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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Memel, 15. November 1752
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ZH I, 13



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S. 14



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Mümmel. den 15 Nov. 1752.

Herzlich geliebteste Eltern,

Ich bin Gott Lob! in Memel gesund, glücklich und vergnügt angelangt.
Unsere erste Nacht wird Ihnen ohne Zweifel Herr Wagner erzählt haben. Seine
Gesellschaft hat mir die erste Meile von Königsberg gute Dienste gethan;
dafür Sie so gütig seyn werden ihm in meinem Namen Dank zu sagen. Ein
gewißer Kaufgesell, HE Eckart, der gleichfalls nach Riga geht, v. weil er
schon in Liefland bekannt ist, auch eine liefländische Lebens Art besitzt, nebst
einem ehrlichen Armenianer aus Persien, der den guten Willen hat uns vieles
aus seinem Lande zu erzählen, wenn er deutsch könnte, sind noch meine
Reisegefährten. Die andere Nacht haben wir in Muscheln Lager gehalten; v. sind
Dienstags darauf gegen 7 Uhr mit dem besten Winde, bey sehr trüben Wetter
aber Nachmittags um 4 angelandet. Wir ließen uns so gleich Coffée machen,
speisten mit unserm Wirth darauf; v unterhielten uns biß zum Schlafen
gehen mit einem Unter Officierer aus Rußischen Diensten, einem Herrn von
Palmstrauch.
Meiner lieben Mama zu gefallen, will ich noch berichten, daß
unser Wirth Sperber heist, ein Freund von den Königsbergischen v folglich
zugleich von der Frau Schuberten seyn muß; seine Frau liegt in Wochen.
Heute ist Mittwoch früh, meine Schlafgesellen liegen noch ruhig im Bette.
Ich habe noch nicht den Herrn Diac. Hübner besuchen können, denke aber
nach dem Frühstück zu ihm zu gehen. Wills Gott! in meinem zukünftigen
Briefe will ich berichten, was er mir guts sagen wird. Mein Schreibgeräth ist
nicht das beste; die Buchstaben können daher auch nicht gerathen.
Ich hoffe übrigens, daß meine liebe Mutter sich zufrieden geben wird. Ich
habe den besten Fuhrmann von der Welt, ein rechtschaffener, bescheidner v
liebreicher Mann. Herr Eckart besitzt alle Artigkeit eines Menschen, der zu
leben weiß, er hat mich die erste Nacht unter seinem halben Pelz schlafen laßen,
v gestern damit gleichfalls auf dem Haafe gedient. Herr Gehrke kann noch
nicht aufwachen; ich habe also nicht nöthig mit meinem Briefe zu eilen.
Ich kann mich Gott Lob; lieber Papa, über nichts beschweren, als daß ich noch
in Wirthshäusern ein wenig zu blöde v. leutescheu bin. Ich verlange mit
Schmerzen über die Preußische Gränzen zu seyn, v. der Fuhrmann macht uns
Hoffnung heute noch ins Polnische zu führen. Herr Gehrke wünscht mir eben
jetzt einen guten Morgen, er hat mir seinen Gruß an meine liebe Eltern zu
machen aufgetragen. Zu Mittag fahren wir fort.
Ich küße Ihnen die Hände, u. bitte beyliegenden Brief an meinen Bruder zu
bestellen. Ich bitte mich dem Andenken aller guten Freunde, insbesondere der
Frau Lieutenantin, Jgfr. Degner, dem HE. Mag. Lindner, HE. Karstens, dem
Rentzen- v. Zöpfelschen Hause zu empfehlen. Der liebe Gott erhalte Sie
gesund, meine GeEhrteste Eltern; aus Liebau können Sie sich auch vielleicht
ein paar Zeilen von mir versprechen. Ich vertraue mich der Göttl. Vorsehung
u. Ihrem herzlichen Gebeth an, u. bin Ihr gehorsamster Sohn
JG Hamann.
Mümmel Memel, heute Klaipėda [55° 42′ N, 21° 8′ O]



Friedrich David Wagner
, Nachbar der Fam. Hamann, vgl.
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 324/39





Armenianer wahrscheinlich Haggi Painter (Hadzi Bagender), ein Kaufmann


Muscheln nicht ermittelt

Winde über das Kurische Haff





Johann Gottfried Sperber (Wirt in Memel)

Schuberten nicht ermittelt






















Liebau heute Liepāja in Lettland [56° 31′ N, 21° 1′ O]




Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (2).

Bisherige Drucke:
Gildemeister I 29–31.
ZH I 13–14, Nr. 5.