38
Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner, Marianne Lindner, geb. Courtan
Grünhof, 17. März 1755
37 ◀ ZH I ▶ 39
ZH I, 94

5




10




15




20




25




30




35

S. 95



5




10




15




20




25




30




35


S. 96



5





10





15




20
Geliebtester Freund,

Ich ruffe Ihnen ein prophetisches Glück zu! in Ihrem neuen Amte, Hause
und Vaterlande von Grund des Herzens entgegen.
Wenn ich gewust hätte daß Sie die Nacht in der Oloy zubringen würden,
in einer so lieben Gesellschaft, wer weiß wozu ich mich entschloßen hätte? Mir
ist kein Vergnügen gegönnt v mit demjenigen, was mir unter Händen ist,
verstehe ich leyder nicht umzugehen. Vielleicht würde ich das Ihrige auch nur
verdorben haben. Wie kurz ist dasjenige gewesen, Sie zu sehen? Und wer
weiß, wenn ich es wieder genüßen werde? Wenigstens ist es mir unendl.
angenehm Sie jetzt nahe zu haben; v. wie herzlich will ich mich immer freuen,
wenn Sie mir gute Nachrichten von sich geben können. Machen Sie jetzt den
Anfang, ich bin recht ungedultig darnach.
Diese ganze Woche habe noch mit meiner Gesundheit v mit schwereren
Grillen als sonst zu thun gehabt. Die erste ist jetzt leidlich.
Was meynen Sie wozu ich mich entschloßen habe? Noch 2½ Monath
zuzulegen. Ja in dieser Zeit werde ich Sie schwerlich zu sehen bekommen. Wie viel
traurige Betrachtungen stelle ich des Tages über mich und meine Umstände an; ich
glaube daß kein einziger meiner Gedanken richtig ist, weil selbige mehr Affekten
als Urtheile sind. Ich will jetzt mein möglichstes thun mich aufzumuntern.
Haben Sie mit HE. Wilde sich näher eingelaßen, als dieser Brief zeigt. Ich
habe nur die Hand v den Anfang sehen laßen. Man ist wieder ihn
eingenommen, weil man sich fürchtet, daß er die Praxin anstatt der Schule treiben
möchte. Es würde eine Unbilligkeit seyn sie ganz im bloßen zu laßen; ich würde
auf seine Ankunfft vielleicht demohngeachtet einige Wochen warten müßen v
für uns beyde ist es eine Erleichterung für keine Wahl gutsagen zu dürfen.
Meine gröste Angelegenheit beynahe ist jetzt die Einbildung meiner lieben
Eltern zu befriedigen. Ich glaube daß es auch dadurch einigermaaßen geschehen
kann, wenn ich noch eine kurze Zeit an einem alten Orte bleibe.
Es ist mir eingefallen an HE. Bucholz zu schreiben, vielleicht wird der sie
ein wenig zufrieden sprechen können. Ich habe es auch heute schon gethan.
Sie können sich die Verlegenheit nicht vorstellen, in der ich gewesen bin mich
zu entschlüßen. Mein Gemüth macht mich zum Narren. Ich bin wie ein
Gefangener, der die Freyheit liebt wünscht und sich geben kann, der aber das
Herz dazu nicht hat anderer Ruhe v Ehre mit seinem Glück zu stören.
In Ansehung Ihrer habe ich auch nachgedacht, daß meine zu geschwinde
Ankunft Ihnen vielleicht auch einiger maßen beschwerlicher hätte seyn können.
In ein paar Monathen werde ich Sie ruhiger und eingerichteter finden. Wenn
Sie mich denn aufnehmen können v. wollen, so würde es für uns beyde beßer
seyn. Ich thue gewiß Unrecht Ihnen so viel von mir selbst hinzuschwatzen, da
Ihnen der Kopf von Ihren eignen Geschäften voll genung seyn wird. Darf
ich wohl Ihrer Freundschaft deswegen eine Entschuldigung machen? Ich
ersuche Sie dafür recht sehr, mich mit gleicher Münze zu bezahlen. Darum ist
es mir lieb gewesen Ihnen durch Gelegenheit schreiben zu können, weil Sie
sicherer als mit der Post sind.
Schicken Sie mir doch etwas von Neuigkeiten z. E. den Ragout à la mode,
wenn Sie können. Ich habe Ihre Redekunst in 2 Abenden mit sehr viel
Vergnügen zu Ende gebracht; biß auf Ihre eigene Ausarbeitungen hinten, die ich
heute noch zu lesen gedenke. Hätte der Rector nicht dem ältesten auf dem Titel
vorher gehen sollen? Ich habe Ihnen schon dies immer in Mietau fragen
wollen; v nicht dazu kommen können. Die Qvellen des Geschmacks, auf die Sie
immer darinn verweisen, machen allein dies Buch zum brauchbarsten und
neusten. Sie haben fast keinen einzigen Autor vergeßen, der jungen Leuten
nützlich seyn kann, und zu den schönen Wißenschaften gehört. Demjenigen
Titel, den Sie mir darinn gegeben zufolge, behalte ich mir die Freyheit vor
Ihnen noch einige kunstrichterl. allgemeine Anmerkungen oder Fragen
aufzugeben; zu denen ich heute nicht Zeit habe und der ich mich auch noch enthalte,
weil ich noch nicht zu Ende bin. Ich habe heute die Recension eines schönen
Buchs von Mr. Estéve in den Hamburgischen Zeitungen gelesen, um das wir
uns Mühe geben wollen.
Berichten Sie mir doch so viel es Ihre Zeit zuläst, wie Ihre Aufnahme
gewesen, Ihre Introduction abgelaufen v. was dabey vorgefallen. Sie können
sich leicht vorstellen, wie neugierig ich nach allen diesen Dingen bin? An
unsern lieben Berens werde gleichfalls noch schreiben. Melden Sie mir doch wie
oft Sie bey ihm gewesen sind. Gestern habe ich Ihnen beyden in Gedanken
Gesellschaft gemacht. Hab ich recht gerathen?
Ich hätte an Ihr liebes Marianchen eher gedacht, wenn ich nicht im Sinn
hätte noch selbst an Sie ein klein franzöisch Compliment anzuhängen. Sie ist
doch wohl gesunder angekommen, als sie von Mietau abreiste.
Ich bin zu müde v zu schläfrich fortzufahren. Laßen Sie mich Abschied
nehmen. Ich umarme Sie. Leben Sie wohl v denken Sie so oft an mir als ich an
Sie denke. Ewig der Ihrige.
Was meynen Sie, wie ich zu Hause fuhr begegnete mir M. Haase, mein
erwünschter Nachbar, auf halbem Wege um uns zu beschleichen. Sie werden
sich gewiß einander hoch halten wenn Sie sich kennen lernen werden. Weil er
von mir erfuhr, daß Sie schon abgereist wären, so kehrte er um v. machte sich
aus Lust zu meinem Ischwonick. Er hat mich auch wie ein ehrlich Mann
gefahren. Nun will ich Ihnen auch das letzte Adieu in diesem Briefe sagen. Ihr
Frauchen kann biß Morgen warten wozu verkroch sie sich letzt vor mich da
Sie mir hätte entgegen kommen sollen wie ihr lieber Mann that.

Am unteren Rande der zweiten Seite:
NB. Sie haben den Alembert angeführt; Liebster Freund, wenn Sie seine
Memoires de Litterature haben, schicken Sie mir doch ja selbige.

Aimable moitié de mon Ami,

La coeffure Livonienne comment Vous va-t-elle? Comment Vous

plaisez Vous au nouveau cercle des soeurs de Caffé, et comment Vous
accommodez-Vous de Votre ménage? Pardonnez, Madame, ma curiosité
impertinente et regardez-la comme un desir impetueux de Vous
vouloir content et à Votre aise. Mais treve de paroles! Mes sentimens leur
font nargue; car je suis et serai toujours avec une amitié aussi
respectueuse que tendre Madame Votre très humble et très devoué serviteur
Grunhof. ce 17. Mars. 1755.
Hamann.

Amte
Johann Gotthelf Lindner
als Rektor der Rigaer Domschule


Oloy vll. Olaine, Lettland [56° 47′ N, 23° 57′ O], 20 km südwestlich von Riga




Sie zu sehen Sie hatten sich wohl in Mitau (heute Jelgava [Lettland], 40 km südwestlich von Riga) kurz getroffen, Brief Nr. 40 (ZH I 101/4).












Peter Ernst Wilde
, der als Nachfolger Hs. als Hofmeister bei den v. Witten vorgeschlagen war (wohl mit Lindners Vermittlung).


Praxin Arztpraxis



























Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)









Pierre Estève
, vll. Traité de la diction (Paris 1755), oder L’Esprit des beaux-arts ou Histoire raisonnée du goût (Paris 1753)


















Ischwonick Kutscher


















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (7).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber, Neue Hamanniana (München 1905), 19–21.
ZH I 94–96, Nr. 38.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
96/14 plaisez
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: plai|scz  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): mechanisch entstellte Zeilenanfänge. Lies sez  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): plaisez
96/15 accommodez-Vous
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: ac|iommodez-Vous  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): mechanisch entstellte Zeilenanfänge. Lies commodez  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): accommodez
96/16 impertinente
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: mpertinente  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): mechanisch entstellte Zeilenanfänge. Lies impertinente  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): impertinente