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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 28. Mai 1755
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Grünhof den 28 May 1755.

Herzlich geliebtester Freund,

Auf wenig Augenblicke nur. Sie werden wie ich hoffe einen andern von mir
geschriebenen Brief durch erhalten, den ich gestern noch ganz spät mitten in
den Schlüßen des Oest vertieft, auf wiederholtes Ersuchen in der Eil
abfertigte. Sie würden mich hiedurch auch einiger maßen verbinden, wenn Sie
sich noch einmal dieser Sache annehmen. Ich weiß nicht was ich für langer
Weile anfangen soll um bald bey Ihnen zu seyn. Was für einen Abend haben
Sie mir mit Ihrer Predigt gemacht? Ich danke Ihnen unendlich dafür ich
habe nichts anders gethan als in Gedanken mit Ihnen geredt, daß mir das
Blut ins Gesicht stieg. Treiben Sie keinen Scherz mit einer Postille; sie können
leicht dazu kommen wieder ihren Willen. Ich möchte beynahe wetten, daß Sie
schon zu einer andern gebeten sind.
Heute frühe habe ich Ihren Brief an HE. Bruder abgefertigt an den ich eine
Woche nicht geschrieben meiner Cur, v Grillen wegen, die beyde jetzt aufgehört
haben. Es ist auch in der Zeit daß ich ihn erhalten keine Gelegenheit
abgegangen, mit der ich hätte schreiben können.
Was macht denn Ihr liebes Marianchen, mein junges Mütterchen. Befindet
sie sich wohl? Die Haare haben mir bey dem Schrecken zu Berge gestanden
daß Sie gehabt haben. Gott Lob daß alles vorbey ist! Es ist ein alter Einfall,
daß die Erinnerung eines genoßenen Glücks nicht bisweilen so angenehm ist
als einer überstandnen Gefahr.
Ihren Vernünftler habe durchgelesen; nicht ohne Vergnügen. – – Meine
Stunden sollen angehen. Ich weiß nicht was ich schreiben soll.
Die Sammlungen zum N. v. V. sind eine schöne v neue Sittenschrift. Ich
hielte Oest für einen Rasenden v war begierig sein Todt amphibisches
Todten Gespräch zu durchlaufen. Jetzt wird es geheftet v ich erhalte es heute
wieder, da ich meine Nachlese halten werde. Begnügen Sie sich an dem
Urtheil des Plato über den Heraclitus. Ich bin sehr geneigt ihn zu entschuldigen.
Ist Ihnen die Nachahmung des Baumelle nicht auch in die Augen gefallen in
sehr viel Wendungen seiner Schlüße? Die Streitschriften derselben sind
zusammen gedruckt v würden uns mehr Licht geben. Ein groß Unglück, daß
Ditton falsch schlüst, leidt die Unsterblichkeit der Seele darunter? Was dünkt
Ihnen von dem angehängten Gedicht; als ich zum ersten mal es in die Augen
bekam versprach ich mir nichts von dem ganzen Werk. Es schien mir aus
Bedlam, der Engell. Tollhaus datirt zu seyn; ich beurtheilte darnach die
ganze Schrift.
Wenn der Materialismus nicht der Vernunft begreiflicher wäre; wozu
hätte uns das Gegentheil durch eine besondere Offenbarung ausgemacht v
entdeckt werden müßen. Die Vernunft eine Kunst der Menschen. Ich finde
einen großen Sinn in diesem Gedanken oder Ausdruck. Genung.
Was macht unser liebe Berens? Sagen Sie ihm, daß ich nicht nach Riga
kommen werde, wenn er mich nicht auch ein gut Wort schriftl. darum gönnt.
Er soll sich unpäßl. befinden. Ich glaube dieser Nachricht nicht so
schlechterdings.
Nun liebster Freund, wenn Ihnen so viel daran gelegen ist mich wieder zu
sehen als mir an Ihnen: so werden Sie sich einige Mühe geben. Um meinet
auch einiger maßen um Ihrer selbst willen. So wenig ich mir jedermann zum
Freunde wünsche; so gerne sähe ich, daß die ganze Welt Sie so hoch halten
schätzen v. verbunden seyn müste, als ich.
Genung. Wollen Sie mir die andern Theile des Vernünftlers schicken; so
wäre es mir lieb. Den verlangten Hume sollen Sie mit erster Gelegenheit
haben; mit einem Brief an unsern Freund, den ich jetzt auf das herzlichste zu
grüßen bitte. Meine Cur v lauter Schaarwerk, der Anfang zum Einpacken pp
haben mich abgehalten ihm noch nicht zu schreiben v jetzt ist es s zu spät.
Wie vergnügt wollen wir leben? Wollen Sie mich auch recht im Ernst so
gern haben als Sie mir schreiben.
Was meynen Sie, ich habe beynahe in 3 Wochen nicht an meine Eltern
schreiben können? Dem letzten nach waren Sie gesund. Haben Sie gute
Nachrichten von Hause.
Ich bitte um alles, worum Sie bitten, v will Ihnen jederzeit 10 v 100 fältig
mehr als mir selbst wünschen. Freund! und Freundinn! Ich küße Euch Mund
v. Hand! Lebt wohl! Lebt wohl.

Am Rande der ersten Seite:
Einlage bitte abzugeben an meinen ehrl. Baßa.



Brief nicht überliefert





Predigt wohl ein Brief mit Ermahnungen


Postille Sammlung von Predigten


gebeten vll. von Hs. Vater














Todten Gespräch
Oest, Das Siechbett


vll.
Diog. Laert.
2,5,22: »Was ich davon verstanden habe, zeugt von hohem Geist; und, wie ich glaube, auch was ich nicht verstanden habe; nur bedarf es dazu eines delischen Tauchers.«




Humphry Ditton
, dessen Thesen in
Oest, Schlüsse eines Materialisten
diskutiert werden.

Gedicht »Schreiben an Doris« in
Oest, Schlüsse eines Materialisten


Bedlam Bethlem Royal Hospital, psychiatrische Klinik in London; in
Hamann, Lettres néologiques
wird »Bedlam« als fingierter Druckort auf dem Titelblatt stehen.
















Für
Johann Christoph Berens
sollte Hamann wohl die Essays von Hume besorgen – Brief Nr. 52 (ZH I 127/18).














Baßa
George Bassa
Einlage nicht überliefert

Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (11).

Bisherige Drucke:
ZH I 111–113, Nr. 44.