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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Meyhof, 11. April 1755
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ZH I, 100



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Meyhof den 11 April 1755.

Geliebtester Freund,

Ihr Herr Bruder wird Ihnen vielleicht schon eine witzige Beschreibung
unserer Rückreise mitgetheilt haben. Wenigstens überlaße ich ihm diese Arbeit,
cui impar ego. Ich erkenne auf das zärtlichste die Freundschaft, die ich in
Ihrem Hause genoßen; weil ich selbige als eine Fortsetzung der alten ansehen
kann: so darf ich Sie durch meinen Dank nicht mehr aufmuntern damit
fortzufahren. Auch ohne dieser Betrachtung, Geliebtester Freund, würde ich mich
dem Vergnügen an Sie zu schreiben nicht so lang entzogen haben, wenn es
mir eher möglich gewesen. Die Feyertage habe ich bey dem lieben HE. D.
zugebracht v wir haben uns beyderseits die Zeit lang und kurz wie wohl auf
eine ziemlich angenehme Art werden laßen. (Ich habe mich gewundert, daß er
seinen Geschmack an der Einsamkeit oder kleinen Gesellschafften die einförmig
und ungezwungen sind, für ihm sind, noch nicht verloren) Den letzten wurde
ich von meinen jungen HE B. in einem neuen, funkelneuen und prächtigen
Schlitten nach Hause geholt. Weil unsere Absicht war gleich nach den
Feyertagen in Grünhof zu seyn, so war ich weder mit Schreibergeräth versehen noch
sonst im stande dazu. Unser Versuch lief verzweifelt ab. Seitdem bin ich 8 Tage
wie im Arrest hier, wenigstens mit dem Verdruß eines Gefangenen. Seit
gestern finde ich mein Geblüt Blut und mein Gemüth etwas leichter. Es
verdrüst mich am meisten Ihrem HE. Bruder so nahe zu seyn v ihn nicht
besuchen zu können. Wir sind hier beynahe fast umschwommen, von der Stadt
v also von Stadtbesuchen abgeschnitten; v wegen der Dauer uns.
Auffenthalts in der grösten Ungewisheit. Mit der ersten Möglichkeit der
halsbrechenden Gefahr ausgesetzt nach unsern Kedarshütten zu wandern. Sie können
unterdeßen Ihre Briefe addressiren wo sie wollen, (am besten nach Grünhof)
weil sie gleich sicher v. gewiß gehen. Damit ich die meinigen nicht übersetzen
so will ich die Entschuldigungen nicht weiter anführen, an die ich schon in
meinem Briefe an HE B. gedacht habe. Ich vermuthe, daß selbiger
gegenwärtiger morgen früh abgehen wird v daß ich die von einem lieben Mutterchen
geliehene Serviette werde beylegen können. Meinem Willen nach und meiner
Schuldigkeit gemäß auch noch einige Danksagungszeilen an Ihr. Ich kann
gewiß für nichts gut sagen, ob ich eine Zeile oder eine Seite in einer Stunde
schreiben kann weiß ich eben so wenig als was.
Ich fand eben bekamm eben als in Mietau ankamm, einen Brief von
Hause, in dem meine Eltern besonders v mein Bruder Sie aufs herzlichste
grüßen und 1000 sage tausend Gutes anwünschen laßen. Glauben Sie, daß
diese Alten es Ihnen eben so als ich selbst gönne. Unsere beyde Briefe haben
sich Gesellschaft auf der Post gemacht v mein Vater hat sich sehr darüber
gefreut in beyden gute Nachricht zu erhalten. Sie müßen ihm unsere späte
Mitausche erste Unterredung ihrer Länge nach gemeldt haben. Er schreibt daß er
uns gerne hätte im Winkel biß 2 Uhr des Nachts zuhören mögen. Meine
Briefe an HE D. Lilienthal v Diac. Bucchholtz sollen eine sehr günstige
Aufnahme gefunden haben; in Ansehung des letzteren werde ich selbige am besten
aus seiner Antwort schlüßen können.
Ihr erster Brief, Liebster Freund, aus Riga ist sehr kurz gewesen. Ich hoffe
nicht, daß selbiger das Maas seiner Nachfolger seyn wird. Schmieren Sie wie
ich, wenn Sie nicht schreiben können. Ich beschwöre Sie darum. Wie ist ihre
Introduction abgegangen? Wovon haben Sie geredt? Ist der Wein, den wir
Ihnen ausgetrunken, schon wieder ersetzt worden? In Ansehung der Histor.
select.
v. der Eclogae Ciceronis von Olivet können Sie selbst urtheilen,
daß ich selbige noch nicht habe mitschicken können weil sie in Grünhof sind.
Sind sie mit Ihrer neuen SchulEinrichtung schon fertig? Besteht selbige in
neuen Misbräuchen oder wirkl. Verbeßerungen.
Mein Bruder hat mich sehr gebeten der Unterhändler uns. Briefwechsels
mit HE Secr. Sahme zu seyn. Er hat noch me. letzten Briefe zurückbehalten;
weil er se. addresse nicht weiß. Wenn eine nöthig ist; so melden Sie mir doch
selbige; damit ich ihn darauf antworten kann. Wir wollen diesen redlichen
Freund nicht vernachläßigen. Vergeßen Sie nicht diesen Punct.
Haben Sie meinen Nachfolger abgeschrieben; meine Eltern wißen schon
davon. Sie werden es gleichwol noch bey Gelegenheit thun können
Geliebtester Freund. Ist meine künfftige Stube schon geräumt? und Ihre Bibliotheck
schon in Ordnung? Es thut mir leyd mich nicht beßer daraus versorgt zu
haben, weil es mir hier daran fehlt. Die Ihrigen werden Sie bey meiner
Rückkunfft v ein wenig mehr Ruhe mit dem ergebensten Dank, den ich Ihnen
dafür schuldig bin erhalten?
An HErrn Gericke werden Sie meine freundschafftl. Grüße nicht vergeßen
haben pp was ich Ihnen an denselben aufgetragen. (Entschuldigen Sie meine
Feder, ich habe kein Meßer sie zu beßern.) Sind die Entretiens historiques vor
mir erstanden? Sollten Sie von St. Real seyn, so werden Sie selbige dem HE.
Berens mittheilen; ich bin in Ansehung des Titels ungewiß. Er wird diesen
Schriftsteller vielleicht noch nicht kennen v nicht weniger lieb seyn ihn zu lesen
als St. Mard der ihn mit Recht seinem Zeitgenoßen dem St. Evremond
vorzieht. Wiederholen Sie dem HE. Gericke die Versicherungen meiner
aufrichtigen Ergebenheit; v bitten ihn um eine Nachricht der für meinen Nachbar
erstandenen Bücher nebst der bey Gelegenheit gütigen Ueberschickung derselben.
Die von HE. Berens mir aufgelegte Buße in Ansehung des Toppe ist von
mir gewißenhaft übernommen v. ausgeübt worden. Ich laß selbiges v muste
bekennen daß ich mir zu sehr hatte einnehmen laßen. Die Schuld liegt sehr an
dem Sylbenmaaß, daß mich beständig irre macht v worinn ich gar nicht
geläufig bin. Ich habe nachher gefunden, daß er in den Wißenschafften sich über
diese einsylbichte Freyheit, wie er es nennt, erklärt hat. Mein Ohr ist
wenigstens damit nicht zufrieden. Der Rythmus v der Wohlklang deßelben ist bey
Gedichten wesentl. als der Reim. Ich war also schon wie Sie sehen auf meines
Freundes Seite. Des Zachariä Epische Gedichte fielen mir darauf in die Hände,
sie verdarben meinen Geschmack v die ersten Eindrücke sind gar zu lebhafft
dadurch bey mir geworden, daß ich nicht anders als auf mein erstes Vorurtheil
wieder zurückschlagen sollte. Einzeln ist des Toppe… in Vergleichung weniger
als mittelmäßig. Wie schön hat Horatz den Satz bewiesen, für den unsere
Empfindung kein Meyersches W. Z. E. keine Ästetic nöthig hat; nec Dii nec
columnae concessere poetas esse.
Ich habe die Gerichte vergeßen, die er seinen
Leser aufträgt um ihren sinnl. Geschmack zu probiren. Die Stelle wird Ihnen
bekannter als mir seyn. Ich nehme noch eine seiner Regeln zu Hülfe um
meinen Eigensinn zu rechtfertigen. Kleine Fehler, sagt er, beleidigen mich nicht
wo mich das ganze entzückt. Sollte dieser Satz nicht eben so wahr als richtig
von abgesonderten Schönheiten seyn. Zieren oder verstümmeln Sie? nicht so
gut einen Toppe als einen Noah? Laß uns einen Stutzer wie Horatz einen
Tischgast darüber um Rath fragen.
Das Gedicht über die Wißenschafft hat ähnl. in Ansehung der Materie und
der Erfindung noch größere Mängel. Ich habe ihn selbst nicht bey Hand v kann
mich auf nichts beruffen sondern muß bloß meinem dunkeln Gedächtnis v
Vorstellungen nachschreiben. Melden Sie wenigstens uns. Freunde, daß seine
Bekehrungsmittel nicht haben anschlagen wollen; nicht aber daß ich mich
vorgenommen mein Herz selbst zu verstocken.
Wozu führt mich meine Schwatzhafftigkeit? Dank sey es meinem Glück,
daß ich an Freunde schreibe, die demjenigen Muster gleich sind, deßen Idee
das zum schönsten Trauerlied einem Dichter an die Hand gegeben
Die Zeit, Entfernung, Glück,
Was ich geredt was ich gehandelt
Selbst meine Schwachheit nie verwandelt.
Wenn Sie sich sehen, umarmen und lieben; so denken Sie an mich, liebster
Freund, wie derjenige, den wir beyde mit gleicher Zufriedenheit so nennen.
Schreiben Sie mir so bald es Ihre Geschäffte zulaßen; so viel als mögl. so
gerüttelt v geschüttelt als ich es Ihnen zubringe. Entschuldigen Sie mich,
beurtheilen Sie mich nach meinen Gesinnungen, wir haben alle ein Dintenfaß
v eine Feder im ganzen Hause. Ich habe wahrhafftig nicht beßer schreiben
können als ich geschrieben. Mein Anderes Genius wird Sie Ihnen lesen
lehren helfen. Leben Sie wohl. Ich bin Zeitlebens Ihr aufrichtigster
Meyhoff den 11 Aprill 1755.
Freund Hamann.
Meyhof Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof) in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]




cui impar ego dt. dem ich nicht gewachsen bin












Grünhof Zaļā (Zaļenieku) muiža, 70 km südwestlich von Riga, 20 km südwestlich von Jelgava/Mitau, Lettland [56° 31' N, 23° 30' O]








Kedarshütten Ps 120,5, Hld 1,5 (Nomadenzelte)




Briefe nicht überliefert






Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)








Briefe nicht überliefert



Brief nicht überliefert













































Gerichte vergeßen
Hor. ars
374,76ff.: »ut gratas inter mensas symphonia discors /et crassum unguentum et Sardo cum melle papaver /offendunt, poterat duci quia cena sine istis« / »Wie an einladender Tafel ein Musikerensemble stört, das sich uneins ist, wie fettiges Salböl stört und Mohn mit sardinischem Honig, weil man das Mahl auch ohne hätte abhalten können ...«
Hor. ars
372ff.: »mediocribus esse poetis / non homines, non di, non concessere columnae« / »Mittelmäßigkeit haben den Dichtern nicht die Menschen und nicht die Götter noch die Ausstellungspfeiler erlaubt« (Brief Nr. 170 (ZH I 450/23))



kleine Fehler
Hor. ars
351f.: »verum ubi plura nitent in carmine, non ego paucis /offendar maculis« / »Doch wenn in der Dichtung vieles leuchtet, beleidigen mich nicht wenige Flecken, die Mangel an Sorgfalt darauf goß ...«



Noah wahrscheinlich
Bodmer, Noah










Trauerlied nicht ermittelt












Meyhoff Gutsbesitz der v. Wittens; wohl Meijas muiža (Maihof) in Jelgava/Mitau, Lettland [56° 39' N, 23° 42' O]

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (8).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber, Neue Hamanniana (München 1905), 21–23.
ZH I 100–103, Nr. 40.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
100/27 übersetzen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies etwa übersetzen [lassen muß]