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Königsberg, 19. Dezember 1761   ZH II 123   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
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Königsberg den 19 Χstm. 1761.

Geliebtester Freund,
Einen Kalender für unsern alten Schulbruder Lauson auf das künftige
Jahr, und abermal einen von 1758. deßelben Formats. Bedingt sich dies
WeynachtsGeschenk so lange aus, als die jetzigen Aspecten dauren werden.
Ein für allemal.



Auf! auf! mein lieber Verleger, gehen Sie für mich auf die Spur.
Abaelardus Virbius ist glücklich recensirt in den Hamb. Nachrichten – – – Anfang
eines Billets nach Erhaltung Ihres Briefes.
Hab ich Sie recht verstanden, liebster Freund, ich bin recht neugierig dies
zu wißen. Noch habe nichts davon gehört. Auf allen Fall, wenn Sie mir bald
schreiben
, bitte wo nicht eine Abschrift, doch eine Anzeige des Stückes aus.
Einlage bitte nach Kurl. zu befördern. Machen Sie keine Entschuldigung
mehr, wenn Sie mir welche einschließen. Es thut mir leyd, daß ich der Frau
ConsistorialR. nicht habe Nachricht geben können, daß ich heute schriebe.
Theils Vergeßenheit von meiner Seite, theils das elende Wetter, daß ich
meinen gewöhnl. Mercur nicht schicken kann. Ich gehe gar nicht aus, nicht
Sonntags, nicht Montags, nicht Donnerst.
Die Commission an meinen Bruder werde durch Lauson bestellen laßen.
Er ist vorgestern als 3. Collega introducirt worden und gestern zum 2.
gewählt. Das geht ziemlich hitzig.
Ich habe vorgestern meine Andacht in Gesellschaft meines Vaters gehabt
und gestern meine hebräische Bibel zum 2 mal glücklich zu Ende gebracht.
Mit dem N. J. möchte ich wohl Stückweise selbige vornehmen und mit den
Propheten den Anfang machen.
Stellen Sie sich mein Glück vor. Eine herrl. Ausgabe des Platons für 31 gl.
erhalten und die besten von Proclus und Plotinus theol. Werken. Text und
Uebersetzungen. Auch eine Ausgabe von Theophrastus Kräuterbuch mit den
stärksten Commentariis Scalig. cet. mit Ihrem Athenaeus von gl. Gewichte;
noch einen großen Folianten von der Cabbala, wo Reuchlinus cet. darinn
stehen. Das ist eine reiche Erndte, zu der ich 10 Thrl. aufgenommen und im
Nothfall auf mehr Geld gefaßt war, unterdeßen ich mit 6 fl. v einigen gl. für
alles davon kam, die mein Vater mit Freuden bezahlte. Nun ich wünsche
Ihnen auch ein einträgl. Fest an allem Nothwendigen und Ueberflüßigen.
Meine Bibliothek wächst, ich weiß selbst nicht wie – Noch ein arabisch
Lexicon und ein Alcoran fehlen mir zwar, ich brauche sie aber noch nicht,
weil ich sie habe.
Mit dem I. Buch der politischen Werke des Platons habe eine Pause
gemacht, und werde erst künftig aber ganz gemächlich fortfahren, weil man sich
auch den Magen am Honig verderben kann, und man seinem Appetit Genüge
thun aber auch halten machen muß.
HE Trescho hat mir vorige Woche geschrieben und Näschereyen in die
Visitenzimmer am Neujahrstage
zu besorgen geschickt, die gedruckt
worden aber kleiner gerathen, weil das letzte Stück wegfällt; ein Sendschreiben
des Keith an den Philos. von S. S. Er hat theils nicht Herz genung dazu,
theils Lust es mit mehr Witz auszuarbeiten. Man muß sehen – Ich habe ihm
gestern geantwortet und seinem Verlangen Genug gethan.
Von sr. Sterbebibel habe auch die zweyte Durchsicht übernehmen müßen,
die vielleicht den Götz ausstechen möchte und den Verlag reichlich bezahlen.
Warm Brodt schaft Beckern und Ärtzten Kunden.
Seine ersten Gedichte sind sehr weitläuftig in einem neuen Journal
recensi
rt, das zu Berl. geschrieben v. zu Jena auskommt; den Titel weiß nicht
mehr. Es ist eins der neusten. Die Recensenten wollen was sagen und sagen
nichts, mit den besten Regeln von der Welt aber sagen sie nichts. In eben
diesem Journal ward eine kleine Sammlung poetischer v prosaischer Gestalt
als einem Genie zuerkannt. Die Probe, die sie anführten, bewieß das
Gegentheil. Ich ließ mich verleiten, weil ich es eben wo fand, ein wenig
durchzublättern. Das Mittelmäßige ist keinem genie eigen. Was meine Mühe
gewißermaßen belohnte war nichts mehr als eine einzige Note, eine anecdote
scandaleuse
von L. Gedichten. Die Verfaßer müßen Landesleute seyn, an
Porsch dachte, den Comödianten, doch von sr. Schreibart fand keine Spur mehr.
Ich habe ein Haufen neue Sachen durchlaufen, wenigstens eher zu viel als
zu wenig, weiß aber fast nichts mehr davon. Bar ist mir ganz unkenntl. Den
ersten Theil sr. valsoles habe nur gelesen. nomen et omen ist auch hier. Die
kleine Abhandl. von der Ironie ist noch die beste. Sein Styl in prosa komt
mir ungeschickter vor; vielleicht liegt es an meinem Ohr. Die Lebensbeschreibung
des Loyola die er schon in sn epitres diverses lobt ist jetzt auch verdeutscht
und das angenehmste Buch für mich gewesen. Es gehört aber mehr granum
salis
dazu als zum H. Engelbrecht.
In Marmontels Erzählungen hat mir der Abt von Chateauneuf am
meisten gefallen – und so weiter. Des Bücherschreibens ist kein Ende.
Pastor Ruprecht hat mir den Todesfall meines gewesnen BrodtHE. am
ersten angemeldet. Ich denk noch an ihn – Laß die Todten ihre Todten
begraben. Er ist Seinem Herrn gefallen, der wolle Ihm gnädig seyn.
Der erstere hat se. defectBogen noch nicht erhalten auch nicht den Versuch
einer neuen Erklärung über einen Spruch des Jesaias. Wißen Sie nichts
davon? haben Sie sein Pack nicht eröfnet?
Mit meinen Arbeiten geht es Gottlob! langsam aber gut. Der Kern soll
eine Rhapsodie in kabbalistischer Prosa seyn von ungefehr 3 Bogen. Weil
es aber durchaus ein Bändchen seyn soll: so werde auch crambem bis coctam
zum Umschlage brauchen und Sie nachahmen, aber (nach meiner Art)
unverschämter, alles zusammenraffen biß auf GelegenheitsGedichte und ein
lateinisch Exercitium. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie den Autor in effigie
sehen werden. Werden wir uns diese Meße einander begegnen?
Ich vertraue Ihnen das; laßen Sie sich nichts davon nach Morungen
oder an seinen Freund K – – – merken. Allen Zufälligkeiten vorzubeugen mag
ich lieber zu viel als zu wenig Vorsicht brauchen.
Gott schenk Ihnen und Ihrer lieben Frau ein fröhlich Neujahr und laß es
Ihnen an keinem Guten fehlen. Mein Vater sagt: Amen dazu. Ich umarme
Sie und bin nach der herzlichsten Begrüßung Ihr ergebenster Freund.
Hamann.




jetzigen Aspecten Vll. die Besetzung Ostpreußens durch russische Truppen




Auf! auf! … Hamann zitiert ein Billet an
Johann Jakob Kanter

Hamb. Nachrichten im 87. und 88. Stück der Hamburgischen Nachrichten vom 10. bzw. 13 November 1761 (S. 691–701) sind Hamanns Chimärische Einfälle teilweise abgedruckt. Soviel Raum wird in diesem Jahr kaum einem anderen Text in den Hamburgischen Nachrichten eingeräumt.

Ihres Briefes nicht ermittelt




Kurl. Kurland

Frau ConsistorialR.
Auguste Angelica Lindner



Mercur wohl der Stubenbursche









Platons vgl.
Platon, Opera
gl. Groschen (in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)


Theophrastus Kräuterbuch
Theophr. hist. plant.


Cabbala […] Reuchlinus vll.
Reuchlin, De arte cabalistica

Thrl. Taler, meist ist der 24 Silbergroschen entsprechende Reichstaler

fl. Gulden, Goldmünze, hier aber 1 polnischer Gulden, eine Silbermünze, entsprach 30 Groschen
gl. Groschen (in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)










Näschereyen
Trescho, Näschereyen


Sendschreiben
Trescho, Keith an den Weltweisen von Sanssouci
, erschien dann 1762. Auf Friedrichs »Epistel an Keith [James Keith, 1696–1758]« (in: Poësies Diverses, 1760, S. 215), worin mittels lukrezischer Motive die Unsterblichkeit der Seele verneint wird, spielt auch Hamann in den Wolken an (N II S. 106/16f., ED S. 63). Mendelssohn verteidigte im 98. und 99. der Literaturbriefe die poetische Nachahmung antiker, epikureischer Topoi. Auf diese Verteidigung wiederum bezieht sich Trescho polemisch.







neuen Journal nicht ermittelt









L. vll. Lauson





Abhandl. »Sur l’ironie«, in:
Bar, Babioles littéraires et critiques
, Tl. 1, S. 61–72.


Lebensbeschreibung nicht ermittelt
epitres diverses
Bar, Epitres diverses

granum salis dt. mit einem Körnchen Salz, im Sinne von nicht ganz ernst zu nehmen

H. Engelbrecht
Hans Engelbrecht

Marmontels Erzählungen
Marmontel, Contes moraux
, Tl. 1, S. 213–244 (1763)

Des Bücherschreibens … Pred 12,12

Pastor Ruprecht
Johann Christoph Ruprecht
BrodtHE.
Christopher Wilhelm Baron v. Witten
war im November 1761 gestorben.

Laß die Todten … Mt 8,22







cramben bis coctam aufgewärmter Kohl (Iuv. 7,154)


GelegenheitsGedichte Gelegenheitsgedichte

in effigie dt. im Bildnis; vgl. in der Vorrede zu den Kreuzzügen des Philologen N II S. 117/15, ED S. a7r.


nach Morungen zu
Sebastian Friedrich Trescho

Freund K ––– vll.
Johann Jakob Kanter


lieben Frau Marianne Lindner




Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (76).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 117–119.
ZH II 123–126, Nr. 217.

Zusätze ZH
HKB 217 (126/3): Lindner dazu:
Prov.? aufgew. Kohl
Von Lesern und Lehrern der Alten und Neuen
S. 492 / 34
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Textkritische Anmerkungen
124/1 Fall
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: Fall
125/17 valsoles
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: babioles