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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Berens
Grünhof, vmtl. Mai 1756
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Entwurf
Geliebtester Freund,

Ich übergehe alle die Bewegungen, worinn der für mich so wichtige
Innhalt Ihres letzten Schreibens mich gesetzt hat, und drücke meinen Dank durch
meine Entschlüßungen aus, worinn in welchen ich Ihrem dringenden
Antheil und Vorschlage zu meinem Glück, an Aufrichtigkeit und Neigung nichts
nachzugeben gedenke. Glauben Sie, Bester Freund! alle Ihre Anerbietungen
sind meine höchsten Wünsche, Wünsche, die mir meine Einbildungskraft
niemals so reitzend und wahrscheinlich hätte vorstellen schaffen können, als
Sie sich Mühe geben mir die Erfüllung derselben durch alle Kunstgriffe der
Freundschaft und des Witzes annehmungswerth und leicht zu machen. Ich
eigne mir
dieer guten Meynung von mir zu, womit Sie mich
aufmuntern, weil derselben thut wenigstens der Eyfer, mit dem ich diese schätzbare
Familie ehre und liebe, ein Genüge thut ich eigne mir also selbige zu.
Kann ich mich aber von der reitzenden Vorstellung, die ich darinn finde, daß
ich gut genung seyn soll in Ihren Schoos aufgenommen zu werden und an
Ihren Angelegenheiten Gemeinschaft zu haben kann ich mich von dieser
Vorstellung wohl so hinreißen laßen ohne Ihren eigenen Bewegungsgründen
wenigstens meine Bedenklichkeit entgegen zu setzen. Alles macht mich nur
gar zu geneigt von meiner Seite dem Ruffe, wie Sie ihn nennen zu folgen.
Ich verlange nichts mehr als den Zweifel gehoben zu sehen, ob man nicht
vielleicht großmüthiger gegen mich als gegen sich selbst ist. Weil ich eher ich
weiß nicht was als dies gute Vertrauen auf meine Treue und Ergebenheit
gegen Sie und Ihre Herren Brüder verscherzen wollte; so wünschte ich
wenigstens nur mit so starker Ueberzeugung von folgenden zwey Puncten
versichert zu seyn, als ich es von meinen Gesinnungen bin; nämlich
ob Ihrem Herrn Bruder, der diesen Antrag in Ansehung meiner so geneigt
aufgenommen, wirklich mit einem bloß ehrlichen Menschen viel geholfen wäre?
ob Sie mir mit gutem Gewißen die Fähigkeit Ihm behülflich zu seyn
einräumen können.
Bestimmen Sie mir die Antwort dieser Fragen, Liebster Freund,etwas
näher
so nah wie möglich, damit ich Ihrem Herrn Bruder mit eben so viel
Muth Ja sagen, wie ich es schon mit dem besten Willen gesagt habe.

Am unteren Rand der Seite:
Versichern Sie ihn, daß ich jetzt es bedaure nicht den geringsten Vortheil
ihm jetzt aufopfern zu können, da er aber mir die grösten anzubieten im stande
ist, daß ich mit desto mehr Zufriedenheit und Ehrgeitz Ihm brauchbar und
nützlich zu seyn wünschteen müße. Ich kann mich übrigens nicht stärker v
ähnlicher selbst erklären als wenn ich sage, daß ich unendlich glücklich halten
würde der Leibeigene eines klugen v rechtschaffenen Mannes zu seyn v eben
so unglücklich der Günstling solcher Leute die nicht.



Schreibens nicht überliefert







































Veränderte Einsortierung:
Die Einsortierung wurde gegenüber ZH verändert, sie erfolgt chronologisch zwischen Brief Nr. 80 und 81.
Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 51.

Bisherige Drucke:
Gildemeister I 103–104.
ZH I 207–208, Nr. 79.