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Johann Georg Hamann → Ein Studienfreund
Königsberg, 5. Mai 1752
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ZH I, 5



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Galanter Freund,

Sie haben gegenwärtige Zeilen ihrem Herrn Eger zu verdanken. Er hat mir für
eine viertelstunde eine sichere Gelegenheit an Sie zu schreiben angeboten. Ich
war unentschlüßig mich derselben zu bedienen. Er hat mich zu beschämen
gesucht durch Gründe, die sich von selbst auflösten. Er hat mich gedroht mich
bey Sie zu verklagen. Seine Verrätherey beunruhigt mich eben so wenig.
Wenn er sichs ja unterstehen solte mich als einen nachläßigen, kaltsinnigen etc.
Freund bey Ihnen anzuschwärzen; so wird er sich durch keine neue
Entdeckungen bey Ihnen verdient hat machen. Sie haben dies alles eher als er
gewußt, v. demohngeacht mich niemals an Ihrer Neigung zweifeln laßen. Es
ist nicht meine Sorge, ob dieselbe aufrichtig oder nicht gewesen ist. Ich habe
die Würkungen derselben genoßen, sie sind haben mir angenehm v
beneidenswerth geschienen. Ihre Ursache hab ich als aufrichtig vorausgesetzt. Eine
nähere Untersuchung ist ihre Sache; ich schmeichle mir, daß Sie sich dieselbe
nicht werden leyd thun laßen. Um allen Verdacht vorzukommen, muß ich
erinnern, daß ich diese Stelle mit einer philosophischen v keiner hönischen Miene
geschrieben habe.
Ich habe Ihnen keine Neuigkeiten zu berichten v. an meinen Briefen wird
Ihnen wenig gelegen seyn. Mit dieser Antwort hab ich den HErrn Eger zum
Stillschweigen gebracht. Ist es aus Eigensinn oder aus einer kleinen Freude
über meinen Sieg, daß ich einen Brief an Sie angefangen habe, davon ich den
Innhalt noch nicht weiß. Doch an dem soll es auch nicht fehlen. In unserm
Garten hab ich gestern zwey Mädchen gehabt, davon mir die jüngste mehr als
sonst gefallen. Es hat mir an nichts als dem Willen gefehlt verliebt zu
werden. Hüten Sie sich, lieber Freund, für den; der kommt unserm Verstande in
unsern Neigungen immer zuvor. Mademoiselle Dorchen hat einen Mund, auf
den ich zum ersten mal aufmerksam gewesen bin, v der, wie die Poeten sagen,
zum Küßen geschaffen ist; so klein, von so einem artigen Zuschnitt, daß er mit
nächsten die Probe aushalten soll, es mag kosten, was es will; Augen denen
es nicht an Reitz fehlt, v die sehr unbehutsam sind; eine Miene, die übermüthig
im höchsten Grad ist. Wenn Sie Ein wenig mehr Witz fehlt ihr bey ihrem
Trotz; in Mangel des ersteren sieht der letztere etwas unartig aus. Kurz es ist
ein Mädchen für die Sinnen, v für die Eitelkeit. Ihr Naturell ist nichts
weniger als spröde; heftig, zur Wollust geneigt, voller Eigenliebe. Lauter Blößen,
von denen der ungeschickteste Liebhaber Vortheil für sich ziehen kann, er ist
sicher keinen Ausfall umsonst zu thun. Noch ein kleiner Umstand! wenn Sies
nicht übel nehmen wollen. Sie kennt ihr Herz so schlecht als der Manns Leute
ihrs. Ihre Erfahrung erstreckt sich nicht weiter als derjenigen Schäferinn ihre
von 14 Jahren, die Hagedorn so liebenswürdig geschildert in einem von seinen
Liedern, davon Sie den Anfang beßer wißen werden als ich ihn weiß;
Unschuld von der einen Seite, Muthwillen v. Boßheit von der andern. Verdient
sie bey diesen Eigenschaften eine Stelle in meinem Lebens Lauf? Ich will Sie
nicht um Rath fragen; laßen Sie mir diese Frage nur selbst beantworten.
Ich habe gestern auf einem kleinen Spatziergang den Herrn Hoyer gesprochen,
v zurück begleitet. Der mir aufgetragene Gruß ist von mir richtig bestellt
worden. Er ist Ihnen für ihr gütiges Andenken sehr verbunden. Ich bin von ihm
gebeten worden Sie seiner Freundschafft zu besuchen versichern. Dasie
beste Art ihm darauf zu antworten, wäre es, wenn Sie ihren Vorsatz
ausführten an ihn zu schreiben, zu dem Sie sich anheischig gemacht. Ich habe ihn
gewiß versprechen müßen vor meiner Landreise zu besuchen. Ohn daß ich Ihnen
eine Schmeicheley sage; wenn es mit einem Brief von Ihnen geschehe, so
könnt ich mir versprechen, ihm angenehmer, ja noch einmal so angenehm zu
seyn. Thun Sie es doch. Brauchen Sie aber die Vorsicht ihre Einlage nicht zu
stark zu machen, wenn Sie Verdacht bey mir verhüten wollen.
Sie werden es nicht von mir umsonst verlangen, daß ich mir die Mühe
gegeben sollen habe soll einen Charakter zu machen, (den Sie sich nicht
unterstehen müßen zu rathen,) ohn daß ich mich dergleichen von allen den
litthauschen Schönen von ihrer Feder erwarten solte, die Ihnen gefallen oder
denen Sie das Glück haben zu gefallen. Ihre Empfindungen dabey bitte ich
nicht zu vergeßen; als ein Freund kann ich diese Geheimniße von Ihnen fordern.
Erlauben Sie mir noch, mein schöner Landjunker, daß S ich Sie Ihres
Versprechens erinnere an mich zu schreiben; nichts vom Fluß- nicht vom Brust-
Fieber; sondern von ihrem Vergnügen v von ihren Mädchen, sie mögen
Brunetten oder Blondinen seyn, wenn sie nur schön oder wenigstens artig, artig
will ich sagen oder wenigstens schön sind. Es würde mir vielleicht sehr gut
laßen, wenn ich Ihnen zum Schluß ein paar verliebte Augen machte, die
Hände sanfft drückte, Ihnen einige süße Worte von meiner Freundschafft sagte,
mich über ihre Abwesenheit v meinen Verdruß darüber beschwerte. Ich hoffe
aber daß Sie so klug seyn werden das letzte von sich selbst einzusehen, ohne
daß ich Ihnen ein Compliment daraus mache, wie offt ich mich Ihrer in
Königsberg erinnere, v öfterer als Sie in Litthauen an uns gedenken mögen.
Das erste will ich einhohlen, wenn ich Sie in Person dasjenige thun werde,
was ich jetzt in Gedanken thun muß. Ich umarme Sie mit dem aufrichtigsten
Herzen in meinem v. meiner Freunde Namen. Leben Sie gesund v. vergnügt.
Zum letzteren ziehen Sie weder einen gar zu zärtlichen Geschmack in der Wahl
noch ein gar zu zärtlich Gewißen im Genuß zu Rath. Das Herzogthum
Curland ist durch den Tod des Grafen von Biron ledig geworden; ich wollte
Ihnen wohl rathen – – – Doch bleiben Sie lieber in Litthauen! Ich bin Ihr
ergebenster
Hamann.

Königsberg den 5. May 1752.
der Ältere.


Zu einer kleinen Uebung im Frantzoischen hab ich es mir nicht verdrüßen laßen
Ihnen folgende Stelle aus dem Gresset abzuschreiben, die ich sehr empfunden
habe. Sie sollen sie mir exponiren, wenn Sie wieder herkommen werden.
Heureux, qui dans la paix secrette
D’une libre et belle retraite
Vit ignoré, content de peu,

Et qui ne se voit sans cesse
Jouët de l’aveugle Deesse
Ou dupe de l’aveugle Dieu.

A la sombre misanthropie
Je ne dois point ces sentimens;
D’une fausse Philosophie
Je hais les vains raisonnemens,
Et jamais la Bigotterie
Ne decida mes jugemens.
Une indifference suprème,
Voilà mon principe et ma Loi:
Tout lieu, tout destin, tout Système
Par là devient égal pour moi;
Ou je vois naitre la journée
Là, content, j’en attens la fin
Prêt à partir le lendemain,
Si l’ordre de la Destinée
Vient m’ouvrir un nouveau chemin.

Pour opposer un gout rebelle
A ce domaine souverain,
Je me suis fait du Sort humain
Une peinture trop fidelle:
Souvent dans les champetres lieux
Ce portrait frappera vos yeux;
En promenant vos rêveries
Dans le silence des prairies
Vous voyez un foible rameau,
Qui par les yeux du vague Eole,
Enlevé de quelque arbrisseau,
Quitte sa tige, tombe et vole
Sur la surface d’un ruisseau:
Là par une invincible pente
Forcé d’errer et de changer
Il flotte au gré de l’onde errante,
Et d’un mouvement etranger:
Souvent il paroit, il surnage;
Souvent il est au fond des eaux;

Il rencontre sur son passage
Tantôt un fertile rivage

Bordé de côteaux fortunés,
Tantôt une rive sauvage
Et des deserts abandonnés:
Parmi ces erreurs continuës
Il fuit, il vogue jusqu’au jour
Qui l’ensevelit à son tour
Au sein de ces Mers inconnuës
Où tout s’abime sans retour.

Der Betrug ist schlecht ausgedacht, werden Sie sagen, mit dem ich einen vollen
Bogen von Ihnen erzwingen will. Nun Sie wißen, meine Absicht Ihnen eine
frantzoische Stelle sehr zierlich v. mühsam abzuschreiben ist gut gewesen. Sie
werden eine kleine Uebung der Sprache nicht für überflüßig für sich halten; v
mir ist es ohnentbehrlich gewesen einen kleinen Versuch im Schreiben bey der
Gelegenheit anzustellen, weil ich mich nicht besinnen kann in vielen Wochen
etwas anders als deutsche Fliegen Füße gemahlt zu machen. Weil ich nicht
über die Post schreibe, so werden Ihnen weder meine Thorheiten noch das
weiße Papier, das mir aus Mangel der Gedanken übrig bleibt, etwas zu stehen
kommen. Dank seys diesem Einfall, der meinem Brief so einen artigen Schluß
giebt! Leben Sie wohl.
Meine Eltern haben mir noch einen Gruß an Sie aufgetragen.
Freund vll.
Finck von Finckenstein
oder Magnus Wolff (Nadler [1949b], S. 47)

Eger nicht ermittelt
























Dorchen nicht ermittelt













aus
Hagedorn, Oden und Lieder
»Chloris«, S. 83, »Phryne«, S. 132






































Ernst Johann von Biron
; dessen Tod ein Gerücht gewesen ist, so wie in dieser Zeit immer wieder Gerüchte über ihn aufkamen, wie dass er aus seiner sibirischen Verbannung nach Moskau zurückgekehrt sei (
Wochentliche Königsbergischen Frag- und Anzeigungsnachrichten
1753, Nr. 28).



vll. Anspielung auf die Unterscheidung der Brüder Hamann durch Lauson.



Gresset, La Chartreuse
, V. 474–524





(bis Briefende: Abweichungen vom Orig.:) voit point sans cesse

Jouet ... Déesse



Misantropie

sentimens,



bigoterie

décida

suprême

loi,

systême


Où ... naître la journée,

content j’en attends la fin,






Domaine

sort

fidelle






Oui,




Là,



Et,








continues,



inconnues

s’abîme













Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], II 43.

Bisherige Drucke:
Heinrich Weber, Neue Hamanniana (München 1905), 3–6.
ZH I 5–9, Nr. 3.

Textkritische Anmerkungen:
Der Brieftext wurde anhand der überlieferten Quellen (vgl. Provinienz) kritisch geprüft. Notwendige Korrekturen gegenüber dem in ZH gedruckten Text wurden vorgenommen und sind vollständig annotiert. Die in den beiden Auflagen von ZH angehängten Korrekturvorschläge werden vollständig aufgelistet, werden aber nur dann im Text realisiert, sofern diese anhand überlieferter Quellen verifiziert werden konnten.
7/26 ne se voit
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies Et qui ne se voit [point] sans cesse  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): se voit [point]
8/17 yeux
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies jeux statt yeux  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): les jeux
8/27 Il rencontre sur son passage Tantôt un fertile rivage
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): Zwischen den Versen Il rencontre und Tantôt un ist wohl der Vers zu ergänzen: [Tous les jours des pays nouveaux]
9/7 machen
Korrekturvorschlag ZH 1. Aufl. (1955): lies haben statt machen  Korrekturvorschlag ZH 2. Aufl. (1988): haben Verschreibung