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Johann Georg Hamann → Johann Gotthelf Lindner
Grünhof, 29. Dezember 1755
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ZH I, 133



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Grünhof den 29 Dec. 755.

Geliebtester Freund,

Ich befinde mich noch schlecht. Fast die ganze Zeit über daß ich hier bin ein
Stubenhüter, der auch zum Bett seine Zuflucht nehmen muß. Bey einem
großen Appetit einen verdorbnen Magen und zum andern mal eine seit
4 Tagen verstopft, daß bey mir sehr selten ist. An Pflege v Beklagen fehlt es
mir hier nicht. Ein Zahngeschwür, das endlich einmal der Zeit aufzubrechen
nahe zu seyn scheint. Schade um Ihre Mühe für den Freyzedel für meine
Sachen. Man hat einen Coffre, Schloßkorb und Laute wenn letztere nicht bey
Ihnen vergeßen worden, auf der Postirung arretirt. Die Feyertage und der
jetzt abgegangene Winter machte ihre Befreyung unmögl. Ich weiß nicht
warum meine Eltern nicht biß Riga francirt haben. Wenn ich sterben soll, so weiß
nicht, wie viel das Porto mehr kostet. Melden Sie es mir, damit ich per Post
oder Gelegenheit Ihnen ersetzen kann. Ich habe alle Feyertage an Sie
Geliebtester Freund v HE. Berens schreiben wollen. Meine Krankheit hat mich
daran gehindert. Sind Sie beßer dem Leibe nach bestellt; und Ihre liebe Rahel.
Ich weiß nicht, ob Ihr HE. Bruder schon angekommen Umarmen Sie Ihn
noch einmal in meinem Namen. Sie haben die histoire politique de ce
Siecle;
ich habe auch noch hier ein Exemplar gefunden. Berichten ob Sie
auch nur den 1. Theil davon bekommen. Der 2te fehlt; sollte meynen, daß
er schon heraus ist weil der Innhalt davon schon dasteht. An HE
Petersen habe desfalls noch nicht schreiben können. Ich muß alle Augenblicke
aufspringen; so beklommen ist mir die Brust. Habe noch beynahe kein
Buch in Grünhof ansehen können. Befindt sich HE B. v. P. Gericke gesund.
Was macht des ersteren Bruder v des letzteren Mutter. Jener wird sich schon
erholt haben. Ist Ihr Actus gut abgegangen. Melden Sie mir doch etwas
davon.
Noch ein Hauptpunct. Ob keine Condition in Riga offensteht. HE. W. traue
ich nicht ein lang Glück zu. Sollte der kleine Huhn nicht jemanden nöthig
haben. Gehen Sie doch mit Ihren Freunden v Bekannten zu Rath. Es betrift
die Rettung eines armen Manns, den ich hier sehr verändert angetroffen v zu
mir auf eine ungemein bewegl. Art seine Zuflucht genommen. Ihm ist um
nichts als einen sichern Aufenthalt zu thun; ich sollte meynen, daß man den
in Riga genüßen könnte. Weiter kann ich mich nicht erklären. Ein Mensch, der
in sehr gutem Ansehen als Hofmeister pp in Curland bekannt v. beliebt ist,
ein intriguanter Kopf in Geschäfften v entschloßener Kerl in Händeln;
wiewohl in den letzteren mit mehr Ehre als in den ersten. Wenn dieser Mensch
zu retten, brauchbarer zu machen und bey seinem gesunden Verstand zu
erhalten ist: so thut man vielleicht ein Werk der Menschenliebe.
Antworten Sie mir doch mit nächsten auf meine Anfrage; auf eine Art die
ich aufweisen könnte; und mit der Hofnung, daß Sie alles mögl. thun
werden ihm so wohl als mir behülflich zu seyn. Außer dieser Sache bedenken Sie
wie nöthig ist ich es selbst als ein kranker habe von meinen Freunden ein
wenig aufgerichtet zu seyn.
Ich bedaure den weißen Raum den ich noch laßen muß. Der Wille ist gut
aber das Vermögen fehlt. Noch eins meine Eltern laßen Sie in meinem letzten
Briefe zu wiederholtem mal recht sehr zärtlich v freundschafftl. grüßen. Leben
Sie wohl. Meinen Handkuß an Ihr liebes Frauchen. Vergeßen Sie selbst
nicht Ihren Freund v erinnern Sie andere auch an ihn.
Wenn der Winter gut geblieben wäre, hatte ich an HE. B. selbst
geschrieben. Jetzt nicht eher als in einem neuen oder auf den Frühling.
Trinken Sie meine Gesundheit aufs Fest; ich habe es schon gethan. Unser
Uebermorgen geht Sie nichts an; auf einen Neujahrswunsch darf also noch
nicht denken.
Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 2 (14).

Bisherige Drucke:
ZH I 133–134, Nr. 54.