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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 17. März 1756
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ZH I, 165



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Grünhof, den 17. März 756

Herzlich geliebteste Eltern,

Der betrübte Nachrichten von Ihrer beyderseitigen Unpäßlichkeit habe auch
auf dem Bette zu lesen bekommen, und muß selbige noch daselbst
beantworten, wiewohl in der guten Hofnung selbiges mit Gottes Hülfe ehstens
verlaßen zu können. Diese Krankheit wird mir gute Dienste thun und die Stelle
einer Frühlingskur vertreten können. Sonntags vor 8 Tagen bekam nachdem
ich schon einige vorher den Appetit verloren, einen Anfall von Flußfieber, der
mich zu Bette trieb. grieseln, brechen in den Gliedern nebst Hitze. S
Montags stand auf und erhielt mich biß gegen Abend. Dienstags wieder, bekam
aber Anwandelungen von Kälte die ich im Herumgehen überwand, von der
Hitze aber überwältigt wurde, daß ich mich gegen Mittag nicht länger halten
konnte. Dies ist mein schwerster Tag gewesen ich glühte; der verstopfte Leib
hatte schon einige Tage fortgedauert. 2 Stuhlzäpfchen verschlugen nichts.
Man hat hier Muskus Pillen oder Kugeln die ich mir applicirte und Luft
verschaffte. Mittwochs offen Leib mit Schmerzen v Uebelkeit so oft ich auffstehen
muste. Ein Umschlag für die Hitze um den Kopf hat mir gute Dienste gethan.
HE. Doktor Lindner schickte mir einige Pulver einen gelinden Schweiß
abzuwarten die ich Sonnabends einnahm v Sonntags ein Tränkchen, das mir
einige starke sedes verschaffte. Montags gelinde Spuren des Fiebers von
neuem. Ich such das Uebel so viel ich kann durch die Diät am meisten zu
schwächen. Anfangs nichts als Pflaumensuppen seit dem Habertumm zum
Frühstück, Mittag v Abend bisweilen mit ein paar Zwieback eingebrockt
genoßen; v diese Woche denke noch in dieser Ordnung fortzufahren. Der Mangel
des Schlafs kam mir anfangs verdächtig vor v gab mir den Argwohn eines
Ausschlags. Freytags Nacht hörte diese Unruhe auf, in der mein Blut war;
v jetzt ist mein Schlaf so ruhig v natürlich als ich mir nur wünschen kann.
Weiter in meinem Tagbuch. Diesen Montag bekam des Morgens wieder leichte
Anwandelungen von Kälte, heute weiß ich nicht, ob ich etwas sicheres von
Fieber gefühlt. Mein letztes Pulver hatte eingenommen der Schweiß schien
sich aber zu währen v kälter zu seyn oder klamm, wie man es nennt. Gott Lob!
jetzt glaub ich meiner Beßerung immer näher zu kommen. Nach dem
schlimmen Dienstag hab ich eine sehr scharfe v durchdringende Transpiration
bekommen, die mir Empfindung auf der Haut verursacht v die meiste Schärfe
nothwendig abgeführt haben muß.
So einen zierlich geschriebenen Brief ich auch in Gedanken entworfen; so
sehe ich doch, herzlich Geliebteste Eltern, daß Sie bey diesem gegenwärtigen
noch einen Vorleser nöthig haben werden, weil ich ihn in einer unbeqvemen
Lage schreiben muß. Künfftig will Ihrem Befehl beßer nachleben.
Ihre Erinnerungen, Liebster Vater, haben mich sehr aufgenüchtertrichtet.
Sie haben meine Hypochondrie gemerkt; und erklären mir Ihre Gesinnungen
auf eine Art, die mir zu einer großen Aufmunterung gereicht. Der Himmel
behüte, daß ich die zärtlichen Sorgen meiner liebsten Eltern mit Undankbarkeit
und Verdruß aufnehmen sollte. Alle Leidenschaften, die mit der Religion
bestehen und durch das Christenthum eingeschränkt werden, können uns weder
beschwerlich noch nachtheilig seyn. Wie leicht können wir aber nicht durch
diejenige Triebe selbst verführt werden, welche die Natur uns vorzüglich
geschenkt und die Vernunfft auf ihre Seite haben. Ich stelle mir meine liebe
Eltern bisweilen in einer Verlegenheit, in einer aufgebrachten Unruhe vor,
mit der Sie sich fragen: wo bleibt denn unser Sohn? was wird denn aus
ihm? Wenn er uns doch gefolgt hätte! Wie ist seine Aufführung, sich
selbst überlaßen? Wohin gehen seine Absichten? Straft der schlechte
Fortgang sie nicht ihrer Eitelkeit? Ich könnte mich gegen allen ihren Verdacht
vielleicht rechtfertigen, meine Grundsätze entschuldigen. Ohne mir die Zeit lang
werden zu laßen wünschte mir bisweilen alle diese Zweifel mit einer
Nachricht beantworten zu können, die meine liebste Eltern zufrieden spräche: hier
ist das, was ich durch meine Gedult zu verdienen gewartet.
Es kann seyn, daß die Krankheit in Gliedern meine Hypochondrie vermehrt;
es kann seyn, daß selbige zum Theil in meinen Umständen liegt. Ich
verzweifle hier daran meinen Endzweck zu erreichen. Der älteste ist gesund, man
schont seine Gesundheit nicht v die Unmäßigkeit macht selbige sehr mißlich.
Die Fähigkeit seines Kopfes, die Lebhafftigkeit und Geschmeidigkeit seiner
Einbildungskraft hintergeht die Eltern. Man legt mir alle Hinderniße, die
ehedem meine Mühe vereitelt haben; und ich liege denselben wieder Willen
unter. Die Welt will betrogen seyn. Es ist nicht jedermanns Sache sich diesem
Verlangen zu bequemen. Was sagt Gewißen, Pflicht dazu. Siegt über alles!
Der eine Theil weiß gar nicht was Erziehung ist. Der andere weiß nicht was
Söhne sind. Braucht zu einer Tochter Schminke und Eitelkeit. Wenn ihr nicht
Tugend haben wollt, last wenigstens Ehre in das Herz eines Kinds und seine
Vernunft gesund seyn; weil ein Mann aus ihm werden soll. Man hat mich
gekannt; bin ich nicht lange genung hier gewesen um mich kennen zu lernen.
Da man mich wieder verlangt; konnte ich nicht muthmaßen, daß man meinen
Absichten Recht wiederfahren ließe und sich ändern würde. Ich habe keine
Ursache dazu gehabt. Glaubt ihr daß ich für euch lebe und euch zu Gefallen
auf den Kopf gehen soll; weil ihr deßelben euch so wenig als eurer Füße
gehörig bedienen könnt. Ich sehe zu, schweige und wundere mich. Mit
diesem Monath ist mein erstes Vierteljahr zu Ende. Die Zeit wird mehr
lehren.
Sie sehen hieraus, Geliebtester Vater, daß ich meinen Beruf mit Ernst
treibe. Der äußerliche Beyfall genügt mir nicht, der Schein auch nicht. Ich
kann weder kalt noch lau seyn. Ich schütte mein Herz gegen Sie aus, damit
Sie mich desto richtiger beurtheilen können. Der Coffe ist ganz abgeschaft. Ich
werde mich der Pferde auch bedienen und will meine Wege der Vorsehung
anvertrauen. Der kürzeste v. sicherste Richtscheid! Mein Gemüth ist ruhiger
übrigens als Sie vielleicht denken. Es thut mir bisweilen leidt, daß man
sich um seinen Nächsten so sauer werden laßen muß ihm die Liebe
aufzudrängen, die man gegen ihn hat. Die ganze Welt kommt mir alsdann als
jene Stadt vor, die Jesus mit Thränen ehmals anredte: Wenn Du
wüßtest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Besten dient. Wir Menschen
wißen es nicht und verlangen es auch leyder! nicht. Wir qvälen
diejenigen, die uns gut wollen und sehen unsere Feinde für unsere besten
Freunde an. Wird dem Teufel selbst nicht mehr als Gott gedient und jenem
größere Opfer als unserem Schöpfer gebracht – – Ich habe ein klein
Schnittchen Brodt mit weichen Eyern geeßen v hat mir sehr gut geschmeckt. Meine
Adern sind noch ebenso voll ich hoffe wenigstens mein Blut etwas
leichter und dünner gemacht zu haben. Auf die Woche erwarte meinen
werthen Freund den HE. Regimentsfeldscherer Parisius, der auch ein hart
Lager ausgestanden, einen sehr behutsamen v vernünftigen Arzt. Wegen des
Aderlaßens werde ich seinem Rath folgen. Ich glaube nicht deßelben
entbehren zu können.
In was für Freuden wird das Kadsche Haus seyn. Wie spät das Gute
kommt. Gott helf Ihnen bald lieber Papa um Ihrer Neigung und Wünschen
genüge thun zu können. Lesen Sie meine Briefe zu einem Zeitvertreib, wie ich
einen darinn finde sie zu schreiben. Ich empfehle meine besten Eltern der
Göttlichen Vorsehung, die über uns alle wacht. Gott gebe Ihnen tausend Gutes.
Mit erster Post mehr und so Gott will frisch und gesund aus dem Bett und
voller Freuden. Ahmen Sie mir hierinn nach. Ich küße Ihnen 1000 mal die
Hände und ersterbe nach den aufrichtigsten Grüßen Dero gehorsamster und
kindlich ergebenster Sohn.


Nachrichten nicht überliefert





Flußfieber »Febris catarrhalis, ein nachlaßendes Fieber, welches sich mit Flüssen auf der Brust vereinigt. Man macht einen Unterschied unter ein gutartigen [Catarrh] und bösartigem Flußfieber.« Oeconomische Encyclopädie oder Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- u. Landwirthschaft, 14. Tl. (Berlin 1778), S. 420

grieseln Schüttelfrost






Muskus Moschus







Habertumm vmtl. Hafergrütze
























































































Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (37).

Bisherige Drucke:
Roth I 270–272.
ZH I 165–167, Nr. 67.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
165/3 Der
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Der[o]  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): Der[o]