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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 3. März 1756
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ZH I, 156



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Grünhof den 3 März. 756.

Geliebtester Freund,

Sie werden vermuthlich meine letzten Briefe durch Besorgung des Herrn
P. schon erhalten haben. Die Ursache davon von dieser Unordnung habe
Ihnen schon gemeldt. Von der Butter weiß ich nicht, ob sie gut oder böse ist.
Der Baßa hat mir das erste gewiß versichert. Es giengen nur einige Stück
ab, die theils bestellt waren. Ich ließ eins für den dortigen Preis besprechen,
das Geld sollte ihn hier ausgezahlt werden. Er wollte gegen Abend
weggehen; ich kann nach dem Mittagseßen nicht sogl. arbeiten v hab es auch jetzt
ganz abgeschafft. Ich wurde daher nicht eher als 4 Uhr fertig. Der schlimme
Weg hat ihn gleich nachmittags fortgetrieben.
Gott Lob! daß Ih der Herr Bruder beßer ist. Ich habe an ihn geschrieben,
ich habe Boten an ihn geschickt. Mein Billet noch diese haben ihn nicht zu
sehen bekommen. Durch HE. P. bekomme ich also die Berichte. Heute hoffe
ich zum ersten mal wieder an ihn selbst zu schreiben. Ich habe Sie 1000 mal
bey dem schlimmen Wege bedauert. Geahndet hat es mir, daß sie in Mitau
seyn würden. Wie haben Sie den HE. Regimentsfeldscherer vorbey gehen
können. Herr Cammerherr von Buttlar ist Annenritter.
Ihr Marianchen wird sich rechtschaffen geängstigt haben. Ein Glück daß Sie
noch in guter Gesellschafft gefahren sind. Mit letzter Post habe diese 2 Briefe
Einschluß erhalten. Der eine soll schon etwas verlegen seyn.
Nun Sie haben nicht einmal den Buchladen in Mitau zu sehen bekommen?
Mit dem Mann scheinen Sie auch nicht zum besten zufrieden zu seyn. Ich
glaube daß es zuletzt leer in der Tiefe aussehen möchte. Seine so genannten
holländischen Waaren haben aus ziemlich zusammen geraften theils etwas
verlegenen theils nicht gar zu absetzenden Zeuge bestanden. Der HE.
Cammerjunker, ihr Correspondent in Apollons Angelegenheiten, will ihm wie er mir
gesagt einen Ausschuß von Büchern verhandeln, den er geneigt schien
anzunehmen. Sie werden vielleicht dem Laden par honneur dienen können. Er
wird jetzt bey Kaufmann Fehrmann hinziehen wie ich gestern gehört. Herr B.
hat mir auch aufgetragen ihn wegen des HE. D. Funk zu Rede zu setzen. Ich
habe ihm nicht als eine ausdrückl. Commission dies mit Fleiß wollen zu
verstehen geben v kann auch damit auf diesen Fuß nicht fügl. abgehen. Wenn die
Klugheit v Ehrlichkeit des Kaufmanns auf seinen Handel schließen läst v den
Fortgang deßelben; so hat er mir von dem ersteren nicht die besten data
gegeben. Von seinem Handel selbst weiß ich nichts v was er davon sagt, ist mir
alles verdächtig. Wie ich aus Riga nach Mitau ankam redte er mir von
Dangeuil; schien zweifelhafft wegen des Abganges zu seyn v sehr geneigt
die Einrichtung des Titels als ein Vorrecht des Buchhändlers sich anzumaßen.
Ich war damit nicht zufrieden, ich sagte ihm die Wahrheit v er bat mich nichts
an HE. B. davon zu melden, v sich alles, was ich ihm vorschriebe, gefallen zu
laßen. Dies hat mir gleichwol nicht angestanden v ich hatte mir ohnedem schon
vorgenommen hierinn auf meiner Hut zu seyn v bey meinem Kopf zu bleiben.
Letztens habe wieder an ihn deswegen geschrieben, da ich einen Zusatz von
einem Bogen zur ersten Uebersetzung fertig habe. Ich habe es bey ihm
gessetzttellt, ob er es das Werk übernehmen wollte oder nicht. Wäre er
zweifelhaft möchte er sich nur gerade heraus erklären. Das Mst würde ich ihm nicht
eher schicken als biß er mir verspräche es gleich nach Königsb. zu befördern. Er
hat mir ziemlich tumm darauf geantwortet; v ich werde ihm mit der Zeit das
Geschwür noch beßer aufdrücken. Driest hat mir unter der Hand einen andern
Verleger anbieten laßen; er hat ihm ohnedem noch nichts bezahlt v scheint die
Arbeit ganz vernachläßigt zu haben. Gleichwol glaube ich daß Funk noch
sicher seyn kann; hier haben ihn seine Gläubiger näher. Vielleicht verdient er
noch etwas auf seinen großen Verlagwerken mit denen er sich pralt. Pauli
Richtergeschichte ist nicht jedermanns Waare. In Ansehung deßelben hat er
sich ohnedem schon eines Uebereilungsfehlers gegen mich schuld gegeben daß
er es nicht auf praenumeration ausgegeben. Ich sollte meynen daß dies bey
einem solchen Buch am sichersten v besten wäre. Es möchte gerathen wie es
wollte so könnte er wenigstens den gewißen Gewinn dabey berechnen. Bey
dem stutzen scheint es so darauf angesehen zu seyn daß der eine den andern
mit seinem Verlag zu hintergehen sucht. Ich wünschte ihm nur mehr Ernst
mehr Eyfer zu seinem Beruf, den er mir sehr nachläßig v kalt zu treiben
scheint. Seine Gesellschaften sind so beschaffen daß sein Beutel v seine Ehre
darunter leidt. Wie ich mit ihm sr Sachen wegen redte: so erinnerte ich ihn,
daß ich nicht aus Neugierde mich darnach erkundigt hätte, daß sie mir nichts
angiengen, und bat ihn nur mit mehr Aufrichtigkeit sich gegen diejenigen
auszulaßen, die sich künfftig mit mehr Recht darnach erkundigen würden und
sich nach seinen Erklärungen berechtigt glauben würden ihn entweder zu
unterstützen oder die Unruhe anderer für ihr Geld auf seine Gefahr zu heben.
Meine Warnung scheint ihn nicht viel geholfen zu haben, er ist von der
abgeschmackten Eitelkeit andere so leichtgläubig anzusehen als er selbst ist v hat
ein unüberwindlich Vertrauen auf seine Kunstgriffe, die ihm nachtheilig sind.
Wie soll ich dem HE. B. von dem Zustand seines Handels Nachrichten
verschaffen. Er selbst wird mir selbige gewiß nicht geben. Seine Handlungen v
Reden sind wieder ihn. Wer bekümmert sich übrigens in Mitau darum.
Draußen sind die grösten Bären v die wachsamsten Hunde.
Ich habe des Mylius Schriften gelesen. Die Briefe des Leßings verdienen
daß sie sich selbige anschaffen. Seine prosaischen Abhandlungen habe nicht
die Gedult gehabt zu lesen. Unter seinen Gedichten haben mir die Homileten
gefallen.
Kypke hat Obseruationes in N. T. geschrieben die ihnen brauchbar seyn
möchten. Belesenheit mühsame mit einem guten Urtheil. Zum griechischen
Wortverstand sehr behülflich. Ich habe nur den Anfang damit gemacht.
Das Stockholmische Magazin werden Sie behalten, falls es HE. Berens
nicht ansteht. Besorgen Sie das Geld für Arvieux v Pütter. Diese letzten habe
ohne HE. P. Wißen vor der Hand mitgeschickt. Er wird es nicht übel nehmen,
wenn er sie absetzen kann. Des Buffons Naturgeschichte den I. Theil möchte
sehr gerne haben. Werden Sie selbst meinem Bruder Ihre Rede schicken.
Melden Sie mir es doch. Young hat HE Regimentsfeldscheer. Ich will ihn bitten
daß er es seinem HE. Bruder zuschickt. Dann können Sie es durch ihn
bekommen.
Antworten Sie mir doch mit ein paar Zeilen. Mein ehrlicher Baßa ist nicht
zu Hause. Er hat Ihnen seinen ergebensten Gegengruß gewiß zugedacht.
Leben Sie mit Ihrem lieben Frauchen wohl. Ich umarme Sie mit einer
unveränderten Aufrichtigkeit eines wahren Freundes.
Hamann.

















Annenritter Orden der heiligen Anna, Schleswig-Holsteinscher Orden, gestiftet von Karl Friedrich Herzog von Holstein-Gottorp (Vater von Zar Peter III.) zum Andenken an Zarin Anna und zu Ehren seiner Gemahlin Anna Petrowna, Zar Peters I. Tochter.


Briefe nicht überliefert


Buchladen vmtl. von
Johann Friedrich Petersen








Fehrmann nicht ermittelt








Abganges Absatzes
















Pauli Richtergeschichte nicht ermittelt























Briefe fingierte Briefe als Vorrede zu Mylius’ Schriften


Homileten von Mylius





Stockholmische Magazin
Klein, Stockholmisches Magazin
, vgl.
Hamann, Beylage zu Dangeuil
, ED S. 399 (fehlt in N IV)



Buffon, Histoire Naturelle Générale et particulière
; wohl die dt. Übers., die 1750–1774 erschien, 1756 kam Bd. 3.1.


Regimentsfeldscher
NN. Parisius








Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (19).

Bisherige Drucke:
ZH I 156–159, Nr. 63.