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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Ruprecht
1754–1756
90 ◀ ZH I ▶ 92
ZH I, 216

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GeEhrtester Freund,

Ich bin eben im Begrief gewesen mich nach Ihnen erkundigen zu laßen weil
mir Ihre wenige Entschloßenheit gewiße verlorne Worte zu erfüllen, bekannt
ist. Sie kennen meine gestrige Ungedult, die Sie aufs höchste getrieben haben,
da ich Ihnen eine viertel Meile zu Fuß v der älteste HE v. W. zu Pferd ½
entgegen gegangen. Gestern Abend um 10 bin ich Ihrentwegen noch
aufgesprungen v vor der Thüre gelaufen. Erstlich also Genungthuung. (Meinen
Coffée will nicht annehmen, weil ich ihn selbst ausgetrunken habe
ohngeachtet er für Sie gemacht war.) Zweytens Nothwendigkeit Sie bey mir zu sehen;
der ich nicht abhelfen kann, weil heute mein Tag Besuche anzunehmen aber
nicht abzulegen ist. Ich habe Ihnen etwas aus Mietau mitzutheilen v erwarte
also von Ihrer Güte, daß Sie um 4 Uhr bey mir seyn werden. Meine
ergebenste Empfehlung an Dero GeEhrteste Eltern. Geseegnet Frühstück; weil ich
Ihnen mündlich Geseegnete Mahlzeit zu wünschen gedenke. Adio.










Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)




Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 30.

Bisherige Drucke:
ZH I 216, Nr. 91.

Zusätze ZH:
Die Briefe [Nr. 85–102], meist kleine Zettel, stammen aus den Jahren 1754–56; einige ließen sich wohl genauer datieren und in die bisherigen einreihen, es erscheint jedoch angemessener, sie geschlossen zu bringen. Es sind meist kurze Nachrichten an Ruprecht, den jungen Pastor in Grünhof, Hamanns Nachbar.