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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 27. März 1756
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Grünhof den 27 März. 756.

Herzlichgeliebtester Vater,

Ich versäume diese Post nicht, um Ihnen die Unruhe zu benehmen, in die
mein letzterer Brief Sie gesetzt haben möchte. Diese Woche habe schon Gottlob
das Bett wieder verlaßen. Ungeachtet meine Verstopfungen noch nicht
aufhören, so thun mir doch des Herrn D. Lindners Digestiv Pulver gute Dienste.
Seine Freund- und Nachbarschaft kommt mir sehr zu statten; wiewohl wir
uns wechselsweise beklagen müßen, so können wir uns auch dafür einander
wieder trösten. Er hat nach seinem Lager noch viele Anfälle aushalten müßen,
mit denen es sich allmälich zur Beßerung anläßt. Fühle heute ohngeachtet
einiger Oefnungen eine Spannung an den Unterrippen, die mir aber nicht
beschwerlich ist. Ich habe gestern über mein Vermuthen glücklicher und stärker
arbeiten können. Wenn einem dies von statten geht, genüst man sein Leben
recht und freut sich, daß man da ist. Ich wünsche nichts so sehr, Geliebtester
Papa, als gleich gute Zeitungen von Ihnen zu lesen, für die ich Gott danken
kann. Die Folgen der Witterung äußern sich hier sehr; unser Haus ist davon
nicht verschont geblieben. Genüßen Schöpfen Sie dort einer beßerne
Luft? Die Abwechselungen, die wir haben, können das leichteste Blut schwer
und bisweilen stockend machen. Derjenige, in dem wir leben und sind, erhalte
und stärke Sie! Wind und Wetter fechte Sie so wenig als jede andere
Wiederwärtigkeit an. Jene sind das wenigste von der Welt, die wir zu überwinden
haben; und uns lange so nahe nicht als Fleisch und Blut. Ich küße Ihnen
tausendmal die Hände und empfehle mich Ihrem Gebet und väterlicher Liebe
als Ihr gehorsamst ergebenster Sohn.

Herzlich geliebteste Mutter,

Ich wünsche Ihnen zu einer wiedererlangten Beßer Gesundheit Glück
und melde Ihnen Gott Lob! die meinige mit gleichmäßigen Vergnügen an.
Der Frühling wird mich völlig wieder aufmuntern; er gereiche Ihnen auch zu
einer Erquickung und Pflege der Natur! Ich hoffe den Weg nach Königsberg
in unsern umliegenden Thälern und Büschen zu Fuß und Pferde abzulaufen;
nur schade, daß er nicht in die Richt gehen soll. So krumm und in die Runde
ich auch das Jahr noch spatzieren werde; kann der Weg nicht künftigen
Sommer gerader werden? Wie will ich mich freuen, wenn ich meine liebe Eltern
eben so alt und in eben so guter Gesellschaft ihr Haus, als jener junge Israelite
wiedersehe, vor dem sein kleiner Hund hersprang. Sollt ich gleich nicht so
willige Gläubiger, wie er, noch so freygebige Gastwirthe antreffen; desto lieber
werd ich Ihnen, beste Mutter, seyn. Handschriften und Sara will ich
demjenigen gönnen, der meine Stelle jetzt bey Ihnen vertritt. Ich mache auf nichts als
Ihr zärtliches Andenken Ansprüche. So oft ich an Ihnen denke, Liebe Mama
begleite ich diese Vorstellung mit den eyfrigsten Seegenswünschen für Ihr
Leben und für Ihre Zufriedenheit. Ich füge Sie jetzt mehr mit dem Herzen
als mit der Feder hinzu und empfehle mich Ihrem Gebet und Ihrer
Zuneigung mit der Ehrerbietung des gehorsamsten Sohns.
Johann George Hamann.
Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (38).

Bisherige Drucke:
ZH I 168–169, Nr. 68.