17
Johann Georg Hamann → Barbara Helena von Budberg, geb. von Zimmermann
1753
16 ◀ ZH I ▶ 18
ZH I, 46



30




S. 47



5




10




15




20




25




30




35
Hochwohlgeborne Frau,
Gnädige Frau Baronin,

Weil ich nicht mehr weiß, was ich dem Herrn Baron nachdrückliches sagen
soll; so bin ich ganz erschöpft v verzweifele bey ihm etwas auszurichten. Ich
sehe mich noch täglich genöthigt ihn lateinisch lesen zu lehren und immer das
zu wiederholen, was ich schon den ersten Tags meines Unterrichts gesagt
habe. Ich habe eine Menschliche Säule vor mir, die Augen und Ohren hat
ohne sie zu brauchen, an deren Seele man zweiflen sollte, weil sie immer mit
kindischen und läppischen Neigungen beschäfftigt und daher zu den kleinsten
Geschäfften unbrauchbar ist. Ich verdenke es Ew. Gnaden nicht, wenn Sie
diese Nachrichten für Verläumdungen und Lügen ansehen. Es kostet mir
genung die Wahrheit derselben stündlich zu erfahren und es giebt Augenblicke,
in denen ich des Herrn Barons künfftiges Schicksal mehr als mein jetziges
beklage. Ich wünsche nicht, daß die Zeit v. eine traurige Erfahrung meine gute
Absichten bey Ihnen rechtfertigen mag. Ich bin genöthigt weder an Rechnen,
worinn der Herr Baron so weit gekommen, daß ich ihn habe Zahlen schreiben
v. aussprechen lehren müßen, noch an frantzöisch noch an andere Nebendinge
zu denken, weil er nur immer zerstreuter werden würde, so verschiedenere
Dinge ich mit ihm vornehme. Ein Mensch, der nicht eine Sprache lesen kann,
die nach den Buchstaben ausgesprochen wird, ist nicht im stande eine andere
zu lesen, die nach Regeln ausgesprochen werden muß, wie die franzöische. Ich
nehme mir daher die Freyheit Ihro Gnaden um ein wenig Hülfe bey meiner
Arbeit anzusprechen. Man wird dem Herrn Baron ein wenig Gewalt anthun
müßen, weil er die Vernunfft oder Neigung nicht besitzt seine eigene Ehre und
Glückseeligkeit aus freyer Wahl zu lieben. Gewißenhaffte Eltern erinnern sich
bey Gelegenheit der Rechenschafft, die sie von der Erziehung ihrer Kinder Gott
und der Welt einmal ablegen sollen. Diese Geschöpfe haben Menschliche
Seelen, v. es steht nicht bey uns sie in Puppen, Affen, Papagoyen oder sonst etwas
noch ärgeres zu verwandeln. Ich habe Ursache die Empfindungen und
Begrieffe einer vernünfftigen v. zärtlichen Mutter bey Ew. Gnaden zum voraus
zu setzen, da ich von dem Eifer überzeugt bin, den Sie für die Erziehung eines
eintzigen Sohnes haben. Sie werden seinem Hofmeister nicht zu viel thun,
wenn Sie ihn als einen Menschen beurtheilen, der seine Pflichten mehr liebt,
als zu gefallen sucht. Setzen Sie zu dieser Gesinnung noch die aufrichtige
Ergebenheit, mit der ich bin pp.
N.S. Nehmen Sie nicht ungnädig, wenn ich bitte dies als keine Vorschrifft
anzusehen. Es scheint, daß Sie, Hochwohlgeborne Frau, eine wohlgemeinte
Vorsicht gegen des Herrn Barons Sitten als Eingrieffe in ihre Sitten
angesehen haben, v. aus der Ursache einen Umgang, den ich für nachtheilig
gehalten angesehen, jetzt selbst zu unterhalten scheinen. Ich habe wenigstens
geglaubt, daß der Herr Baron füglich das Alter zu denjenigen Sünden, die
er mir gestanden hat, abwarten könne. Es beruht übrigens auf Ew. Gnaden,
ob Sie den Innhalt gegenwärtigen Briefes nach einigen wieder mich gefaßten
Vorurtheilen oder nach der redlichen Absicht deßelben beurtheilen wollen. Ich
bin gefaßt mir alles gefallen zu laßen.
vgl. auch
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 326/11






















Gewalt vll. körperliche Züchtigung, siehe Graubner (2011), S. 90, mit Verweis auf dieses Thema in Anton Friedrich Büschings ›Unterricht für Informatoren und Hofmeister‹ (Hamburg 1773).


















Sünden vgl.
Hamann, Gedanken über meinen Lebenslauf
, LS S. 320, und
Hamann, Beylage zu Dangeuil
, N IV S. 228, ED S. 364





Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 31.

Bisherige Drucke:
Roth I 252–254.
Paul Konschel, Der junge Hamann (Königsberg 1915), 39–40, Anm. 1.
ZH I 46–47, Nr. 17.