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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter), Johann Christoph Hamann (Bruder)
Grünhof, 18. Dezember 1755
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ZH I, 125


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Herzlich Geliebteste Eltern.

Aus Grünhof; den 18 Dezember:) gestern Mittags angekommen. Gott
gebe, daß Alles gut und nach seinem Willen gehe. Ich habe heute nicht Zeit
mehr zu schreiben; und wünsche mir mit erster Post die besten Nachrichten
von Ihrem allerseitigen Wohlbefinden. Sind Sie mit meiner Entschlüßung
zufrieden? Hier scheint man es wenigstens sehr zu seyn. Es gehe, wie es gehe,
pp. Ich hoffe die beyden Bücher mit HE. Lindner zu bekommen. Ernesti ist
wieder vermuthen in Mietau, wo ich ihn jetzt durch den jungen HE. habe holen
laßen. Beßer wenn ich ihn selbst dabey habe, v es ist ohnedem hier nur ein
einzig Exemplar. Schreiben Sie mir doch bald, Geliebtester Vater, und recht
viel. Es wird mir eine große Aufmunterung seyn, von Ihnen gebilligt zu
werden. Ich küße Ihnen mit der kindlichsten Hochachtung und Zärtlichkeit die
Hände und ersterbe mit den Gesinnungen eines gehorsamen Sohnes.
Johann George Hamann.


Nachschrift an meinen Bruder.

So sieht ein Römer, den seine undankbaren Mitbürger verjagt, seine
Vaterstadt wieder weder durch die Schande seiner Verweisung noch durch die Ehre
seines Rückrufs gerührt, als – – mach den Nachsatz selbst, mein lieber Bruder.
Dienstag vor 8 Tage aus Riga abgereist bey einem fürchterl. Wege von
Eißschollen und Fluthen, 2 Nächte im Kruge zugebracht und den dritten Tag erst
angekommen; alles aber sehr angenehm in der Gesellschafft des besten
Reisegefährten und Freundes, ich meine den HE. Regimentsfeldscherer Parisius.
Meine Absicht war mich ein paar Wochen bey dem HE. Doktor in Mietau
aufzuhalten. Man hörte meine unvermuthete Ankunfft und ich erhalte
unvermuthet vorgestern einen Wagen, der mich gestern in Gesellschafft eines
hiesigen Hofgerichts Advocaten hergebracht hat. Me voici! Mehr wird die Zeit
lehren. Ich wünsche nichts als zum Nutzen der jungen Herren hier seyn zu
können. Vielleicht kann ich mir mehr von meiner Mühe als jemals
versprechen, ohngeachtet ich öfters genung dafür bin geschmäuchelt worden.
Schreibe mir mit ehesten, mein lieber Bruder. Ich werde jetzt mit Ernst jetzt
an meine Abhandlung gehen. sie mag mir kosten was sie will. Melde mir doch
Neuigkeiten, nur keine portugiesische Anecdoten, die sind gar zu traurig für
unser Geschlecht und für unser Zeitalter. Wo ist der Weise, der dem Bilde des
Horatz ähnlich sehen kann bey einem solchen Falle.
Ich habe nicht Zeit übrig. Lebe Sie gesund, und vergnügt. Gott wache
über unser Haus! Grüße alle gute Freunde; Jgfr. Degnerinn v andere. Ich
umarme Dich und bin zeit lebens Dein Freund und Bruder
Hamann.


N.S. M. Hase hat nichts erhalten. Du must nicht ordentlich bestellt haben,
mein lieber Bruder. Ist noch keine Antwort oder irgend andere Nachricht von
M Secr. Sahme eingelaufen? Lebe wohl, lebe wohl.





Es gehe ... Aus dem Kirchenlied »In allen meinen Taten« von
Paul Fleming
.


Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)









Römer Coriolanus, der röm. Feldherr, der wegen seines Stolzes von den Plebejern vertrieben wurde. Als Coriolanus zur Rache Rom erobern wollte, können erst das Flehen und die Selbstmord-Drohung seiner Mutter und seiner Frau ihn zum Abzug bewegen. Überliefert von
Plut. vit.
, zu Alkibiades/Coriolanus, der sich auf Dionysios von Halikarnassos stützt.










da bin ich






portugiesische Anecdoten Erdbeben in Lissabon am 1.11.1755, vgl. Brief Nr. 56 (ZH I 137/22); zu Hamanns Haltung dazu siehe Graubner (2008) sowie Wolff (2008).

wohl Anspielung auf die Charakterisierung des Weisen in
Hor. epist.
I,1










Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (31).

Bisherige Drucke:
Gildemeister I 77–78.
ZH I 125–126, Nr. 51.