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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Grünhof, Ende März oder Anfang April 1756
68 ◀ ZH I ▶ 70
ZH I, 169



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Lieber Bruder,

Gott Lob beßer und No 2. mit meiner Arbeit so gut als fertig. Der
Termin, der letzte Augenblick, thut bey mir große Wirkungen. Wenn ich auch
arbeiten will, die Vorstellung daß ich Zeit habe macht mich so schwierig so kalt,
daß ich nicht aus der Stelle kommen kann, mag wollen oder nicht. Ist aber
kein Rath mehr aufzuschieben; nun denn muß es, und eine Stunde bringt
mir bisweilen verlorne Wochen ein. Sie ist weit unter der Anlage gerathen;
die Idee davon ist lange nicht in der Ausführung erreicht. Dergl. Betrug
seiner selbst muß sich der Mensch gefallen laßen; er dient zu vielen Guten.
Fontenelle sagt: Man würde dasjenige nicht thun, was man kann wenn
wenn man nicht die Hofnung hätte mehr zu thun als man kann. So hängt
der Gebrauch unserer Kräfte mehr von unserer falschen Einbildung als
unserm Willen ab. Ich bin in 2 Abenden mit Abschreibung derselben fertig
geworden und sie ist gestern Nacht mit einem Expreßen auf die Post abgeschickt
worden um nach Riga zu gehen. Die letzte Hand fehlt noch daran; die wird
mein B. dazu thun. Er hat zu vielen Antheil an meinem Entschluß das Werk
selbst zu übersetzen als auch an dem Inhalt des Anhanges. Ich glaube sie
wird 3 oder höchstens in allen 4 Bogen austragen. Hinten kommt noch die
Rede des HE. von Dangeuil angehängt bey seiner Aufnahme in die Akademie
zu Stockholm. Ich Sie steht im Hamburgischen Correspondenten. Wenn
du den gelehnt bekommen kannst vom vorigen Jahr: so wollte ich die
Nummer Dir anzeigen, damit ich die Zeit v. Mühe des Abschreibens ersparen
könntest. Melde es mir mit der ersten Post. Ich habe sehr um geschwinde
Zurückschickung des Mst. aus Riga gebeten. So bald ich es bekomme, bringt es
Dir die erste Post mit. Vielleicht geht es noch mit dem Ende der nächsten
Woche ab. Driest muß arbeiten; die Hände haben keine Stunden wie der Kopf.
Auf den Fleiß eines Handwerkers kann man eher dringen als auf den Fleiß
eines Autors wenn er auch nichts mehr als ein Uebersetzer ist. Du wirst eine
Rhapsodie von Ein- v Ausfällen zu lesen bekommen die Dich vielleicht so
bald als mich ermüden wird. Ich wollte meinen Namen gern so viel als
möglich vertuscht wißen. Noten versteht sich so; die Menge. Mein Text hat sie
vielleicht so nöthiger gehabt als mancher Autor Claßicus. Die Münztabelle zu
Ulloa muß auf einer Seite auskommen; und mit kleinen Lettern gedruckt
werden. Das unterstriechene die allerkleinsten. Sorge mein lieber Bruder für
alles. Ich hatte Dir auch ein stillschweigend Compliment zugedacht aber
wieder ausgestrichen. Die Ehre Corrector zu seyn ist eine Gefälligkeit Deiner
Freundschaft und ich habe meine Leser gebeten die eingeschlichene Fehler zu
entschuldigen. Würde man sich nicht daher an Dir gehalten haben?
Mein Versprechen werde gewiß halten; und den Ausschuß der Bücher
meine erste Arbeit seyn laßen, wenn ich jene abgefertigt habe. St. Evremond,
das Leben Julians, der Abt Villiers cet. werden Dir lieb seyn. Vergiß dafür
Dein Wort und meine Bitten nicht, die ich an dir gethan. Ist es wahr daß
L’Academie des Graces von der Schönheit handeln. Wenn mir Gott
Gesundheit giebt, so möchte wohl eine andere Arbeit mehr nach meiner Neigung
übernehmen. Muß sehen ob die Aufnahme dieser mich dazu ermuntern wird. Ein
Theil eines guten Urtheils wird auf meine Dunkelheit und Unwißenheit
meines Namens beruhen. Sorge dafür daß ich nicht verrathen werde. Es sollte
mir sehr verdrüßen wenn keine Exemplaria auf Postpapier abgedruckt wären.
Ich habe sie bestellt und mich darauf verlaßen.
Ich bin gewiß sehr neugierig den Abdruck zu sehen. Schicke mir doch
denselben sobald ich die andern Sachen bekomme. Man muß schlechterdings vor
Ostern fertig werden. Melde mir doch wie weit man mit dem Auszuge ist
und wenn man damit zu Ende kommt. Dringe mit Ernst darauf, daß Driest
fördert. Der Narr dringt auf meine Fortsetzung v stellt sich ängstlich wartend
an; da noch 3 Bogen von alten Mst übrig sind. Wenn ich ihm schreiben sollte
ich könnte ihm nicht anders als die Nase wischen.
Mein lieber Bruder! Nimm Dir meine Sachen so viel wie du kannst an.
Ein wenig Feuer, wenn ich bitten darf. Ernst genug bist du. Brauche Deine
künfftige Amtsminen. Wenn Du nach meinem Sinn alles gemacht hast, ich
will Dir recht gut dafür seyn. Du hast mich niemals um Erklärung gebeten;
verstanden wirst du mich also allemal haben. Ich lese die leeresten Briefe
zehnmal durch wenn Sie die geringste Kleinigkeiten betreffen, wo ich den
Sinn des Schreibers außer seinen Worten recht verstehen will. Bey meinen
Briefen hast du wegen der Flüchtigkeit Unordnung Kürze mehr Mühe v
Auseinandersetzung nöthig.
Mit erster Post erwarte von Dir. Denke wo ich die Zeit hernehme alles zu
schmieren. Gott! gieb Gesundheit und Ruhe! Was machst Du? Ja noch eins.
In Ansehung der schwedischen Schrift über den Verfall der Gothischen
Regierung in Spanien bin ungewiß; ob Bachmanson Autor davon ist. Die
Zeitungen haben es nur gesagt; v ihn als einen jungen Mann genannt. Ich
zweifele daran. In der ersten Zeile seiner Abhandlung beruft er sich auf ein
ander Werk was er geschrieben. Er fängt so an: In meiner Anatomia et
Scrutam. Status politiae et oeconomiae Suecanae Tom. I. Cap.
2 ist
erwähnt worden ppp. Ungeachtet alles Nachsuchens habe auch dies Werk
nirgends angeführt finden können, deßen Verfaßer unmögl. unbekannt seyn
kann. Weil es nun eben derselbe von der historischen Beschreibung ist; so
bekümmere Dich doch. Der schwedische neue Doktor Theol. könnte Dir
vielleicht Nachricht geben. Vergiß dies nicht. Mich wundert daß Achenwall in
seinen Schriften das Buch über Schweden nicht angeführt. Gieb Dir alle
Mühe du hast allenthalben Hülfsmittel dies zu erfahren. Mir fehlt es daran.
Das lateinische Werk kann unmögl. unbekannt v muß wichtig seyn. Melde
mir denn mit nächsten, was du davon eingezogen. In allem Fall könntest Du
dich an Buchholtz schlagen der bey dem schwedischen Theolog sich darnach
erkundigen könnte. Haben mich die Zeitungen in Ansehung des Namens
betrogen v er ist schon abgedruckt so kann hinten ein Errata gemacht werden.
Darum wollte ich auch gern den schon geschehenen Abdruck haben um was da
wäre noch gut zu machen.
Was machen Wolson v Lauson? Grüß den ersteren v complimentire den
letzteren. Heut kommt ein neu Federmeßer an. Meine künfftige Briefe
werden wenigstens alle beßer geschnittene Keile haben. Mit genauer Noth noch
einen an meine lieben Eltern hobeln können. Dies hatte mich bald bewogen an
Sie mit dieser Gelegenheit nicht zu schreiben. Ich fürchte mich aber daß Sie
für meine Krankheit v hypochondrische Grillen die mir auf dem Bett
entfahren waren, unruhig seyn möchten. Mit beyden ist es beßer; oder vielleicht
höchstens abwechselnd. Gieb Ihnen so viel zu thun mit deinem eigenen Glück
und Ihrem Antheil darüber, daß Sie desto ruhiger an mir denken. Die Natur
hat uns Menschen an der äußerl. Gestalt und dem inneren Sinn unterschieden.
Ihre Mannigfaltigkeit ist so gut Weisheit als ihre Einfalt; sie bedient sich
beyder zu ihren Absichten, die immer das gemeine beste zum Augenmerk
haben. Ich weiß daß mein Sinn ziemlich unbiegsam ist, der sich so wenig in
seine eigene Denkungsart als in anderer ihre allemal schicken kann. Er hat
aber auch seine Schneide und seinen Rücken. Man kehr mich um, sagt ein
äsopisch Meßer zu seinem Herren, die andere Seite wird dir mehr Bißen
schneiden, als Du brauchst um satt zu werden. Wenn du mich ich Dir
brauchen willst dienen soll, so mach die Augen auf und sieh wozu und wie?
Hüt Deine Finger, Deine Gedult ist Dummheit; und ich bin Stahl wo ich es
seyn soll. Lebe wohl, lieber Bruder, das Meßer machte seinen Herren klüger
ohne daß es reden durfte. Er sah; wenn er hätte sehen können, so würde er
auch gedacht haben. Ich umarme Dich. Die Seite ist voll. Man muß doch was
schreiben um das Postgeld nicht halb umsonst zu bezahlen. Ein guter Wirth
hierinn ist Dein Bruder.

Von der Hand des Bruders:
Bru meus frater den 7. beantwortet.









Fontenelle, Nouveaux Dialogues des Morts
; Zitat aus dem zweiten Dialog: »Artemise, Raimond, Lulle«






































Postpapier feines Papier, muss mit Tinte gut beschreibbar sein




Ostern 18.4.1756 (Ostersonntag)
















Nordencrantz, Ursachen vom Untergange des Gothischen Reiches in Spanien
, vgl.
Hamann, Beylage zu Dangeuil
, von Hamann in den Text von Dangeuil eingefügte Anmerkung, ED S. 272









Doktor Benedict Wetterstein


























äsopisch Meßer nicht ermittelt












Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (41).

Bisherige Drucke:
Roth I 272–275.
ZH I 169–172, Nr. 69.

Zusätze fremder Hand
172/15 Johann Christoph Hamann (Bruder)

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
169/33 könntest
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies könnte  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): könnte Verschreibung Hs.