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Johann Georg Hamann → Immanuel Kant
1759
ZH I, 446




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Von erwachsenen Leuten auf Kinder zu schlüßen; so traue ich den letzteren
mehr Eitelkeit als uns zu, weil sie unwissender als wir sind. Und die
catechetischen Schriftsteller legen vielleicht, diesem Instinct gemäß, die albernsten
Fragen dem Lehrer, und die klügsten Antworten dem Schüler in den Mund.
Wir müssen uns also dem Stoltz der Kinder wie Jupiter sich der
aufgeblasenen Juno bequemen, die er nicht anders als in der Gestalt eines vom Regen
triefenden und halbtodten Gugucks um die Pflicht ihrer Liebe angesprochen
haben soll, unterdessen er zu seinen Galanterien sehr anständige und
sinnreiche Verkleidungen wählte.
Das größte Gesetz der Methode für Kinder besteht also darinn, sich zu ihrer
Schwäche herunterzulaßen; ihr Diener zu werden, wenn man ihr Meister
seyn will; ihnen zu folgen, wenn man sie regieren will; ihre Sprache und
Seele zu erlernen, wenn wir sie bewegen wollen die unsrige nachzuahmen.
Dieser practische Grundsatz ist aber weder möglich zu verstehen, noch in der
That zu erfüllen, wenn man nicht, wie man im gemeinen Leben sagt, einen
Narren an den Kindern gefressen hat, und sie liebt, ohne recht zu wissen:
warum? Fühlen Sie unter Ihren Schooßneigungen die Schwäche einer
solchen Kinderliebe; so wird Ihnen das Aude sehr leicht fallen, und das sapere
auch flüßen: so können Sie, H.H. in Zeit von sechs Tagen sehr gemächlich
der Schöpfer eines ehrlichen, nützlichen und schönen Kinderwerks werden, das
aber kein T – – dafür erkennen, geschweige daß ein Hofmann oder eine Phyllis
aus Erkenntlichkeit Sie dafür umarmen wird.
Diese Betrachtungen gehen darauf hinaus, Sie zu bewegen, daß Sie auf
keinen andern Plan ihrer Naturlehre sinnen, als der schon in jedem Kinde,
das weder Heyde noch Türke ist, zum Grunde liegt, und der auf die Cultur
Ihres Unterrichts gleichsam wartet. Der beste, den Sie an der Stelle setzen
könnten, würde menschliche Fehler haben, und vielleicht größere, als der
verworfene Eckstein der mosaischen Geschichte oder Erzählung. Da er den
Ursprung aller Dinge in sich hält; so ist ein historischer Plan einer Wissenschaft
immer besser als ein logischer, er mag so künstlich seyn als er wolle. Die
Natur nach den sechs Tagen ihrer Geburt ist also das beste Schema für ein
Kind, das diese Legende ihrer Wärterin so lange glaubt, bis er rechnen,
zeichnen und beweisen kann; und dann nicht Unrecht thut, den Zahlen,
Figuren und Schlüssen, wie erst seinen Ammen zu glauben.
Ich wundere mich, wie es dem weisen Baumeister der Welt hat einfallen
können uns von seiner Arbeit bey dem großen Werk der Schöpfung gleichsam
Rechenschaft ab[zu]legen; da kein kluger Mensch sich leicht die Mühe nimmt
Kinder und Narren über den Mechanismus seiner Handlungen klug zu
machen. Nichts als Liebe gegen uns Säuglinge der Schöpfung hat ihn zu
dieser Schwachheit bewegen können.
Wie würde es ein großer Geist anfangen, der einem Kinde, das noch in
die Schule gienge, oder einer einfältigen Magd von seinen Systemen und
Projecten ein Licht geben wollte. Daß es aber Gott möglich gewesen, uns zwey
Worte über den Ursprung der Dinge vernehmen zu laßen, ist unbegreiflich;
und die würkliche Offenbarung darüber ein eben so schönes Argument seiner
Weisheit, als ihre scheinende Unmöglichkeit ein Beweis unsers Blödsinns.
Ein Weltweiser lieset aber die drey Kapitel des Anfanges mit eben solchen
Augen, wie jener gekrönter Sterngucker den Himmel. Es ist daher natürlich,
daß lauter eccentrische Begriffe und Anomalien ihm darin vorkommen; er
meistert also lieber den heiligen Moses, ehe er an seinen Schulgrillen und
systematischem Geist zweifeln sollte.
Schämen Sie sich also nicht, H.H. wenn Sie für Kinder schreiben wollen,
auf dem hölzernen Pferde der mosaischen Geschichte zu reiten, und nach den
Begriffen, die jedes Christenkind von dem Anfange der Natur hat, ihre
Physick in folgender Ordnung vortragen:
I. Von Licht und Feuer.
II. Von der Dunstkugel und allen Lufterscheinungen.
III. Vom Wasser, Meer, Flüssen.
IV. Vom festen Lande, und was in der Erde und auf der Erde wächst.
V. Von Sonne, Mond und Sternen.
VI. Von den Thieren.
VII. Vom Menschen und der Gesellschaft.
Mündlich mehr! –
– Neglectum genus et nepotes
Respicis AVTOR
Heu nimis longo satiate ludo.
HORAT.




Jupiter ...
Pausanias
2,7,4, vgl. Brief Nr. 156 (ZH I 394/11)














sechs Tagen 1 Mo 1; vgl.
Pluche, Histoire du ciel
, S. 396 (dt. Übers.): »Wie! giebet es denn keine allgemeine Naturlehre, welche so viele Entdeckungen unserer Väter und unsere zusammen bringen und sie in eine ordentliche Wissenschaft verbinden könnte? Ja, allerdings giebet es dergleichen. Wir kennen eine einfältige und bescheidene Naturlehre, welche so wohl sicher zu gebrauchen als geschickt ist, das Herze des Menschen zu vergnügen, seinen Verstand auszuschmücken und seinen Bedürfnissen zu statten zu kommen; dieses ist die Naturlehre der Erfahrung, dieses ist die Physik des Moyses, und keine ist von der andern unterschieden.« Brief Nr. 170 (ZH I 452/25)


Phyllis im 2.
Ov. epist.
(Phyllis an Demophon), vgl. Brief Nr. 153 (ZH I 374/21)







Eckstein Ps 118,22, Lk 20,17 u.ö.




















gekrönter Sterngucker Alfons X. (1221–1284), König von Kastilien, der die Ptolemäischen Planetentafeln verbessern wollte; etwa in Zedlers Universallexikon überliefert, Bd. 1, Sp. 1345: »wenn ihn Gott zur Erschaffung der Welt mit gezogen hätte, wolte er vieles anders gemacht haben.« Leibniz benutzt die Anekdote in Von dem Verhängnisse; H. kannte sie aus
Rapin, Les Reflexions sur l’eloquence
, die er übers. hat (
Hamann, Rapin
, N IV S. 119) und bezieht sich auch in
Hamann, Biblische Betrachtungen eines Christen
, LS S. 68/9, darauf. In Knutzens Systema Cavsarum Efficientivm (1745, S. 115) taucht sie auf (s.u.) wie auch in Lilienthals Wahrscheinliche Vorstellung Der Geschichte Unsrer Ersten Eltern Im Stande der Unschuld (1722, S. 513). Vgl. Brief Nr. 146 (ZH I 344/26).


meistert vgl.
Knutzen, Wahrscheinliche Vorstellung der Geschichte
, S. 513f.: »Auf den Spanischen König Alphonsum X. schlug plötzlich der Donner loß / und berührte ihn an seinem Kleide / da er sich einstens vermessener Weise unterstand / die vollkommene Wercke Gottes zu tadeln / und zu sagen: Er hätte eines und das andre weit besser angeben und einrichten wollen / wenn er bey dem Werck der Schöpfung wäre gegenwärtig gewesen / und GOTT hätte Rath geben sollen. Und billig müssen / bey ausbleibender Busse / in der Höllen geschweiget werden die Schand-Mäuler der unverschämten Tadler / welche den allerweisesten Gott meistern wollen ...«














Hor. carm.
I,2,35–37: »wenn du dein verlassenes Volk und die Enkel / wieder anschaust, Stammvater, // übersättigt vom allzu langen Kampfspiel«




Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg (ohne Signatur).

Bisherige Drucke:
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, II 446–450.
Kant, Werke [Akademieausgabe] X 22–23, vgl. XIII 12–13.
ZH I 446–447, Nr. 169.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
447/18 gekrönter
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies gekrönte  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): gekrönte
447/2 ihrer
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies wohl seiner statt ihrer