539
38/9
Ich kann nicht umhin, liebster H., noch vor Ende des Jahrs Ihnen zu

10
schreiben und zum Empfang Ihrer Marianne Sophie Ihnen herzlich Glück

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zu wünschen. Meine Frau, die sich über die Pathenschaft hoch erfreuet hat, wird

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Ihnen selbst schreiben. Gott laße Sie an den Ihrigen Alles erleben, was ich

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mir nur von den Meinigen wünsche.

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Diese sind ganz wohl und Ihr Pathe ein drollichter Junge, der eben jetzt

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meine Stelle eingenommen, geschrieben, gekritzelt und mit Sand bestreut hat,

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bis sich die Scene mit dem Stoßen der schwarzen Tobackspfeife, aus der er

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auch rauchen wollte, an seinen Gaumen und also mit Geschrei endigte. Die

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beiden andern sind Wagschalen und er das bewegliche Zünglein an der Waage,

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voll Freude u. Leid über Alles, was um ihn her ist.

20
Daß Ihr Bruder entschlafen, freut mich: er war
ja lange
todt. Ich

21
wünschte, daß Sie die Hauptschulden mit Ihrer Erbschaft abstießen und sich

22
auf diese Weise wenigstens freie Brust verschafften: das Hauswesen drückt

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uns nieder, wie der Körper die Seele. Und da flugs an: was du thust, das

24
thue frisch, Predr.

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Äußerst leid thut mirs, Liebster, daß Sie wie ein gebundner Prometheus

26
liegen: der Himmel mache Sie los. Im Schatzkästlein steht auf Ihren

27
Geburtstag: ists möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen
p
und auf den

28
meinen: es liegt nicht an jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes

29
Erbarmen. Die Sprüche sind sich in der Bibel, wie die Tage im Kalender

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nah und gewiß wahr.
Dicta nobis sunto.
Daß Alles bei Ihnen leerer

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Gedankenplan bleibt, ist davon Folge. Gott gebe Ihren Funken Wind zur Flamme:

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mich bangets recht, in dieser Wüste des Abends etwas von Ihnen zu sehen u.

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zu lesen, wenns auch nur Sternschnuppen wären. Mein Schiff ist völlig auf

S. 39
dem Strande. Das Hohelied ist nicht der Rede werth; nur durch die Heurath

2
meines Schwagers, der aber noch nichts davon weiß u. durch das Zureden

3
meiner Frauen, weil es seit 4. Jahren dalag, erpreßt, u. weiß übrigens nicht,

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woher es kommt oder wohin es gehet? Ich fürchte, daß es mit meiner

5
Apokalypse auch so gehen werde: ich habe keinen Nagel im Pallast U. l. Fr.

6
Literatur
woran ich etwas hänge u. keinen Altar, wo ichs opfere. Es ist also

7
lauter verlohren Werk und Baals-Gabe. Ich will auch mit dem 79. Jahr, wo

8
die letzten
enfans perdus
ausgestoßen werden sollen, aufhören zu schreiben.

9
Die Hauptsache, die uns jetzt hier intereßirt, ist die Niederkunft unsrer

10
geliebten Herzogin, eines edeln Wesens. Sie wird alle
Tag
erwartet u. meine

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Frau ist bestimmt, auch
bei
ihr zu seyn: Gott gebe ihr mit dem neuen Jahr

12
aufs beste u. glücklichste einen Prinzen, der einmal eine neue Sproße sei aus

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dieser veralteten Wurzel u. ein Geschöpf ihm zur Freude. Wenn Alles vorbei

14
ist, will ich Ihnen die Formulare der Vorbitten
pp
die ich Amtsmäßig

15
entworfen habe, samt Gesangbuch
pp
einsenden. Der Geschmack derselben am

16
Jesaias hat mir diesen Propheten auch in dieser Weihnachtszeit neu und

17
lebendig gemacht: sonst ist leider Alles bei mir todt und träge. Eine Zeitlang habe

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ich aus langer Weile u. zur Verdauung Italienisch getrieben, daß ichs jetzt

19
ziemlich lese und mir selbst forthelfen kann. Mit Anfange des Dec. aber und

20
weil Jagemann
nicht recht nach
meinem Sinn
gesehen
ist, ist mir die Lust plötzl.

21
vergangen: es wird also auch wohl unter den Werken des alten Jahrs

22
dahinten bleiben.

23
Auch mit der Lust zu predigen stockts sogar, insonderheit in der Hofkirche.

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In den Wochenpredigten habe ich den Br. an die Römer geschloßen und Hiob

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angefangen; ich wünschte, daß ich in den Geist des Buches und seiner Zeit

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käme. Alles ist leer um mich und kaum daß noch hier u. da ein Kranker oder

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Sterbender mein Blut rüttelt. Das Wetter trägt vielleicht auch dazu bei: da

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bis jetzt noch kein Frost, oft die heitersten Tage u. kaum seit gestern ein Sturm

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ist, der Winter verkündigt.

30
Auf ein paar Auktionen bin ich glückl. gewesen, habe eine
ευκληρια
der

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Schurmannin mit Yvons, ihres Beichtvaters, der an ihrem Grabe gewohnt

32
hat, eigner Handschrift, deßgleichen eine trefl. alte Kirchenpostill Luthers, die

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Joh. Olearius gebraucht, ein Buch von Selneccer mit seiner eignen

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Handzuschrift, eine Ebräische Bibel mit H. Opitzens reichen Anmerkungen u. Varianten,

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deßgleichen viel anders fast ohne Geld bekommen; lauter todte Kohlen aber,

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die auf Wind des Herren warten. Was mich jetzt allein freuet, ist Jesaias –

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Semler hat über seine Widerlegung des Ungenannten auch an mich

S. 40
geschrieben; ich habe ihm aber kaum 9. Pränumeranten schaffen können. Zu

2
Leßings Nathan sind mehr. Auf Reiskens Hiob, der Ostern erscheint, werden

3
Sie doch auch subscribiren. – – Der Verf. der Lebensläufe kann Hippel

4
unmögl. seyn, wenigstens nicht allein; sobald Sie etwas gewißes erfahren,

5
bitte ich sehr um Nachricht. Ich habe schon viele vergebens gefragt.

6
Mendelsohn sagte mir vor 4. Jahren in
Pyrmont
der Verf. des Buchs „über die

7
Ehe“ sei ein junger Mensch, der nach Rußland in Condition gegangen, seinen

8
Namen dem Verleger nicht genannt u. nur gebeten, an mich u. ich weiß nicht,

9
an wen mehr? ein Ex. zu senden. Ich weiß nicht, ob an der Mähre was dran

10
ist, wenigstens habe ich kein Exempl. erhalten. Winkelm. Briefe in
die
Schweiz

11
haben Sie doch gelesen: mich freuts, daß er darinn auch an mich

12
unbekannter Weise denkt; habe sie aber bis jetzt noch nicht genießen können, weil ich

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für die Kunst jetzt kein Ohr oder Seele habe. Der zweite Theil von Klopstock

14
durch Kramer, wo auch ich so gemißhandelt bin, ist abscheulich. Ich wollte, daß

15
seine rasende Bogen von der Rechtschreibung, die in Campens

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Schulsammlungen u. auch besonders herausgekommen sind, Sie zu einem neuen Versuch

17
über den Buchstab H. weckte. Der alte stolze Narr ist dem
delirio
nahe.

18
Haben Sie je den Dante gelesen? was ich von ihm weiß, ist in der

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Italienischen Sprache u. Denkart einzig. Offenbar hat ihn Klopst. stark gelesen

20
und nach seiner Art stark gebraucht; es ist aber auch nichts weiter. Von

21
Claudius weiß ich, seitdem er mir vor ¼ Jahr 100. Austern zum Geschenk

22
geschickt hat, nichts; von Kaufmann, seitdem er mich auch zum Gevatter

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gebeten, deßgleichen; die andern sind mir so gut als todt und ichs ihnen. Sie

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allein, lieber H., sind mein alter Wegweiser und Freundessäule und sollens

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auch bleiben. Mich gräuelt vor manchem, was mich eine Zeit so wohl behagt

26
hat und habe also auch das Absterben der besten Leute auf eine Zeit nöthig.

27
Schlegel hat seine Schulstelle in Riga niedergelegt; und der Rath mich durch

28
J. C. Berens um Vorschläge zu einem neuen
rectore
ersuchen laßen, doch will

29
jener noch eine Zeitlang die Inspektion behalten. Ich wünsche ihm Glück zu

30
seinem neuen Kirchen- und Doctoratsmeere; ich fürchte aber, weil er nach der

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Höhe strebt, wird er sie nicht erlangen. Das garstige lügenhafte Leben von

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mir in Gadebusch liefländischer Bibliothek haben Sie doch gelesen; ich wollte,

33
was den Rath zu Riga betrift, irgendwo in wenigen Reihen antworten, weiß

34
aber nicht recht, wo? Was ist Ihre Meinung?

35
Der Graf von Wernigerode, Pathe meines 3ten Jungen, u. die reg. Fürstin

36
zu Lippe Detmold sind beinah zu einer Zeit schnell gestorben. Jener hinterläßt

37
einen liebenswürdigen Sohn zum Nachfolger, diese aber ein klagendes Land

S. 41
und einen
Gemahl
der ein keuchendes Schwein ist. Sie war die einzige

2
Hoffnung des armen
Benzlers
, eines Menschen, der leider ein Uebersetzer seyn

3
muß, aber viel was Beßers zu seyn verdient. In Ansehung der Gelehrsamkeit,

4
Bescheidenheit u. reellen alten u. neuen Sprachkänntniß ist ihm Kleuker, der

5
mit ihm an Einem Ort gelebt hat, gar nicht zu vergleichen; aber er ist sehr

6
harthörig u. beinah auch blind und das Schicksal verfolgt ihn. Er ist aus einer

7
alten, ehrlichen Familie und der liebenswürdigste gutherzigste Junge, hat

8
Frau und Kinder und muß fast verhungern. Ich habe Gleimen um Gottes

9
Willen gebeten, daß
der
g
junge
Graf von Wernigerode ihm doch ein kleines

10
Bettelbrot gebe; ich wünschte, daß es geschäh. Sie würden ihn gewiß lieben,

11
wenn Sie ihn kennten.
pauper vbique iacet.
– Gnug für heut. Morgen will

12
ich schließen.
Den 29. Dec. Abends.

13
Erst heut,
den 2.ten Jan. Morgens
kann es seyn u. also auch mit Anfang

14
des Jahrs 1000. Glück u. Segen, insonderheit die 3. Paullinischen Grazien

15
1
Cor.
12,8–13. über die ich gestern gepredigt, aber den Tag mit Kopfschmerz,

16
so wie
das alte Jahr mit einem Ruck Ärger beschloßen habe. Wer
weiß
was

17
das 79. bringen wird; mir scheints, ein gleichgültiges Jahr werden zu wollen,

18
dem ersten Anklange nach: doch will ich, so viel es angeht, insonderheit meinen

19
litterarischen
p
Wust aufräumen, um mit Gottes Hülfe die 80. rein und frisch

20
anzutreten. Machts auch so lieber Alter mit Euren Schulden, u. physischen

21
Ursachen des Mißmuths: es wird Euch
wohlthun
u. fürs übrige wird Gott

22
sorgen. Viel Glück u. Freude in Euer Haus, an Hausgenoßen, Kinder,

23
Knechte u. Mägde. Auch Kreuzfeld, dem ich für die
Lettica
eigenhändig hätte

24
danken sollen, grüßen Sie bestens von mir: seinen
neuen
Hudibras im

25
neuesten Merkur habe den 31. Dec. Abends zu Tisch bekommen, er hat mir

26
aber nicht schmecken
wollen;
der Fleiß der
Ausbi
Nachbildung liegt im

27
einzelnen Ausdruck, der Geist des Ganzen, dünkt mich, fehlt. Die Charaktere in

28
Prose haben mir beßer gefallen. Der Zettel, den Sie verlangen, kommt

29
hiebei; das übrige Papier laße ich meiner
Frauen
zum Schreiben u. umarme Sie

30
noch herzlich u. inbrünstig. Ihr ewiger

31
Herder


32
Von Caroline Herder:

33
Nun auch lieber Herr Gevatter und Freund. Sie haben mich durch Ihre

34
Liebe u. Wahl zur Pathin Ihrer
dritten
Tochter Marianne Sophie, gar

35
herzlich erfreut – der liebe Gott segne Vater, Mutter u. Kinder u.
lasse
die drey

36
Blümchen mit dem Erstgebohrnen ein schöner, ewiger Kranz der Belohnung

37
für Sie seyn! – Mein Mann hat Ihnen noch nie so recht gesagt wie herzlich ich

S. 42
Sie liebe – wie freut michs daß ichs jetzt bei dieser schönen Gelegenheit thun

2
kann – als den Ersten u. Einzigen Freund meines Mannes verehre
u.
liebe

3
ich Sie. – ich wünsche Ihnen, Ihrer lieben Hausgenossin u. Kindern

4
tausendfaches häußliches Glück u. Freude zum neuen Jahr.

5
M. Carol. Herder.


6
Von Johann Gottfried Herder:

7
Liebster H. können Sie mir nicht
Sim. Dachs
Gedichte verschaffen? Sie

8
müßen doch bei
ihnen
häufig seyn. Ich wünschte sie aber, etwa mit

9
Gelegenheit, oder fahrender Post, bald. Sie weisen mich zwar, lieber H., mit den
ana

10
u. P.
Mannah
ab; da aber Kreuzfeld in seinem Geburtstagsgedicht an Sie

11
würklich
Seitenzahl
, Titel
p
anführt u. ich also vermuthe, daß es gedruckt

12
ist, darf ich nicht, lieber Gevatter, um ein Exempl. bitten? Es soll nicht aus

13
meiner Hand.
Adieu, Adieu, Adieu, remember me,
wie der Geist zu Hamlet.

Provenienz

Krakau, Jagiellonenbibliothek, Slg. Autographa der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin (ehemalige Berliner Signatur: Acc. ms. 1886. 53, Nr. 17).

Bisherige Drucke

Herders Briefe an Joh. Georg Hamann. Im Originaltext hg. von Otto Hoffmann. Berlin 1889, 136–140.

ZH IV 38–42, Nr. 539.

Textkritische Anmerkungen

Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provenienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
38/20
ja lange
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
ja schon lange
38/27
p
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
p.,
39/6
Literatur
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Literatur,
39/10
Tag
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Tage
39/11
bei
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
bey
39/14
pp
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
pp.
39/20
nicht recht nach
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
nicht nach
40/6
Pyrmont
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Pyrmont,
40/10
die
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
der
41/1
Gemahl
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Gemahl,
41/9
der
g
junge
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
der junge
41/16
weiß
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
weiß,
41/16
so wie
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
sowie
41/21
wohlthun
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
wohlthun,
41/26
wollen;
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
wollen,
41/29
Frauen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Frau
41/35
lasse
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
laße
42/2
u.
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
und
42/8
ihnen
]
Geändert nach der Handschrift; ZH:
Ihnen