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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, vmtl. 19. Dezember 1755
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ZH I, 126

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Grünhof Freytags zu Mittag.

Geliebtester Freund,

Ich hätte schon aus Mietau an Sie geschrieben, wenn ich nicht unvermuthet
wäre abgeholt worden; und mich der Ungedult anderer hätte beqvemen
müßen. Nun bin ich wieder zu hause; ein kleines Flußfieber nebst neuen
Zähnschmerzen wie ich bey Ihnen gehabt habe, macht mir die Zeit etwas
verdrüßlich; im übrigen bin sehr zufrieden. Sie vermuthen von mir keine lange
Danksagungen; ich erkenne alle die Freundschafft, die ich von Ihnen so wohl als
meiner lieben Freundinn genoßen. Schreiben Sie es meinem Schicksal zu,
wenn ich derselben länger gemisbraucht, als es Ihnen beqvem und mir
anständig gewesen wäre. Die Vereinigung unserer Gemüther hat es uns an
Vergnügen nicht fehlen laßen, welches den Verdruß sich einander zu nahe zu
seyn immer überwogen hat. Worte genung, die Fortsetzung soll durch
Handlungen geschehen. Alle Gelegenheiten meiner Dankbarkeit ein Genüge zu thun
sollen mir angenehm seyn um eine Freundschafft zu bestätigen, deren
Gründlichkeit ich mir jederzeit gewünscht habe. Der Herr Bruder in Mietau befand
sich zeit meines Aufenthalts an einem Flußfieber unpäßlich; ich erwarte heute
die Nachricht von dem Abschiede eines beschwerlicheren Gastes als ein Freund
ist. Wie geht es mit Ihrer Gesundheit? Und Ihre Frau Liebste, meine gütige
Wirthinn – – Darf ich Ihr die Mühe auftragen für den Empfang meiner
Sachen, ein wenig Sorge zu tragen. Die Lise wird meine accomodirte
Peruque
nicht vergeßen in den Schloßkorb zu legen. Man hat mir gesagt, daß
man einen Freyzedel für meine Coffres in Riga bekommen kann, daß sie auf
die Postirungen nicht geöfnet werden dürfen. Ich weiß nicht wo und wie?
Ist es leicht und ohne Mühe; so wäre es mir lieb; die Unkosten will gern
bezahlen. Wo nicht; gleich viel.
Melden Sie mir doch, wie sich die Frau Past. Gericke befindt. Meine
herzlichen Wünsche für Ihre Gesundheit und freundschafftl. Grüße für das ganze
Haus besonders den jungen HE. Pastor trage Ihnen auf. Letzteren denke mit
erster Gelegenheit zu schreiben.
Entschuldigen Sie mich bey HErrn Porsch, daß ich ohne Abschied ihn habe
verlaßen müßen. Wen er sich in Mietau aufhalten möchte, wäre es mir lieb
die Nachricht davon zu haben; noch lieber wenn es angienge daß er mich auf
einen Tag besuchen könnte; ohne Familie NB. Grüßen Sie ihn bestens
von mir.
Haben wir auch Hofnung Sie hier zu sehen. HE. D. und Petersen werden
mir das Vergnügen Ihrer Umarmung nicht entziehen. Des letzteren Laden
habe ein paar mal besucht. Die Kälte und seine Eilfertigkeit erlaubten mir
nicht alles durchwühlen zu können. Er scheint sehr viel artige Neuigkeiten im
franzöischen gehabt zu haben, die alle mehrentheils schon vergriffen sind. Die
an mich überschickten Bücher von denen er mir nicht alle hat sagen können
oder wollen, befördern Sie mit jetziger Gelegenheit. L’histoire politique de
ce Siecle
ist noch hier gewesen; ich habe also ein Exemplar davon bekommen.
Wenn es was taugt, so theilen Sie es ihres HE. Berens mit. Für ihn habe
nichts gefunden als den Hume französisch; ich weiß nicht ob er ihn lieber als
deutsch haben möchte. Wenn ich das gewust hätte, so würde mit ihm getauscht
haben. An Diogene d’Alembert werden Sie nicht so viel finden. Schlägels
Schaubühne habe ich, davon der erste Theil ausgekommen. Himmel! sein
Canut! hat Deutschland so ein Meisterstück. Ich verstehe jetzt des Gellerts
Note in seiner Rede über die Comedie, die er bey Gelegenheit seines
Amtsbruders macht; der seinem Vaterland zu früh gestorben. Seneca ein
Trauerspiel Petersen sagt von HE. von Kleist …. taugt dem Urtheil des HE.
Bruders v meinem flüchtigen Anblick auch nach nicht den Henker. Merope soll von
Rost übersetzt seyn, wenn HE. P. Nachrichten glaubwürdiger als se.
Erzählungen sind. Er hat viele große Werke, die Decorationes eines guten
Buchladen sind; z. E. Muschenbroeck Experimental Physic, eine große
Concordantz, prächtige Ausgaben von alten Autoren pp. – – Die Annales de l’Empire
können Sie auch haben, wenn sie Ihnen oder HE. Berens anstehen sollten.
Er ist in einem sehr guten Hause sehr wohlfeil auf alle Beqvemlichkeiten
des Tisches v der Wohnung vermiethet. Der Laden ist etwas entfernt v im
Winter weil er nicht zu heitzen v kein NebenCabinet dabey, beschwerlich. Er
hat ihn aber nur nöthig so viel Stunden abzuwarten als er will des Tages.
Er schmäuchelt sich mit Gönnern und polnischen Privilegien und einem
hinreichenden Auskommen. Seine Correspondentz v VerlagsUnkosten belaufen
sich hoch, (wie er mir gesagt) die Woche über. Es ist sehr wahrscheinlich, daß
der Gelehrte Kram an so einem Orte wie Mitau einem Buchhändler nicht
die Zeit so besetzen kann, daß er nicht zu den Ergötzlichkeiten des Landes,
Gesellschaften und einem kleinen Spiel genung übrig haben sollte. Dergl.
Zerstreuungen können ihm also dorten nicht so viel Abbruch thun als
anderwerts wo er mehr Kunden v Nebenbuler hätte. Er wird alles was ich Ihnen
schreiben kann, bald selbst mündlich erzählen; mehr habe ich mich um seine
Umstände nicht bekümmern können. In Ansehung des D. F. scheint er
unschuldig zu seyn. Er hat einmal durch Gelegenheit geschrieben, die Briefe
müßen aber untergeschlagen geworden seyn. Der Münzmeister, sein
Anverwandter hat vor ihm gut gesagt v seine Schuld zu bezahlen auf sich genommen.
Wie HE. D. F. zu ihm gekommen hat er von nichts wißen wollen. Der Rath
Crusemark v seine Gemalin sind Zeugen davon gewesen v haben ihm auch
Geld vorstrecken wollen. Er hat die Summe schon lange an Münz Direct.
übermacht v mir einen Brief von ihm gewiesen, in dem er ihm den Empfang
deßelben versichert. Wenn die Auszahlung also zu spät erfolgt; so hat es an
diesem gelegen. Hier ist also der ganze Knoten aufgelöst. Ich wünschte Ihnen
die Hälfte als Freyersmann von dem Both, den er auf seine Braut in Riga
that. Ist keine Hofnung was auszurichten. Ich habe sie ihm weder zu
benehmen noch zu verstärken gesucht.
Grüßen Sie den HE. Runtz und alle gute Bekannte von mir, Geliebtester
Freund. Ihre und Ihrer Liebe Gesundheit habe eben jetzt in ein Glase Wein
getrunken. Mein kleiner Fluß macht mich zum Stubenhüter. Ich hoffe daß es
nicht zu Geschwür ausschlagen wird. Was machen Ihre jungen HE., ist Ihre
Anzahl gewachsen; ist die Erkenntlichkeit des Schwagers oder der Mutter
beträchtlich gewesen? Künfftig mehr, leben Sie wohl v vergeßen Sie nicht
Ihren ergebnen Freund und Diener
Hamann.


Ich höre den Augenblick, daß im Portorio ein solcher Freybrief zu
bekommen; damit 2 Kuffer mit Kleidern und Büchern frey passiren können. Es soll
einige Sechser kosten, die ich gern gut thun will. Besorgen Sie es doch wo mögl.

Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre de la Philosophie, / Recteur de
l’Ecole / Cathedrale de et / à / Riga. /
Abzugeben am Dohm.
vmtl. Freitag, 19.12.1755


Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)


Flußfieber »Febris catarrhalis, ein nachlaßendes Fieber, welches sich mit Flüssen auf der Brust vereinigt. Man macht einen Unterschied unter ein gutartigen [Catarrh] und bösartigem Flußfieber.« Oeconomische Encyclopädie oder Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- u. Landwirthschaft, 14. Tl. (Berlin 1778), S. 420
















Lise Hausgehilfin Lindners
























Hume französisch [...] deutsch Im Franz. lagen Übers. von
Hume, Essays
von Abbé le Blanc und Eléazar Mauvillon vor; von Johann Georg Sulzer wurden deutsche Übers. der Essays von Hume hrsg.






Amtsbruders
Christian Fürchtegott Gellert
und
Johann Elias Schlegel
waren Kommilitonen an der Universität Leipzig.

Trauerspiel vmtl.
Creutz, Seneca
; E. v. Kleist veröffentlichte erst 1758 einen Entwurf für ein Seneca-Trauerspiel.

Merope
Johann Christoph Rost
Übers. von
Voltaire, Merope
(1754), im selben Jahr erschien aber auch eine Übers. von Johann Friederich Gries.

HE. P[etersen]
Johann Friedrich Petersen


















D. F. vielleicht
Johann Daniel Funck





Crusemark nicht ermittelt

















Portorio Zoll


Sechser vll. Sechs-Groschen-Münze (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)





Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (13).

Bisherige Drucke:
ZH I 126–128, Nr. 52.