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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 21. Januar 1756
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ZH I, 134
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Grünhof den 21. Jenner 756.

Geliebtester Freund,

Ich bin Gott Lob gesund, aber noch kaum 10 Schritte aus meiner Stube
gewesen. Die verdrüßlichen NeujahrsArbeiten, von denen ich noch kaum loß
bin. Mein ältester ist kränklich; dies hat mir einige Tage ein wenig mehr Zeit
gelaßen, die ich mit Hanway, Keyßler, Young Centaur (wenn Sie ihn haben
wollen, melden Sie es mir) Hervey erbaulichen Betrachtungen über die
Herrlichkeit der Schöpfung v die Mittel der Gnade 2ten Theil der in Gesprächen
besteht v sehr vortreflich ist pp zugebracht. Wie freute ich mich, als ich von
Ihnen v HE. B. gestern Briefe erhielt. Letzterer hat Wächtlers Schreiben
beygelegt. Scheint er Ihnen nicht auch ein braver Mann zu seyn, der zu unsers
Freundes Absichten der beste ist. Ein wenig zu viel Antheil an das Journal
etranger
gefällt er mir nicht, daßs er zu oft unser Werk nennt. Ihre Ode
hat mir HE. B. mitgetheilt. Sie wird doch auch gedruckt werden… Fällt
Ihnen nicht der Zweifel ein, daß derjenige, der Ihnen solche ehmals
aufgetragen, sie schon nach Petersb. geschickt haben möchte. Ich würde wenigstens
dafür besorgt seyn; doch Sie wißen schon, daß meine Scrupel öfters nichts als
Hypochondrie sind. Von i Ihrem actu habe schon gehört, wie viel Beyfall
Sie durch selbigen erhalten. J’ai eu un plaisir infini d’entendre rossignoler
à M. L. son ode par la quelle il couronnoit l’acte solennel de son ecole. Il
avoit un cercle brillant à ses pieds. Mr. de Villeb. etoit de ce nombre;

schrieb mir rathen Sie wer. Man hat Ihre Ode hier gleichfalls mit vielem
Vergnügen gelesen. Ist eine Wendung aus einer der schönsten, die Ihre
Freunde entzückt v Ihre Feinde ehmals bewundert, nicht durch in dieser
letzteren nachgeahmt? Des Schluß ist vortreflich v. ich habe sie selbst mir so wohl
als andern etl. mal vorgelesen. So aufrichtig ich Ihnen mein Lob sagen, so
gütig werden Sie eine kleine Erinnerung annehmen, mit der ich das erstere
desto wahrer machen will. Sind nicht einige unordentliche Wiederholungen
in Ansehung der Völker darinnen, die sie so schon geschildert haben? Haben
Sie nicht gepredigt, Liebster Freund, ich vermuthe dies s v eine glückliche
Folge das Herz Ihrer Mitbürger auch hiedurch noch mehr gewonnen zu haben.
Gott gebe Ihnen nur Gesundheit und Kräfte, rechtschaffene Freunde v Gönner
werden Ihnen niemals Fehlen. Wie leicht ist es zu bewundern v wie viel
gehört dazu, wenn man verdienen soll bewundert zu werden. Die Verhältnis
zwischen beyden ist wie ein Redner als Sie gegen den ganzen Haufen ihrer
seiner Zuhörer. Wie steht es jetzt, Liebster Freund, mit der Inspector Wahl?
Melden Sie mir doch etwas, wenn es von Anschlägen zur Ausführung
kommen wird. Ich wünsche daß die Erkenntlichkeit der Rigschen Ihren Muth
unterstützen v aufmuntern möge. Mir ist ein Wort entfallen, das mich an
meine eigene Verbindlichkeiten die ich Ihnen schuldig bin, erinneret. Trauen
Sie meinem Gedächtniße so viel als meinem Herzen zu. Ich will mich nicht
gern in Verlegenheit setzen noch Geld zum Voraus aufnehmen. Sie wißen
daß ich mich auf ein viertel Jahr in Ansehung dieses Gehaltes gesetzt v daß
dieses noch nicht verfloßen ist, v daß ich aus Riga fast kahl ausgegangen bin,
daß ich mich jetzt noch sehr einschränken muß. Wenn Sie aber oder Ihr
Marianchen was ausdrücklich wünschen, wenn in der letzteren Küche etwas fehlt
oder ich sonst worinn dienen kann; so werde ich schon vor der Hand Rath
schaffen v es mir eine Pflicht machen Ihnen in allem zu willfahren. Ich thue
Ihnen diese Erklärung so gerade heraus, damit Sie Ihre Antwort darnach
einrichten können.
Habe ich nicht Ursache gehabt mich dieses armen Freundes anzunehmen,
stellen Sie sich die Auftritte vor, die seine 2 Besuche mir gekostet. Seine Reise
nach Riga befremdet mich. Ich weiß nichts davon, nichts von ihm, nichts von
seinen jetzigen Umständen noch Aufenthalt. So viel als ich für ihn thun
können, habe gethan. Ich hätte sehr gewünscht ihn noch einmal zu sprechen, v.
thue diesen Wunsch nicht umsonst. Meine Zärtlichkeit das Vertrauen anderer
zu misbrauchen oder Ihnen den Verdacht einer eigennützigen Gefälligkeit zu
geben hat mich abgehalten ihm sein Geheimnis auszuholen, das er alle
Augenblick im Begrief war mir zu entdecken. Je näher er dieser Versuchung wahr;
je mehr wiederstand ich derjenigen, die mir meine Neugierde legte. Vielleicht
könnte man ihm mehr helfen, wenn man mehr wüste. Vielleicht besteht sein
Uebel in einer erschreckten Einbildungskraft. So viel weiß ich, daß er nichts
weniger als alle die Leidenschaften verleugnet hat, von denen er sich
freyzusprechen sucht; v daß sein Gewißen in der Wuth derselben besteht oder in den
Schwierigkeiten gar zu wohl verschanzte Feinde aus dem Besitz ihres
Vortheils zu bringen. Das sind vielleicht jene Höhen des Menschl. Herzens, welche
die Eroberung deßelben so schwer machen, als ein Volk in Gebirgen unter das
Joch zu bringen. – – Wenn ist er in Riga gewesen v wie lang hat er sich
aufgehalten? – – Er hat mich gebeten sn. Namen nicht zu verrathen; ich habe
auch dies nicht gethan. Seine Züge sind so kenntlich gewesen, das Sie ihn
verathen haben. Ich sah mich genöthigt wenigstens etwas zu sagen, weil ein
Unbekannter uns gleichgiltig ist. Sie werden die gehörige Behutsamkeit in
Ansehung meiner als seiner so wohl von selbst gebraucht haben. Sehe oder
höre ich von ihm; so will ich Ihnen weiter melden, wenn es der Mühe lohnt.
Sind die überschickten Sachen für mich oder ein bloßes Darlehn? Die
Arzeneyen sind sie schon angekommen. Die Meinigen haben sich entschuldigt
daß Sie es dem HE. Bruder nicht abgegeben. Wie befindt sich der letztere in
seinem Hause. Man wird mit ihm sehr zufrieden seyn, ist er es auch. Es giebt
Häuser, in denen man sehr dumm denkt, in denen man glaubt, daß man bloß
deswegen da ist, daß man ihre Zufriedenheit erhalten kann ohne sich darum
zu bekümmern ob es der andere Theil auch ist oder es mit ihnen seyn kann.
Was geht mir die eurige an, lach ich in meinem Herzen, die meinige ist mir
näher; wenigstens sollte euch eben so viel v mehr an der letzteren gelegen seyn
als mir an der ersteren. Ist Ihre Familie vermehrt? Wie befindt sie sich?
Grüßen Sie selbige. Unsere liebe Ältermutter insbesondere, der ich die Hände
küße. Ich werde Sie so lange Ältermutter nennen biß eine – – wie hieß des
Sophroniskus Gemalin die den Sokrates zur Welt brachte? die erste Hälfte
ausstreichen wird. Ich warte recht ängstlich auf die Sammlung Ihrer Reden.
Themata, Gedanken, historische Anmerkungen – – von mir? Ho! Ho! Herr
Vetter. Grillen, Vocabula, Syntaxis – – das laß ich gelten. HE. D. ist
unpäßlich; ich schreibe heute an ihn. HE. Trescho Gedicht ist mir von ihm selbst
zugeschickt. Ich will an ihn schreiben ihm zu danken. Ach! ach! Bernis! Wenn
du zu kaufen wärst, die letzten Dütchen! Mit der ersten Post sollten Sie ihn
wieder haben. Auf nichts mehr als einen Abend hab ich ihn nöthig. Wenn ich
an HE. B. Beylagen machen sollte; so wird er Ihnen selbige mittheilen.
HE. Reg. Felds. Parisius ist hier gewesen v wird wieder erwartet dem Ältesten
si Diis placet Würmer abzutreiben. Wenn Sie reisen schreiben Sie mir.
Ohngeachtet ich mir vorgenommen diesen Winter nicht auszufahren; so werde ich
eher als Sie da seyn. Grüßen Sie alle gute Freunde besonders die HE. P.
Gericke. Schreiben Sie doch bald. Ich umarme Sie mit der Zärtlichkeit eines
wahren Freundes v bin zeitlebens Ihr ergebenster
Hamann.









Briefe nicht überliefert


Absichten vll. ein Periodikum nach dem Vorbild des Pariser
Journal étranger
, vgl. Brief Nr. 139 (ZH I 305/25).

Ode Sie wird in der Festschrift zum »Schul-Actus«,
Lindner, Gedächtnisfeier
(Brief Nr. 54 (ZH I 133/26), Brief Nr. 58 (ZH I 143/14)), gedruckt, »Elisabeth Petrownen« gewidmet.



Petersb.
Johann Christoph Berens
war Agent des Rates von Riga in St. Petersburg und wollte am dortigen Hof den Druck des »Schulactus« vorlegen. Vll. geht gar das ganze Konzept auf Berens Veranlassung zurück.






wer wohl Berens














Inspector Wahl an der Rigaer Domschule































Volk in Gebirgen Topos des Schweizer Freiheitswillens










Gottlob Immanuel Lindner
, der eine Hofmeisterstelle angetreten ist.










Gemalin Phainarete





Bernis vll. Pierre de Bernis’ Poesies diverses oder Oeuvres mêlées, vgl. Brief Nr. 58 (ZH I 141/11)

Dütchen Münze, 3-Groschen-Stück (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)



Regiments-Feldscher/Arzt Parisius

si Diis placet so Gott will






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (15).

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber, Neue Hamanniana (München 1905), 26–27.
ZH I 134–137, Nr. 55.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
135/8 durch
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl doch statt durch  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): durch [Sie]