PDF  Brief  /  Band
58
Grünhof, 11. Februar 1756  ZH I, 141
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
57 ◀ ZH I ▶ 59
ZH I, 141

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Grünhof. den 11 Februar. 756.

Herzlich geliebtester Freund,

Sie können leicht erachten, daß ich Ihren ersten Brief von den 2 letzteren
nicht vor Abfertigung des meinigen erhalten. Sonst würden Sie ihren
Bernis schon bekommen haben v ich würde auch keine Entschuldigung in
Ansehung des mir aufgetragenen machen dürfen. Es sind heute eben 8 Tage,
daß ich erst ihr Schreiben nebst der ChocoladeTafel empfieng; und ich bin
vorigen Sonnabend in Mietau gewesen um Sie vielleicht daselbst zu
umarmen. Unterwegens benahm mir schon mein mir t entgegenkommender
Greis, der aus Riga zurückkehrte die Hofnung Sie selbst anzutreffen. Ihr
Bernis war in der Tasche er hat die Reise unterdeßen nicht umsonst gethan v
ist mein treuer Gesellschaffter gewesen; weil ich in einem beqvemen
Schlafwagen fuhr. Ungeachtet jetzt das ganze Amt fast aufgeboten worden um nach
Riga zu gehen; so sind sie doch alle mit Korn v Getrayde beladen. Nicht ein
einziges Achtel Butter darunter. Mit der letzteren Fuhr ist desto mehr gewesen.
Wie leyd thut es mir Ihnen nicht zuvorgekommen zu seyn. Mein treuer
Commissair macht mir unterdeßen zu einer baldigen andern Fuhr Hofnung, da
meine Waare auch darunter seyn soll. Es ist kein anderer Weg sonst gewesen,
als an die Frau Gräfinn selbst zu gehen. Der Himmel behüte mich für jede
Gelegenheit sie in Versuchung zu führen. Wenn sie selbst welche abschickt; so
ist es mir leicht ohne Vorbewust anderer Ihnen gefällig zu seyn. Ich danke
Ihnen unterdeßen recht herzlich, Liebster Freund, für Ihre Aufrichtigkeit.
Wenn ich Ihnen in diesem Fall werde ein Genüge gethan haben; so
wiederholen Sie selbige. Mit gleichen Gesinnungen bin Ihnen für den zärtlichen
Dichter verbunden. In Ansehung der Zeit werde schon entschuldigt seyn. Der
späte Empfang deßelben, ihre wenigstens vermuthete Mitausche Reise.
Erfüllen Sie doch mit ehstens diesen Vorsatz in Gesellschaft des HE. Berens.
Durch ihn werden Sie auch die Arzeneyen bekommen; die so lange
ausgeblieben. Verzeyhen Sie meinen Irrthum wegen der mir überschickten Sachen. Ich
bin unschuldig daran. Nachdem ich 14 Tage ruhig die Ankunfft des
Fuhrmanns nachgerechnet hatte, wurde ich ungedultig, schrieb deswegen mit jeder
Gelegenheit, deren damals häufige abgiengen nach Mietau. HE Bruder hatte
nichts erhalten sondern vermuthete daß Rehan des schlimmen Weges wegen
geeilt nach Riga zu kommen. Dies kam mir wahrscheinl. vor. Ich ließ mich
anderwerts erkundigen, wo ich diese Muthmaßung an statt einer gewißen
Nachricht erhielt. Daher nahm ich meine Zuflucht zu Ihnen. Ungeachtet ich
alle Posten nach der Stadt abpaste, waren meine Sachen nebst Ihren Briefen
einige Tage durch die Unwißenheit der Bauern bey dem HE. Doct. liegen
geblieben. Daher erhielt ich solche so spät, dafür aber alles auf einmal. In
Mitau habe den HE. Doct. krank angetroffen; sein Leib scheint siech zu werden.
Ich habe nicht bey ihm logirt sondern bey dem HE. Rittmeister, der mich
ausdrückl. bitten laßen ihn nicht vorbeyzugehen. Sonnabends kam spät an v reiste
Sonntags nach dem Mittagseßen wieder ab gesunder als ich angelangt war.
Mein Gesicht ist flüßig v die Geschwulst an der einen Seite hatte wieder
zugenommen. In Ansehung meiner Gesundheit habe mich zu räthselhaft
ausgedruckt. Die Veränderungen in meiner Natur bestehen in einem gar zu großen
Appetit v einer ungewöhnlichen Sparsamkeit der Absonderungen. Ich schreibe
das letztere einem Waßer Getränke zu deßen ich mich jetzt an statt des hiesigen
blähenden Biers bediene. Ich habe niemals in meinem Leben von
Verstopfungen gewust v. s. befremden mich desto mehr, weil ich stark dabey eßen
kann. Meine Laute ist hier; aber mein verlorner Petron oder vielmehr mein
verlaufener .. er hat einen weißen gelblichen Pergamen Band v ist von
kleiner Oktavform. Youngs Centaur hat der HE Regimentsfeldscher
Parisius, sonst würde er beyliegen. Gedachter Freund ist recht schlecht daran, sieht
als ein schwindsüchtiger aus v hat seine Stimme fast ganz verloren. Noch soll
es nicht beßer mit ihm seyn. Er muß sich, da er nicht mehr kann, aus Noth
schonen und zu Hause das Bette hüten. Mein Bruder hat den überschickten
Sachen keinen Brief beygelegt. Sie bestanden in einigen Näschereyen, einem
lateinischen Wörterbuch v andern Kleinigkeiten. Das neuste ist das politische
Testament des Mandrin, welches HE. Berens hat v in eine glücklichen
Einkleidung einige starke Wahrheiten dem franzöischen Gouvernement sagt. Die
Leichenrede könnte meines Erachtens beßer seyn. Es steht bey Ihnen ob s
Sie selbige durchblättern wollen; ich möchte sie gern mit dieser Gelegenheit
wieder haben. HE. Trescho hat ein Gedicht auf Lißabon drucken laßen, das
ihm ganz unähnl. ist. Der Anfang hat einen fast Lausonianischen Schwung,
hart ungleich pp Doch Sie werden es selbst schon haben. Ich habe Oestens
Wochenschrift nebst den dazu gehörigen Schriften bekommen. die er selbst
gesammlet v herausgegeben näml. Schreiben an Doris. Dem Ditton v Oest ist
ein besonderer Bogen vorgesetzt der den Titel führt Streitschriften über die
Schlüße eines Materialisten in den Bremischen Wochenblättern 754. wo er
das Programma des Gymnasii in Bremen verdeutscht v einige sehr bescheidene
v artige Anmerkungen gemacht hat. „Jede Streitschrift muß das Original in
der Schreibart pp nachahmen so viel als möglich.“ Die Schlüße beschreibt er
also: „Es sind ernste Minen voller Ironie. Schlüße denen die Vordersätze
fehlen; er vergleicht sie den Springern im Schach, die keine Linien schlagen
aber unmittelbar dem Könige oder den unbesetzten Hauptleuten Schach bieten
v manchmal dem Könige v. dem Elephanten zugleich.“
Dero eigenen Critic Ihrer Ode, Liebster Freund, habe ich nichts entgegen
zu setzen. Man liebt sich selbst, wenn man strenge gegen sich ist. Ich werde
gewiß selbige jetzt ganz neu zu lesen bekommen. Versäumen Sie doch nicht
so bald es auskommt damit zu erfreuen. In der Rußischen Gelehrtenhistorie
bin ich ein größerer Fremdling als ihrer politischen. Peter des Großen
Gedanken in Ansehung der Wißenschaften, die er in einer Rede ausgedrückt hat,
die in Webers verändertem Rußland steht v ich in den Moscowitischen
Briefen vom Uebersetzer angeführt gefunden habe, wird ihnen bekannt seyn.
In Hanway werden Sie einen gelehrten Rußen finden, im ersten Buch, der
viele historische Mst. nachgelaßen. Noch besinne mirch in Cantemirs
Satyren eine an den Patriarchen von y gelesen zu haben; der auch zu den
Wiederherstellern der Wißenschaften gehört. Kuhlmanns Tod in Moscau trift
in das erste Regierungsjahr Peter des Großen. Er kann mehr als ein
Märtyrer seines schwärmerischen Kopfs als der Wißenschaften v Gelehrsamkeit
oder Barbarey dieses Landes angesehen werden. Ich habe in Reimann einige
Umstände dieses seltenen Manns gelesen die sie auch im Gelehrten Lexico
finden werden vermuthlich. Rollin hat meines Wißens in der Bibliothec
immer gefehlt, ich habe geglaubt, daß ihn Eßen hätte. Youngs Love of Fame
ist jetzt auch ins Deutsche übersetzt. Hartung hat beyde Theile der histoire
politique
des Maubert. Haben Sie auch nur den ersten allein bekommen?
Sollte P. mir den andern Theil aus Vergeßen mitgenommen haben? Er ist
jetzt in Königsb. Sie schreiben wohl schwerl. an ihn.
Ich habe eine kleine Schrift: l’art de faire des garçons ou nouveau tableau
de l’amour conjugal par M… D. en Medec. de l’université de Montpellier.

Daselbst 755. 8. von Petersen genommen, werde sie aber nicht behalten. Sie
ist der Sprache v dem Innhalt nach schlecht. Ein Gegner des Maupertuis.
Hier haben Sie die Cap. 1 von den verschiedenen Meinungen über die Zeugung.
2. gegen die Seministen 3. Animalisten 4. Ovisten. 5. Von den Secten der
letzteren die er in Infinitovistes, Unovistes, Animovistes et Seminovistes
eintheilt. Das letztere ist sein System. Im 6. wiederlegt er die ersteren v im
7. Cap. trägt er ss. vor. 8. Von der Ähnligkeit 9. von der Unähnligkeit der
Kinder 10. Von den Misgeburthen. 11. von dem Mittel Mädchen zu erzeugen.
Jeder testiculus oder ovarium gehört für ein gewißes Geschlecht. Die
Mannsleute sollten sich denjenigen abschneiden laßen, der zur Erzeugung des andern
nicht nöthig wäre. Wie viel Nutzen würde man davon haben wenn man hinter
dies Geheimnis käme. Weil es bey den Frauenzimmern auf die Lage
ankommt so würden sie in das Geschlecht des Kindes sich einen großen Einfluß
geben können. Hanway bekam von Carl II. einen Hirsch v Rehgehäge, er
machte den ganzen Parc zu Wittwen um durch die Anatomie der Böcke hinter
das Geheimnis zu kommen. Wenn doch ein Sultan so grosmüthig wäre v
eins von seinen Serails einem Anatomikus zu ähnl. Untersuchungen
überlaßen möchte. Der Autor gönnt diese nützl. Bemühung dem Galanten
Verfaßer der Venus physique. Letztes 12 Cap. Von der Ursache des Vergnügens.
Ich werde ihm diese brochure wiedergeben; sie ist gehefftet. Er wird sie Ihnen
immer communiciren können. Entschuldigen Sie mich bestens bey meiner
lieben Freundinn, die ich aufs herzlichste umarme; Ihren HE. Bruder
gleichfalls. Ich bin zeitlebens der Ihrige.
P. S. Habe ich nicht neulich schon von HE. H. geschrieben. Ich weiß mich
nicht zu erinnern.

Adresse mit rotem Lacksiegelrest:
à Monsieur / Monsieur Lindner / Maitre de la Philosophie / et des / belles
lettres et Recteur du College / de et / à / Riga. /
Nebst einer bunten /
Schachtel mit / Arzeney. /







Mietau heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O]

























Heinrich Rehan, ein Fuhrmann


















wahrscheinlich La Satyre de Petrone (Köln 1694), vgl. Brief Nr. 57 (ZH I 139/26)











Leichenrede am Ende dieses Bandes von
Mandrin, Testament politique










Zitat in
Oest, Schlüsse eines Materialisten
, S. 5 u. 6












Rußland Journal:
Weber, Das veränderte Rußland
; die Rede des Zaren von 1714 ebd. S. 10f.



Kantemir, Satyren
; auf S. 57ff. findet sich »Die dritte Satyre an Theophan, Erzbischoff von Novogrod«.






































HE. H., nicht ermittelt, Brief Nr. 55 (ZH I 135/35)







Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (17).

Bisherige Drucke:
ZH I 141–144, Nr. 58.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
142/33 in eine glücklichen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies einer  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): in einer glücklichen
143/23 mirch
ZH: mirich  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies mirch  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): mirch
144/14 Hanway
Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Harvey