119
Johann Georg Hamann → Gottlob Immanuel Lindner
Riga, September 1758
ZH I, 257




30




35
S. 258



5




10




15




20




25




30




35


S. 259



5




10




15




20




25




30





35


S. 260



5




10




15




20

Geliebtester Freund,

Der Herr Bruder hat mich diesen Vormittag besucht und verläßt mich eben
mit der Hoffnung mir nach der Mahlzeit Gesellschaft zu machen. Der Herr
Doctor hat sich in Riga lange aufgehalten, uns seine Gesellschaft aber wenig
genießen laßen. Ich habe gestern Abend an Ihre jungen Herren geschrieben.
Durch diesen Briefwechsel habe keine Absicht Ihnen beschwerlich zu fallen.
Mit dem jüngsten Baron wird es nur ab und zu nöthig seyn anstatt einer
Schreibstunde mir zu antworten. Den ältesten werden Sie sich ihm Selbst
und mir ganz allein überlaßen. Er hat mit einer schlechten Feder, und mit
einer Symmetrie geschrieben, die ich in des jüngsten Briefe berührt. Laßen Sie
nur alle Fehler, die er thut, begehen ohne sich damit zu qvälen. Ich werde ihm
nichts schenken. Wenn Sie eine Viertelstunde mit ihm über den Innhalt
desjenigen, worüber er schreiben will, reden und darüber raisonniren; so ist das
alles, was Sie von Ihrer Seite dazu nöthig haben. Sie werden dies als eine
Bedingung bey Ihrer Excell. die ich Ihnen gegeben, anzubringen wißen und
sich besonders im Anfange darnach richten und daran binden. Sehen Sie mit
der Zeit, daß es der Mühe lohnt ihn ein wenig zu helfen, so können Sie es
allemal so viel thun als Sie Lust haben. Ich will jetzt aber durchaus Meister
in diesem Spiel seyn und freye Hand darinn haben. Die Ursachen, warum ich
dies fordere, werden Sie selbst einsehen ohne mich darüber weitläufftig
erklären zu dürfen. Mehr Nutzen für den jungen Herren. Und wir beyde mehr
Freyheit gegen einander. Sie würden mir zu Gefallen Ihren Zügling und sich
selbst zwingen; und ich mehr zurückhalten, oder unrecht treffen.
Was machen Sie denn? Ich hoffe gesund. Nicht eine Zeile, noch einen Gruß
von Ihnen erhalten. Ich bin in ziemlicher Unruhe meines Bruders wegen
gewesen und noch. Er geht erst in 8 Tagen von Hause ab. Halten Sie ihn
daher ja nicht auf sondern laßen Sie ihn in Gottes Namen ungestört abreisen.
Da ich ihn selbst zu sehen gewiß diese Woche hoffete, und dadurch allein sein
langes Stillschweigen entschuldigen konnte; kommt ein Brief, von dunklen
schlüpfrichen Ausdrücken den man sich qvälen kann zu erklären, und davon
man sich bey jezigen Umständen allerhand gefährl ängstliche Auslegungen
machen kann. Gott helffe ihn gesund, bald und glücklich her. Die Schule
wartet auf ihn. Der Sub-rector ist diese Woche schon beerdigt. Ein Grund mehr,
der seine Ankunfft hier nöthig macht.
Sagen Sie doch, daß es mir noch nicht möglich gewesen die Spornleder zu
meinen Stiefeln zu finden. Ich habe selbige Ihre Excell. zu schicken
versprochen. So bald ich selbige in Händen komme, werde mein Wort halten.
Ich wünschte meine Schlüßel und das Leipziger Journal hier zu haben.
Wie weit sind Sie in Ihrem Bücherschmause gekommen? Ich werde als ein
Tellerlecker zu Gast kommen, und ihre besten Bißen, die Ihnen am meisten
gefallen haben, vor der Nase wegnehmen. Die Keulen vor das Volk, die
Knochen vor die Hunde. Wenig und was gutes gefällt dem Geschmack und
bekommt am besten. Die unersättlichen sind immer die unfruchtbarsten.
Geben Sie mir einmal in einem Briefe einen Extract von dem, was Ihnen
so viel kostbare Stunden und süße Nächte und heitere Tage gestohlen. Geht es
unserer Seele wie dem Leibe, der ohne Stuhlgang und Ausdünstung nicht
Blut machen kann. Nun so laßt uns das ausschwitzen, was wir mit so vieler
Lust gekaut und mit so viel Mühe verdaut haben – – durch alle mögliche
Poren. Wer der Natur gemäß lebt, braucht keine leidigen Artzte. Die durch die
Arzeney leben müßen, die Gott aus der Erde wachsen läßt, sind selten im
stande sie selbst zu sammeln. Würden wir bey der Diät des 6. Geboths die
Wunder des Mercurs nöthig haben?
Was machst Du denn du ehrliche Haut vom Kerl und Freunde? Deine
7 Thrl. sind richtig bezahlt; die Handschrifft ist mit Deiner Gläubigerinn
eigenen Händen entzwey gerißen. Was hält Dich denn jetzt ab nach Riga zu
kommen? Willst du den Winter erst grau werden laßen? Sorge nur für Deine
eigene schwartze Haare, und laß Dir Zeit ihm ähnlich zu werden. Bekümmere
Dich nicht um mich; ich will mich um Dich ebenso wenig bekümmern. Wir
wollen beyde unsern geraden Weg fort gehen und uns an nichts kehren. Gott
geben, was Gottes ist, dem Kayser, was des Kaysers. Zu dem Hunde, der das
Herz hat sich anzubellen, schrey nur mit vollem Halse: Kur loop – – wie sich
die Pastorathskläffer für meinen Nachtwächtergriff fürchten, wirst Du Dich
auch noch zu besinnen wißen. Wenn Du in Deinen Beruffsgängen Hum!
hinter Dich hörst, so denke daß ich diese Losung in den Feldern zurückgelaßen
habe, für die Du sorgst. Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. So
geht es Dir, wenn Du meynst, daß ich klüger werden soll. Ich will es nicht
seyn, wenn ich dafür zufrieden und glücklich bin. Willst Du es auch seyn; so
machs der Herr wie ich – – Du meynst wohl gar daß ich Papiermüllerchen mit
Dir im Briefe spielen will. Warum nicht gar? Keine Papiermühle, noch
weniger eine Windmühle, eine Waßermühle soll es seyn. Wenn ein Schelm so gut
als der andere ist, so möchte ich Dich doch lieber Gevatter Müller als Gevatter
BretSchneider nennen, wenn Du mich einmal nach langen Jahren mit einer
weißen Perücke und einer kupfrichen Nase besuchen willst. Du must aber nichts
anders als Holtz mahlen und mein ganzes Haus frey an Sägespäne halten.
Willst Du? Ich muß aber erst Waßer zu meiner Mühle haben. Waßer ist da,
aber wir wißen nicht wie viel? Deins ist faul, das weiß ich auch, güße es aber
nicht eher aus biß – Ein guter Amtmann weiß alle Sprüchworter im Dorf.
Man darf keins anfangen, in das er nicht einzufallen und zu schlüßen weiß.
Leben Sie wohl, meine Freunde! Vergeßen Sie nicht den
Ihrigen.


Meinen herzlich ergebenen Gruß an das sämtliche Pastorath, das antique
und moderne.
Ich bin zwischen Geschäfften und Zerstreuungen so zertheilt, daß ich nur so
viel thun kann als ich unumgänglich muß, und niemals so viel als ich will oder
möchte. Daher kann ich Selbst an den jungen Herrn Pastor noch nicht schreiben.
Eine kleine Zwischenscene!

Lieber Bruder! Es läuft mir ein gewisser Gedanke im Kopf herum, den die itzigen
kritischen Zeiten und die Erinnerung eines gewissen Mannes beflügelt haben. Ich
habe zuweilen unsrer lieben guten Mutter etwas zur Erqvickung geschickt. Damit
dies aber desto regelmässiger gehe, so will mir von nun an ein Gesez machen, ihr
alle Qvartale 10 fl. zu schicken. Was drüber geschehen kan, hängt von häusl.
Umständen ab. Mit Fritzen habe auch darüber gesprochen. Er kan eben so viel geben.
Und es wird besser seyn, sich hierinn an eine bestimmte Zeit, Summe und Gesez zu
binden, als nur nach einem Einfall und Beqvemlichkeit zu handeln. Selbst in der
Liste der Ausgaben wird es ein fester Artikel den man vorher besorgen kan. Ich
meine nun so. Ich 40 fl. der Bruder auch, und du nach guter oeconomischer
Taxation und Repartition deiner Einkünfte 20 fl. iährl. So hat Mama ein
Wittwengehalt von 100 fl. Das keinem unter uns schwer fallen kan. Was du aus löbl.
Stolze mehr thun willst, steht in deinem Belieben. Dies fürs erste und festgesezte.
Meine 10 fl. kindl. Contribution gehn heute herüber als das Michael Quartal.
Ich habe von dir noch 5 fl hier liegen. Du darfst also nur Ja sagen, so fliegt es
nächstens dorthin. Der richtige Spediteur will ich immer seyn, und wenn dein Beutel
schwer ist, so kanst du bey mir praenumeriren. Lebe wohl. Meinen Gruß an HE
Bassa. Lebe wohl.
Lindner.


Den Brief an Fritzen, weil er ähnl. Inhalts ist, befördere bald, und siegle ihn zu.





































Leipziger Journal nicht ermittelt














Wunder des Mercurs Quecksilber zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten

Du
George Bassa
, bei dem H. Schulden hatte, die aber inzwischen beglichen waren, Brief Nr. 112 (ZH I 245/35),Brief Nr. 112 (ZH I 246/17), Brief Nr. 165 (ZH I 435/11)

Thrl. Reichstaler, eine im ganzen dt-sprachigen Raum übliche Silbermünze, entspricht 24 Groschen (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)







Kur loop Kerl lauf































fl. Groschen, hier wohl 18-Groschen-Stück (Groschen: Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)

















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 4 (4).

Bisherige Drucke:
Roth I 290–293.
ZH I 257–260, Nr. 119.

Zusätze fremder Hand
260/1–21 Gottlob Immanuel Lindner

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
259/13 sich anzubellen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies dich anzubellen
260/6 Qvartale
Geändert nach Druckbogen (1940); ZH: Ovartale  Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Quartale