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Königsberg, 24. Juli 1762   ZH II 163   Orig    geprüft    Komm  
Johann Georg Hamann  →  Johann Gotthelf Lindner
S. 163



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Ksberg den 24 Juli 1762.

Herzlich geliebtester Freund!
Tandem – schreiben Sie mir auch einmal wieder. Man hatte hier schon
Wind, daß Sie selbst herkommen würden. Weil Sie aber gar nicht daran
denken: so zweifele, daß Sie sich dazu entschließen können. Wo bleibt Ihr
Bruder aber? – Der Zauderer – der Schläfer – der Spätling!
Mein seel. Freund ist eben derselbe, den Sie gekannt haben und beschreiben.
Ein munterer Kopf mit einem blühenden Gesichte –
Unser alter Freund Hennings ist hier gewesen. Wo er ist, weiß ich noch nicht.
Alles, worauf Menschen und Völker sich was zu gut thun, ist wie das Graß
auf dem Felde, das morgen im Ofen geworfen wird.
Liegt es an mir, oder am Meßgut. Ich bin ganz abgeschreckt was mehr zu
lesen. Humens erster Theil von der Grosbrittan. Geschichte habe
durchgeträumt und verlange nach der letzten Hälfte, worin Cromwell vorkommt.
Der Autor hat das beste Stück der Historie gewählt, und wo er seine
Vorurtheile am schönsten auskramen kann. Hierinn bewundere ich sein Glück oder
seine Klugheit. Das Wort Enthusiasmus ist eine unbekannte Größe, und der
Knoten des ganzen Werks.
Schreiben an die Patrioten ist von Trescho. Kennen Sie das animal scribax
nicht an der Pfote? Gellius ist jung, wie ich gehört und kann noch werden.
Kanter ist nach Hause von Holland gekommen und hat mir Rousseau du
Contract social
oder seine Principes du droit Politique mitgebracht, als den
dritten Theil sr Oeuvres diverses. Das Werk zu übersetzen ist nicht für mich,
zu zergliedern auch nicht ein solch Gewebe von Sophistereyen, wie das Netz
Vulcans, worinn er den Mars mit der Frau Gemalinn nach dem Olymp trug.
Es soll mit sr. Emilie verbrannt, die ich auch zu kennen wünsche. Seine
Principes sind ein bloß Stück von einem großen Werk, davon er das übrige
unterdrückt. Ich möchte es doch wohl auf allen Fall behalten, weil es mir
Kopfbrechen und Bauchgrimmen verursacht hat, und als eine würdige Hälfte
zu einem andern Buch, das mir auch angeschaft. Recherches sur l’origine du
Despotisme Oriental. Ouvrage posthume de Mr. B. I. D. P. E. C. Monstrum
horrendum, informe, ingens…
1761. ohne Benennung des Orts, voller
Bitterkeit gegen die Religion. In der Vorrede wünscht der Autor, daß man
bald Europa vernünftig nennen könnte, nachdem es wild, heidnisch und
lange genug christlich geheißen hat.
Wenn ich das Blatt nur finden könnte, wo ich einige Grillen aufgesetzt,
und um das ich schon Sie einmal ersucht habe. Ich weiß daß es nichts werth,
aber die prima stamina eines ganzen Feldes lagen darinn vergraben, und ich
kann ohne dies verlorne Blatt nicht auf die Spur kommen –
Doch jetzt kann ich ohnedem nicht arbeiten, und nöthig hätt ich es mehr als
jemals. Jene beyde französische Bücher sind aber das einzige Merkwürdige,
was mir von Schriften aufgestoßen, und liegen mir im Kopfe, wie dem
gemeinen Mann das Gespenst des Friedens.
Ueber den guten Abdruck der Beylage zum Rigischen Katechismus freue
mich herzl. Der Hof in Fabeln soll von Mosern seyn. Eine artige
Prophezeyung von den Tartarn hat Rousseau, und eine einfältige lustige
Ahndung von Corsica.
Die Oeuvres diverses de Mr. Thomas habe auch gelesen. Der Autor ist
vorher Professor zu Paris gewesen, jetzt hat er eine Staatsbedienung. Der
erste Theil besteht aus 3 Poesien, worunter das Gedicht auf den Jumonville,
der von den Engell. umgebracht wurde, das längste ist. Der andere Theil aus
3. gekronten Reden oder Preißschriften. Die auf den Grafen von Sachsen,
und Daguesseau habe mit der meisten Aufmerksamkeit gelesen; die letzte geht
einen Seehelden an.
Aus Cleinows Auction habe ein arabisches Evangelium Infantiae von Sike
mit Uebersetzung und Noten herausgegeben nebst 3 Fasciculis opusculorum
quae ad Historiam ac Philologiam sacram spectant
und zu Roterdam 1693
in 12 ausgekommen, erhalten. Dickinsons Delphi Phoenicizantes sind das
erste Stück, das ich mir lange schon gewünscht.
Schurmannii Opuscula habe selbst gehabt, wo sie sind, weiß nicht. Sie
waren auch auf gemeldter Auction; vielleicht kann ich selbige Ihnen
verschaffen.
Wegen Woltersdorfs Schulhandl. habe mich im Buchladen gemeldt –
Haben Sie das Neue gemeinnützige Magazin, das zu Hamburg
auskommt? Ich werde es heute durchblättern.
Die Thornsche Zeitungen kann zum lesen bekommen. Die polnischen
Sachen sind das Beste darinn
. Das pr. möchte auch wohl stark
mitgenommen werden. In ihren übrigen Recensionen herrscht der liebe Schlendrian.
Partheylichkeit und Dummdreistigkeit. Ein laues Urtheil, das nicht kalt nicht
warm ist; so weit ich sie kenne.
Nicolai hat mir geschrieben und meldt, daß Moses verheyrathet ist. Ich bin
mit sm Briefe recht sehr zufrieden. Antworten möchte wohl nicht eher, als biß
sich die Zeiten ändern, daß man wenigstens weiß, woran man ist.
Kanter hat mir den Tod des Sokrates aus Engl. auch verschrieben. Er hat
mir einige freundschaftl. Winke von Gelehrten mitgebracht, die ich so und so
annehme. Die Kreuzzüge sind bald aller. Mit einem kleinen Verlag war mir
gedient. Noch hat sich kein Zeitungsschreiber gemeldt. Erfahren Sie was, so
erwarte ich von Ihnen Nachricht ohne Furcht – weil ich gefaßt bin. Ich werde
Ihnen auch mittheilen, was ich entdecken werde.
Mein Vater grüst Sie herzl. und Ihr ganzes Haus. Ich umarme Sie und
Ihre liebe Hälfte – Leben Sie wohl und vergeßen Sie nicht Ihren
aufrichtigen Freund und Diener
Hamann.


Heute Gott Lob! das fünfte Buch de Legibus zu Ende gebracht; die ich
zieml. schläfrich lese. Der Sokrates fehlt in diesen einzigen Gesprächen, und
ich fühle den Mangel seiner Gesellschaft.

den letzten Julius 1762.

Wagners Einlage ist so alt geworden, weil ich 8 Tage auf der Mama Brief
gewartet habe und gern in Ihrer Gesellschaft schreiben wollen. Der Innhalt
wird wie ich denke nicht so wichtig seyn, daß Sie HE Wagner von diesem
kleinen Verzug nöthig haben zu melden, der 8 Tage beträgt.
Die Briefe über die mosaische Schriften und Philosophie haben mit so viel
Vergnügen gelesen, daß ich auch für Sie ein Exemplar gleich besorgt habe.
Besitzen Sie selbige wieder Vermuthen schon, so ist HE Pastor Ruprecht
gewiß ein Abnehmer.
Wie hält es Liebster Freund! mit Ihrer Anherokunft? – Wenn Sie mich
doch beschlichen! – Die dicken Wolken verziehen, wie es scheint, Gott gebe uns
alles, was uns gut und seelig ist.
Vom Lowth den zweyten Theil mit viel Gleichgiltigkeit und halben
Verdruß gelesen.
Diese Woche Gott Lob! meine Andacht gehabt und meinen Gast auch nach
Elbing wieder zurück geschickt.
Noch geht nicht recht mit der Arbeit. Gedult! Mit der Zeit hoffe wieder
in den Gleis zu kommen.
D. Schultz hat se Tochter an D. Teske verheyrathet, diese Woche Hochzeit
gegeben.
Haben Sie das gemeinnützige Magazin? Klingstäds Abhandl. von den
Samojeden, die jetzt hier gedruckt wird, ist dort schon übersetzt.
Leben Sie wohl, Liebster Freund! Ich umarme Sie und Ihre liebe Hälfte
nach den herzlichsten Begrüßungen von meinem alten Vater, und ersterbe
Ihr treuer Freund
Hamann.


Tandem lat.: endlich

selbst herkommen Vll. wegen Bewerbung um die vakante Professur der Poesie, vgl. HKB 231 ( II 162/13 ).






wie das Graß Mt 6,30



Humens erster Theil »Erster Band, der die Regierungen Jakobs I. und Carls I. enthält«, von:
Hume, The History of England

Cromwell
Oliver Cromwell





Schreiben an die Patrioten
Trescho, Schreiben des Friedens
animal scribax Schreibtier





Netz Vulcans Vulkan fängt Mars und Venus mit einem unsichtbaren Netz und verspottet sie, vgl.
Hom. Od.
8,266–366.


Emilie verbrannt
Rousseau, Emile
; die beiden Bücher wurden von der Pariser wie auch von der Genfer Regierung verboten und öffentlich verbrannt und ein Haftbefehl gegen den Verfasser erlassen. Daraufhin gab Rousseau das Genfer Bürgerrecht ab.












prima stamina Urstoff





Gespenst des Friedens Am 5. Juli 1762 wird Peter III. abgesetzt;
Katharina II.
besteigt den Thron und widerruft den Friedensschluß mit dem preußischen König und die Rückgabe Preußens am 16. Juli. HKB 231 ( II 162/2 )



von den Tartarn […] Corsica Vgl.
Rousseau, Du contrat social ou principes du droit politique
, S. 96, dort heißt es von den Tartaren, sie würden einst ganz Europa beherrschen. Und S. 109f.: dass Korsika aufgrund der Tugendhaftigkeit ihrer Bevölkerung Europa einmal noch überraschen wird.


Mr. Thomas
Thomas, Oeuvres diverses
, darin Jumonville, poème en IV chants (Paris 1759); Eloge de Maurice, comte de Saxe, qui a remporté le prix de l’academie française (Paris 1759); Eloge de H. Fr. d’Aguesseau, chancellier de France, qui a remporté le prix de l’academie française (Paris 1760) und Eloge de Réné Dugnay- Tronin, lieutenant général des armées navales, qui a remporté le prix de l’academie française (Paris 1761).








3 Fasciculis […] Delphi Phoenicizantes
Dickinson, Delphi Phoenicizantes







Woltersdorfs Schulhandl. Hamann will vmtl. wissen, ob Lindners Beitrag zu Schulhandlungen bei
Gerhard Ludwig Woltersdorf
bereits erschienen ist.

Neue gemeinnützige Magazin
Neues gemeinnütziges Magazin



pr. pr.[eußische]


laues Urtheil Offb 3,15f.


Nicolai
Friedrich Nicolai
, Brief nicht ermittelt.
Moses
Moses Mendelssohn
, seit 1762 verheiratet mit Fromet Guggenheim (1737–1812).



Tod des Sokrates vll.
Thompson, Socrate







liebe Hälfte Marianne Lindner



de Legibus
Plat. leg.





Wagners Einlage
Friedrich David Wagner
, Brief nicht ermittelt














Elbing Elbląg





gemeinnützige Magazin
Neues gemeinnütziges Magazin
Klingstäds Abhandl. Ein Vorabdruck als Teilübersetzung der Mémoires sur les Samojedes et les Lappons erschien unter dem Titel Anmerkungen über die Samojeden in:
Neues gemeinnütziges Magazin
, Bd. 4, 1761, S. 717–743. HKB 233 ( II 168/35 )





Provenienz
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (84).

Bisherige Drucke
Friedrich Roth (Hg.): Hamann’s Schriften. 8 Bde. Berlin, Leipzig 1821–1843, III 158–160.
ZH II 163–165, Nr. 232.

Zusätze ZH
HKB 232 (163/36): Lindner dazu: Rouss. Crocodil inter autores
S. 494 / 33



Textkritische Anmerkungen
164/30 Zeitungen
Geändert nach Druckbogen 1940; ZH: Zeitung