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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Ruprecht
1754–1756
85 ◀ ZH I ▶ 87
ZH I, 213

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S. 214



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GeEhrtester Freund,

Ich schreibe auf ein Blatt, das Ihnen bestimmt gewesen. Wenn ich ein
anderes zur Hand hätte; so würde die hinterste Seite blank seyn. Sapienti sat.
Weil ich eben vom Eßen komme v meine Natur in voller Arbeit mit der
Verdauung ist; so denken fürchten Sie sich nur nicht, daß ich auf meinen
Brief viel nachdenken werde. Sie werden auch müde seyn, da Sie Ihrer
Gemeine heute die Leviten v. Samaritaner haben lesen müßen.
Für die Meisterstücke sage Ihnen den verbindlichsten Dank. Ich habe nur
die engl. v poetischen Stücke gelesen; v meine Urtheile darüber schon vergeßen.
Das 7 Blatt besinne mich mit vielem Entzücken gelesen, den Horatz darinn
vermißt, …. v. hier kommt ihr Maler, der die Wirkung in Ansehung meiner
thut, welche der Canonen Schuß dem Traum des engl. Schweitzers verursacht.
Ich habe mich heute der Ruhe gewiedmet, welche einige Geschäfte ausfüllen
werden; zu denen ich durch die Abwesenheit der jungen HE. alle Beqvemlichkeit jetzt
habe, die der gnädigen Gräfin entgegen gefahren sind. Ich bin in meinem
Nachtkleide v also allein. Wenn die Wahl unter meinen Geschäften auf mich ankäme,
so sollten diejenige mir die liebsten seyn, an welchen Sie mir helfen würden.
Haben Sie schon das Vorspiel auf Gottsched gelesen; wo nicht, so kommen Sie
ja heute. Wer weiß wo ich morgen bin. Ich werde Ihnen also entgegenkommen
v will noch 2 Anmerkungen in Ansehung des geliehenen Buchs hinzusetzen. Das
neunte Blatt enthält ein Gedicht, auf Veranlaßung einer franzoischen Ode;
die der HE von Creuz unter dem Titel philosophischer Betrachtungen
übersetzt oder paraphrasiert hat. Die Erfindung des 10. Blatts ist unvergleichl.
Das die Menschen in das Recht ihres Vermögens Nachkommenschaft v.
Verdienste setzet. Die Beschreibung eines galanten Manns im 17. Blatt.
Am Ende des 26 aus dem Guardian einen schönen Gedanken gegen die
Freygeister. Im 2 Theil 7 St. der Schluß eine nachdrückl. Vorstellung der
Menschenliebe. Die letzte Hälfte des 23. Blatts; worinn ein Auge vorkommt,
das unter dem schönen v. buntscheckigten keinen Unterscheid zu machen weiß.
Meine Ergebenheit an Dero geEhrteste Eltern. Ich bin der Ihrige.


Sapienti sat lat. sprichw. für: für den Verständigen genug









A. Henkel vermutet eine Anspielung auf David Hume.


jungen HE. v. Witten









Schröder, Meisterstücke
, Bd. 1, S. 73


Schröder, Meisterstücke
, Bd. 1, S. 129

Schröder, Meisterstücke
, Bd. 1, S. 261

Schröder, Meisterstücke
, Bd. 2, S. 55

Schröder, Meisterstücke
, Bd. 2, S. 184



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 30.

Bisherige Drucke:
ZH I 213–214, Nr. 86.

Zusätze ZH:
Die Briefe [Nr. 85–102], meist kleine Zettel, stammen aus den Jahren 1754–56; einige ließen sich wohl genauer datieren und in die bisherigen einreihen, es erscheint jedoch angemessener, sie geschlossen zu bringen. Es sind meist kurze Nachrichten an Ruprecht, den jungen Pastor in Grünhof, Hamanns Nachbar.

Auf der Rückseite des Blattes:
weil es alsdenn gut seyn wird    ist ausgelaßen.
Ich habe in der Schule eines unter ihnen.
empfunden hätte. Die ganze Zuschrift ist zerstümmelt v mehr einer unglück. praphrasi als reinen Übersetzung ähnlich.
1) Furcht v Hofnung sind Empfindungen. Es muß daher heißen: verbannen die erstere dieser Empfindungen v. laßen uns die andere genüßen.
2) sie gehen mehr mit uns sehen uns mehr wie solche an, die des Glücks als die der Tugend fähig sind.
3) man hat auch daher wohl pp.

II.

indem er über alle Alten v. Länder pp. ein richtiges v. genaues Tagebuch pp.

III.

durch von einem eingeschränkten Geist, der nur halbe Neben Absichten hat, als wenn er durch einen blöden regiert wird, der nur halbe Entschlüßungen fast.

IV.

die nöthige Anzahl von der Glückseeligkeit ausschlüße oder im Elende laße.
bedient von diesem Grundsatze entfernt; daher haben auch ihre Gesetze der Zeit nicht lange wiederstanden.
Licurg der – – – hätten auch in Ansehung der Iloten hierinn weniger abweichen sollen. Der Deutsche verräth hier wie an andern Stellen se große Unwißenheit in der Geschichte. Die Iloten waren den Lacedämoniern, was die Pennbey den Theßaliern, die Gibeoniten den Kindern Israel, die Unteutschen in Curland v. Liefland v die Schwartzen in America sind. Nicht Ilier sondern Iloten.
aller Stände nicht aller Befehle wie der einfältige Übersetzer hier ordres giebt.

VI.

Die Data (Sätze der Aufgaben) im gegenwärtigen anstatt anjetzo.

VII.

Das eingeschloßene soll eine Anmerkung des Übersetzers seyn die unglückl. weise im Text steht.