61
Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 28. Februar 1756
60 ◀ ZH I ▶ 62
ZH I, 152

10




15




20




25




30




S. 153



5




10




15




20




25




30




35


S. 154



5




10




15




20


Grünhof den 28 Februar 756.

Herzlich Geliebteste Eltern,

Gestern Abends habe dero letzte zärtliche Zuschrift erhalten; in welcher mir
die Nachricht von dero beyderseitigen Beßerung sehr getröstet. Gott sey Lob
für den glücklich überstandenen Friesel; den armen Docktor Lindner habe auch
schon beweint; er ist aber derselbigen Krankheit für diesmal glücklich
entkommen, die hier im Lande gefährlicher als bey uns ist. Mein ältester ist auch
schon beßer zu meiner großen Erleichterung; der jüngere hat ihn abgelöst, noch
weiß man nicht, wohin die fieberhaffte Zufälle bey ihm hinaus wollen. Wir
haben vorigen Mittwoch vor 8 Tagen ein Schrecken gehabt, das übel hätte
ablaufen können. Der Schornstein brannte an unserm hölzernen Schloße.
Die Fr. Gräf. lag zu Bett, v wir waren ohn die geringsten Anstalten dem
Zufall ausgesetzt, der mit Gottes Hülfe nicht wieder uns ausfiel. Wie viel gehört
dazu ein Hausvater, ein Wirth, ein Herr zu seyn. Ich habe mich weniger
erschrocken, als geärgert und verkältet, doch ohne Nachtheil meiner Gesundheit
die auch jetzt leidlich ist. Meine Natur kommt in Ansehung der Verstopfungen
wieder in Gange; sollte sie Hülfsmittel nöthig haben; so will mich der
vorgeschriebenen bedienen, für die ich kindlichst danke. Ein hiesiger Landarzt hat mir
einen Kräuterthee empfohlen, den ich Ihnen hier abschreiben will, um
Geliebtester Vater, Ihr Gutachten darüber zu hören. Salvey, Ysop, Leberkraut
Betonika, jedes eine Handvoll. Flores primul. ver. Centaur. minor. jedes eine
halbe Handvoll. Ich wäre geneigt mich deßelben zu bedienen, wenn er mir
auch nur bloß dazu dienen helfen möchte um mir den Coffé abzugewöhnen,
der mir schmeckt auch weder an Schlaf noch Appetit fehlen läßt. Sie richten
mich mit der Hofnung eines gesunden Alters auf. Ich glaube, daß man
niemals zu früh sich alt und reif zu werden wünschen kann, wenn man nicht
umsonst lebt oder gelebt hat. Wenn dies nur an mir erfüllt würde! Traurige
Beyspiele umgeben mich, bey denen ich für mich selbst zittere. Vielleicht bist
du eben das, was du in andern verabscheust; eben der Gräuel vielleicht in
einer andern Gestalt; oder sie haben vielleicht dem Schein nach den
traurigen Vortheil ruhiger und sorgloser bey ihrer Gefahr und Schande zu seyn.
– – Den 29. Hier habe ich des Abends der heißen Stube wegen aufhören
müßen, die mir Kopf v. Rumpf ganz mürbe gemacht. Ich bin heute daher auch
leider mit Wehtag an dem ersteren v einem Fluß an der rechten Seite
aufgestanden, der hoffentlich bald übergehen wird. Zur Schule gehören jetzt zwo
Stuben, v die eine ist vor 2 Jahre mehrerer Beqvemlichkeit wegen ganz neu
angebaut worden im Winter aber nicht zu hitzen u. dient die andern
ungesunder zu machen wegen des Zuges, der durch alle mögliche Ritzen durchweht.
Ein Kurscher Bauer ist Hofcalefactor und mein Bedienter ein Kalmuckischer
Mursa oder Edelmann, der sein höchstes Gut im Trunk oder Schlaf findt,
auch schlecht gehalten wird. Außer einem treuen Freunde hier im Hause, der
ein Türke ist, würde ich jetzt von allem menschl. Umgange abgeschnitten seyn.
Mein Rittmeister hat nur einen Winter v zwar den ersten mir angenehm
gemacht; der junge Pastor schwärmt schon fast einen Monath um eine Braut,
mit der er verlobt ist, v ihr Haus das Pastorat habe noch nicht besucht,
ohngeachtet sie es nicht weiter als der Roßgarten liegt.
Ich erhole mich also mehrentheils von einer Arbeit an einer andern von der
schweren an der leichteren, von der verdrüslichen an der angenehmen, von der
nothwendigen an der freywilligen. Diese einförmige Ruhe oder Anstrengung
nutzt den Geist und den Leib, oder macht wenigstens beyde schläfrich.
Vielleicht würden Sie also, Lieber Papa, einen eben so trägen Socius an mir haben,
als mein Bruder ist; ich unterstehe mir wenigstens nicht mich mit mehr
Munterkeit und Feuer zu schmäucheln. 30 Jahre kommen mir schon als eine
ungeheure Frist des menschl. Lebens vor. Ich freue mich, daß die Zeit verflüßt
und wenn ich zurückrechne, erstaune ich wie ein Schuldner für seinen Termin.
So widersprechend sind wir in unsern Wünschen. Wenn wir Meister
derselben und unsers Glücks wären, wie schlecht würde uns dadurch geholfen seyn?
Sie wünschen, herzlich Geliebtester Vater, meine Briefe. Ich werde Ihren
Befehl nachleben und so oft als ich kann schreiben; Ihre Antworten
abwarten, auch im Nothfall zuvorkommen. Wie gern möchte ich den Innhalt
derselben Ihnen neuer und angenehmer zu machen suchen. Wie gern möchte ich
Ihnen etwas schreiben, was Ihnen Sie auf dem Krankenbette aufmuntern,
und wodurch Ihnen die Mühe meine Briefe zu lesen und zu beantworten
erleichtert würde. Wie vielen Appetit habe ich nach den Leberkuchen gehabt, an
den Sie sich erqvickt haben. Hat meine liebe Mutter noch eine gesunde
Gehülfin an die treue Jgfr. Degnerinn? Machen Sie Liebste Eltern, daß Ihnen
beyderseits Ihr Alter durch Pflege und Gemüthsruhe so erträglich als
möglich werde. Hören Sie auf für Ihre Kinder zu sorgen; wie glücklich sind
diejenigen, die dies für Ihre Eltern thun können? Gott erhalte in uns beyden
den eyfrigen Willen dazu, er würdige uns denselben auch ausüben zu können.
Mein Beruf zum Amt ist bey mir weniger als jemals; zu arbeiten, nützlich zu
seyn, mich selbst zu unterrichten, mich selbst zu beßern. Komme ich hierinn
weiter und weit genung; so wird es mir an Gelegenheit nicht fehlen mit diesem
Fortgang anderen zu dienen. Ich freue mich, keine schwerere Verantwortung
auf mir zu haben, als bey der meiner Freyheit keine Eingriffe geschehen. Der
Eyfer würde mich bey einer Last verzehrt haben, die ich weder hätte tragen
noch ablegen können. Gott erhalte meine liebste Eltern, Ihr Glaube, Ihre
Geduld, Ihr Muth sey mir ein Beyspiel in guten und bösen Tagen. Seine
väterliche Vorsehung wache über uns, führe uns und mache uns stark alles
zu überwinden. Wir wollen uns mit unserm Gebeth einander beystehen und
unsere Hofnung auf einen Herrn setzen, der uns befiehlt alle Vortheile dieses
Lebens für unsern Schaden anzusehen. Wehe uns, wenn wir unser Gutes
hier genüßen. Wehe uns, wenn uns hier nichts fehlt. Erfreuen Sie mich bald,
Liebste Eltern, mit guten Nachrichten; noch sind wir Gränznachbarn. Ich
küße Ihnen tausendmal die Hände und bin zeitlebens mit der kindlichsten
Ehrfurcht Ihr gehorsamster Sohn.
Johann George Hamann.




Friesel fiebriger Ausschlag















Leberkraut Waldmeister

Centaur. minor. Tausendgüldenkraut
primul. ver. Schlüsselblume


















Kalmuckischer Mursa Mitglied des privilegierten Standes im westmongolischen (buddhistischen) Volk der Oiraten
Hofcalefactor Aufwärter



Türke vll.
George Bassa






















Leberkuchen Lebkuchen
























Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (35).

Bisherige Drucke:
Roth I 267–269.
ZH I 152–154, Nr. 61.