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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater), Maria Magdalena Hamann (Mutter)
Grünhof, 10. April 1756
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Grünhof. den 10. April 756.

Herzlich geliebteste Eltern,

Die Gesundheit und Zufriedenheit ist der einzige Wunsch, mit dem ich meine
Briefe anzufangen und zu schließen weiß. Ich genüße Gott Lob! beyder
wieder und bin heute durch das Andenken eines Freundes erfreut worden, an
den Sie herzlich geliebteste Eltern auch Antheil nehmen werden. Ich habe
nämlich einen Brief von HE. Karstens erhalten, der mir seine Niederlaßung
zu Lübeck und sein dortiges Glück meldt, das ihm noch bisher auch ohne Frau
gefällt. Es ist eine große Beruhigung für mich, daß mich ehrliche Leute auf der
Welt noch würdigen sich meiner zu besinnen, wenn es ihnen wohl geht; und
wenn sie es mir noch auch dazu wünschen, so glaub ich es nicht nur zu
verdienen, sondern auch alles zu schon zu besitzen, was mir noch zu fehlen scheint.
Erkennen Sie, herzlich geliebtester Vater, hieran Ihren Sohn, der sich eben
so leicht zu trösten als zu beklagen versteht. Es giebt Menschen, die sich selbst
das Ziel mit so viel Beqvemlichkeit setzen und von andern setzen laßen, daß es
eine Schande ist; es giebt hingegen welche, die weder so feig gegen sich selbst
sind, noch diesen Schimpf anderer Willkühr überlaßen. Ich bin hier in einem
Hause, wo man mir die Laufbahn meiner Pflichten so leicht und kurz machen
möchte, als man sich selbst selbige eingeschränkt hat, und Blumen dazu
betreten könnte. Vergeben Sie es mir, daß ich diese Seite meiners Zustandes,
die vielleicht für die Augen die frölichste ist, niemals bisher geschildert. Es ist
deswegen geschehen, weil ich sie am wenigsten liebe; nur weil sie mir weniger
am Herzen liegt als jene rauhe, die ich bearbeiten soll. Es ist vielleicht eine
Thorheit treuer zu seyn in fremden Angelegenheiten, als man uns verlangt.
Ich will aber diese Verantwortung lieber auf mich nehmen als die Schuld
derer, die an ihrem eignen Antheil gleichgiltig sind; die den Schutt häufen,
den sie selbst sorgen sollten aus dem Wege zu schaffen, die aus der Pflicht
aufzumuntern sich eine verkehrte daraus machen diejenige einzuschläfern und
träge zu machen, an deren Munterkeit ihnen gelegen seyn sollte. Wenn ich
meinen lieben Eltern alsdann glücklicher vorkommen könnte, im fall ich Sie
und mich durch ein wenig Eitelkeit und Tändeleyen hintergehen ließe; so
könnte ich so viel zu meinem Vortheil sagen und vielleicht mehr, als mir mein
Verdruß jemals eingegeben, ohne die Wahrheit zu beleidigen, deren Liebe ich
Ihnen, Bester Vater, zu danken habe und die mir mit der Milch meiner
Mutter eingeflößt worden. Seyn Sie also meinetwegen unberuhigt; meine
Gesundheit wird der Frühling mit Gottes Hülfe völlig wiederherstellen. Das
Aderlaßen ist von meinem Arzt nicht für rathsam befunden. Sein
Augenschein hat mich nur bewegen können es zu unterlaßen. Ich lese jetzt
Schaarschmidts Diätetic und wünschte mir über einige Dinge Ihre Erfahrungen,
lieber Papa, zu Rathe ziehen zu können. Das bevorstehende Fest sey Ihnen
ein Sabbath von Ruhe und Seegen. Wie glücklich sind wir alle, wenn wir mit
ihm leiden können um mit ihm zu leben! Ich küße meinen liebsten Eltern
beyde die Hände und ersterbe mit der zärtlichsten Ehrerbietung Ihr
gehorsamster Sohn
Johann George Hamann.






Johann Nikolaus Karstens
; Brief nicht überliefert

































Fest Ostern, 18.4.1756






Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (39).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 275–277.
ZH I 172–173, Nr. 70.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
173/15 unberuhigt
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies unbe[sorgt] oder unberuhigt