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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Vater)
Grünhof, 11. Januar 1754
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ZH I, 62


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Grünhof den 11. Jenner 1754.

Herzlich geliebtester Vater,

Ich habe wieder ohne meine Schuld zum Lügner werden müßen. In
meinem letzten Briefe machte ich die gewißeste Hofnung von Mietau so weitläuftig
als mögl. zu schreiben. Unsere Anstalten waren zur Abreise völlig fertig. Die
Mädchen waren schon zum voraus abgereist zu unserer Ankunft alle
Beqvemlichkeit v. Reinlichkeit zu besorgen. Der Kutscher brach aber den Tag vorher die
eine Armröhre entzwey v alles wurde hiedurch zu Waßer. Zu meinem Glück
bekam ich hiedurch Zeit ein FlußFieber mit einem schlimmen Hals
abzuwarten, das mich 3 oder 4 Tage ziemlich in Gliedern gelegten hat. Es hätte nur
an mir gelegen mich in dieser kleinen Unpäßlichkeit recht zu pflegen; weil die
Frau Gräfin Ihre Sorgfalt für meine Gesundheit v. Appetit mir sehr öfters
aufs gnädigste bezeigen ließ. Eine strenge Diät v die Wärme haben mir aber
die beste Dienste gethan. Des HE. General Excell. kamen wieder Vermuthen
noch ganz spät am heil. Abend vor Weynachten zu Hause; v ich habe jetzt
wenig Hofnung in der Gesellschaft des Hauses nach Mietau zu kommen. Die
Fest- und Neujahrs-Zeit bin ich mit GlückwünschungsSchreiben beschäftigt
gewesen, die ich für meine junge Herren v. den HE. General habe thun müßen.
Diese Arbeit ist auch vorbey v. ich habe mich recht gesehnt etwas von meinen
lieben Eltern zu lesen oder Ihnen etwas zu lesen zu geben. Ich bete,
Geliebteste Eltern, für Sie und wenn Gott mein Gebet erhört, so werden wir von
beyden Theilen glücklicher v zufriedner auf der Welt seyn, als uns alle
Wünsche des Wohlstandes irgend machen können. Wenn ich alles dasjenige
zusammennehme, was ich bey diesem neuen Jahr für andere habe wünschen
müßen; so ist es gegen dasjenige viel zu leicht, was die Erkenntlichkeit v.
Gegenliebe der besten Eltern von mir verlangt v. fordert. So schwer mein
Herz wird, wenn ich an meine Freunde gedenke; so wenig scheint es mir
demjenigen ein Genüge zu thun, was ich Ihren Verdiensten um mich v Ihrer
Zärtlichkeit schuldig zu seyn glaube. Ich hoffe übrigens, daß Ihre
beyderseitige Gesundheit, Geliebteste Eltern so beschaffen seyn wird, daß ich nur nöthig
habe eine dauerhafte Fortsetzung derselben zu wünschen. Sie können, lieber
Papa, auf mein Wohlergehen, wenn sie so gut seyn wollen, sicher ein Glaß
Wein mit frohem Herzen allemal austrinken. Ich verehre die Wege des lieben
Gottes, der mich in ein Haus geführt hat, wo ich in den meisten Stücken das
Gegentheil desjenigen antreffe, in dem ich eine gute Probe ausgestanden habe.
Ich habe mir unterdeßen vorgenommen, mein ganzes Leben als Lehrjahre
anzusehen, um mich wieder alles gesetzt zu machen. Das Hauß des HE. Belgers
ist mir vielleicht eine eben so nöthige Schule gewesen um die Blöße falscher v.
schwacher Freunde kennen zu lernen. Ich hoffe Ihre Freundschaft auf der Welt
nicht mehr nöthig zu haben v. würde mich eher zu allem entschließen, als
zu derselben meine Zuflucht zu nehmen.
Ich wiederhole meine Versicherung, daß ich keine Schulden gemacht v das
was bey HE. Belger angelaufen ist, bezahlt habe. Sie können sich, lieber Papa
in diesem Stück vollkommen zufrieden geben. Ich beruffe mich auf meine
Aufrichtigkeit, die ich noch nicht verleugnet habe. Sie wißen, daß ich ein Viertel
Jahr von meinem Gehalt zum voraus aufgenommen, v davon meinen Rest
meinem Wirth bezahlt habe. Wenn ich übrigens noch etwas richtig zu machen
hätte, so würde es mir allemal frey stehen das 2te Viertel Jahr gleichfalls
aufzunehmen, da ich so schon gegen ein halbes Jahr bald hier werde gewesen
seyn. Ich hoffe aber dieses nicht einmal zu meinen künftigen Ausgaben nöthig
zu haben. Des HE. General Excell. haben mir 10 Alb. Thrl. zum Neuen Jahr
mit den gnädigsten v. recht zärtl. Versicherungen Ihrer Zufriedenheit mit mir
gegeben. Die Frau Gräfin hat es gleichfalls nicht daran mangeln laßen. Man
erkundigte sich gestern nach meinem Freund den D. Lindner, er hat mir durch
den Candidaten Ruprecht des Pastors Sohn auf Grünhof Hofnung zu
seinem Besuch machen laßen. Sie versicherten mich, daß es Ihnen lieb seyn
würde ihn hier zu sehen; v. ich bin deswegens willens ihn noch heute zu
schreiben v darum zu ersuchen. Er wird im stande seyn alsdenn das beste Zeugnis
von den Eigenschaften der Frau Gräfin v. der Ordnung dieses Hauses ablegen
zu können. Der Tisch ist hier der kurländischen Wirthschaft zuwieder sehr
ordentlich, schmackhaft, gesund v reich. Morgensittags v. Abends habe ich
meine Carafine Wein; v der ordentliche Besatz ist von 5 oder 6 Gerichten.
Meinen beyden jungen Herrn fehlt es nicht an Munterkeit; sie reden fertig
franzoisch v man hält hier einen franzöischen Bedienten zu ihrer Übung im
Reden. Der älteste hat einen sehr geschwinden Kopf; er ist ein Schooßkind
der Eltern. Ich habe mich in großer Furcht wegen ihrer Lebhaftigkeit setzen
müßen. Es macht aber den Eltern viel Vergnügen, daß sie mich
demohngeachtet lieben. Kurz ein Hofmeister darf nicht verzagen mit ihnen Ehre
einzulegen; v man hat wenigstens von ihrem Fortgang unter mir vortheilhaftere
Gedanken als ich selbst. Ich kann mir dieses Vorurtheil gern gefallen laßen.



Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)





FlußFieber »Febris catarrhalis, ein nachlaßendes Fieber, welches sich mit Flüssen auf der Brust vereinigt. Man macht einen Unterschied unter ein gutartigen [Catarrh] und bösartigem Flußfieber.« Oeconomische Encyclopädie oder Allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- u. Landwirthschaft, 14. Tl. (Berlin 1778), S. 420










































Alb. Thrl. Albertsreichsthaler, 1616 in den Niederlanden eingeführt, im 18. Jhd. zeitweise auch in Preußen und Dänemark geprägt; wichtiges internationales Zahlungsmittel im Ostseeraum.




















Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (16).

Bisherige Drucke:
Gildemeister I 52–53.
ZH I 62–64, Nr. 23.