was seltenes
hier bewundert worden. Wird er mich nicht bald zur Hochzeit bitten können?
Leben Sie alle gesund v. vergnügt. Leben Sie wohl!
Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (23).

Bisherige Drucke:
Gildemeister I 63–65.
ZH I 91–93, Nr. 36.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
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Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): compli[ments]