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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Meyhof, Juni 1756
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Geliebtester Freund,

Ich bin heute Morgens ohne Ursache übereilt worden. Der HE. L. wollte
sogl. wegreisen; nachher wurde es biß nach der Mittags Mahlzeit verschoben.
Ich habe unten gespeist v in der Zeit an HE. B. schreiben können, will auch
noch an Ihnen ein paar Worte beylegen.
Des HE. Gen. Exc. waren heute bey mir, dankten mir, v. baten mich noch
besonders auf das beste die Besorgung eines Hofmeisters Ihnen zu
empfehlen. Ich wurde gestern fast des Nachts, (weil man hier spät schlafen geht,)
noch einigemal von der Fr. Gräf. beschickt mit einer etwas sophistischen Art,
der ich bald durchfuhr. Ich würde nicht schreiben; Sie wären noch in Riga
unbekannt, mein Ansuchen keinen Glauben mehr bey Ihnen verdienen, v
Sie besorgen einen Fehlstreich durch eine neue Wahl zu thun wie mit der
vorigen. Man ließ mich noch einmal bitten. Nach einigen Erklärungen, warum
nicht; aber nicht mehr in meinem Namen. Sehr gut. Ich bekam dafür heute
einen angemeldeten guten Morgen v Dank dafür von ihr, v von HE G. mündl.
Ich schreibe Ihnen dieses aus keiner andern Ursache, als weil ich mich v Sie
am meisten durch Ihre Begegnung in Ansehung desjenigen Menschen den Sie
sich die Mühe gegeben auszusuchen für beleidigt halte v Ihnen diese
Genugthuung zu schaffen. Sie werden meinen Brief darnach auch einigermaßen
eingerichtet finden, so schläfrich v zerstreut ich auch war. Anderer Kleinigkeiten
jetzt nicht zu gedenken. Die Uhr ist 2. Ich hätte noch Zeit genug zu schreiben.
Es meldet sich noch niemand. Ich habe den ganzen Mittag geseßen. Eine
Bewegung bey der leidl. Witterung wird mir nöthig seyn; daher will ich
aufhören. Ich wünschte daß Sie jemanden fänden; ich habe schon allen
vorgebaut. Als ein Fremder war ein 2., Sie könnten nicht als auf er. Akad. in Riga
wählen. Wo es mögl. besorgen Sie jemanden; v antworten Sie bald dem
HE. Gen. Sie wißen ohnedem, nicht unter meinem Couvert. Den Titel können
Sie von HE Lieut. oder Bassa erfahren. Er ist nicht Graf.
Hochwohlgeborner HE. HöchstzuEhrender HE. General Major v Ritter; Ihro Excell. Nennen
Sie ihn nicht auf dem Couv. Monsgnr. Doch das würden Sie ohnedem
gethan haben. Der HE. Gen. hat mich gebeten s. Haus zu recommendiren.
Dies kann ich fügl. thun. Ein jeder anderer würde vielleicht zufriedner darinn
gewesen seyn als ich. Und Sie dürfen nur sagen; relata refero. Ich küße Sie v.
Ihr liebes Frauchen herzlich. Leben Sie wohl v lieben Sie mich. Der HE. L. ist
ein braver Mann, ein wenig rückhaltend. Ich halte ihn für meinen Freund,
v er giebt sich dafür auch aus. Sagen Sie ihm wenigstens im Scherz, daß Sie
mich gern in Riga haben wollten. Wenn man mir die geringste Sprünge
gemacht hatte oder noch machen würde, so bin ich auf alles gefaßt gewesen.
Da man aber sehr behutsam geht, so will ich mich nach Ihnen richten.
Unterdeßen wünsche ich von Herzen erlöst zu seyn. So wenig viel Sie dazu
beytragen können, thun Sie es doch. Wenn Sie weniger Vergnügen als Sie
hoffen von mir haben, will ich wenigstens Ihnen alle Beschwerde zu machen
beyderseits so vorsichtig als mögl. seyn. Wenn ich ein reicher Kerl werden
sollte, wie ich mir beynahe bisweilen einbilde, so sollen alle Ihre Kinder die
meinigen seyn. Leb wohl, ehrlicher Alter! Du und Dein Marianchen. Wie
vergnügt werde ich die erste Nacht bey euch schlafen. Lebt wohl, lebt wohl!
Lebt wohl.

Auf der zweiten Seite die Adresse:
à Monsieur / Monsieur Lindner / mon très cher ami / cet. / à / Riga. / par
Couv.
































relato refero lat. für: Ich erzähle, was ich gehört habe.



















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (27).

Bisherige Drucke:
ZH I 210–212, Nr. 82.