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Johann Georg Hamann → Arend Berens
Meyhof, 15. Juni 1756
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HöchstzuEhrender Herr,

Der freundschaftliche Besuch des Herrn Bruders hat mich von der
Verlegenheit befreyt, worinn mich die Schuldigkeit einer mündlichen Abrede
setzte, zu welcher Sie neulich so geneigt waren mich einzuladen. Außer den
Unbeqvemlichkeiten meiner Stelle, beschäftigen mich der ganz nahe Termin
meiner Abreise und die damit verknüpfte Zerstreuungen zu sehr, als daß ich
nicht hätte befürchten sollen, dasjenige in Ihrer guten Meynung persönlich
zu verlieren, was ich mir jetzt versprechen kann, durch meines Freundes
Unterhandlungen gewonnen zu haben.
Ich unterschreibe alle die Bedingungen, die Sie mir, HöchstzuEhrender
Herr, haben bestimmen laßen, ohngeachtet sich meine Verbindlichkeiten jetzt
nicht weiter als auf den Wunsch erstrecken künftig für Ihre Vortheile aus
Pflicht, Neigung und Erkenntlichkeit so aufmerksam seyn zu können, als Sie
im voraus aus Freundschaft auf die meinigen gewesen. Ein Mensch, der
bisher unter seiner Arbeit sich hat müßen besolden laßen, bringt eine gewiße
Blödigkeit des Gewißens in eine Verbindung mit, die ihn auf einmal über
seine Ansprüche und Verdienste belohnen soll. Schonen Sie selbige
wenigstens so lange, biß ich mit meinen Geschäften bekannter seyn werde.
Die Ausflucht, wodurch Sie mich auf meine neue Lebensart vorzubereiten
bedacht sind, wird gewis einen Einflus auf meine Gesundheit und
Gemüthsverfaßung haben. Schlägt solche zugleich in jene und Ihre Absichten beßer
ein, als ich es vermuthet; so geschieht meine Zurückkunft nach Michaelis oder
in einem Vierteljahr. Wo nicht, werde ich meine Abwesenheit lieber verkürzen
als Zeit und Kosten verderben.
Wir sind also hierinn richtig und ich beqveme mich mit Vergnügen Ihren
ferneren Maasregeln, die ich am füglichsten in meinem Vaterlande werde
erwarten können, wo ich ihrer Ausführungen näher als hier bin.
Die Vertraulichkeiten, deren mich der Herr Bruder gewürdigt, nehmen mich
übrigens immer mehr für meinen gefaßten Entschluß ein. Ich weiß für einen
Märtyrer seines guten Willens keine fürtreflichere Zuflucht als eine Familie,
deren Absichten und Schicksale Erfahrungen eine ähnliche Qvelle gehabt.
Vielleicht hat dies der letzte Knoten seyn sollen, von deßen Entwickelung
mein Glück abhängt. Kaum daß ich mich zu den Wißenschaften bekannt, und
ungeachtet meiner allgemeinen Neigung zu denselben, für die ich so viel
Schwachheiten als ein Stutzer für das Geschlecht begangen, hat es mir
öfters leyd gethan nicht ein Kaufmann geworden zu seyn, bisweilen ernsthaft
genung um diese Gedanken nun wie eine Ahndung und den günstigen Anlaß
zu ihrer Erfüllung mit einem kleinen Aberglauben vorzusehen. Ich gebe Ihnen
bis auf meine Ausschweifungen Rechenschaft. Ein wenig Thorheit ist zu
allen menschlichen Anschlägen nöthig, das heißt den Boden füttern, auf dem
sie gedeyen sollen. Scheint es nicht, als wenn ich mich rechtfertigen will, daß
ich mein Wort von mir gegeben? Um es wahr zu machen, werde ich niemals
aufhören mit der aufrichtigsten Ergebenheit zu seyn HöchstzuEhrender Herr,
Dero gehorsamst verpflichtester
Meyhof. den 15/4. Jun. 7556.
Joh. Georg. Hamann.





















Michaelis 29. September




Vaterlande Königsberg




















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 50.

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, I 286–288.
Karl Hermann Gildemeister (Hg.): Johann Georg Hamann’s, des Magus im Norden, Leben und Schriften. 6 Bde. Gotha 1857–1868, I 104–105.
ZH I 209–210, Nr. 81.