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Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Grünhof, vmtl. Mitte Februar 1756
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ZH I, 144



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Hab ich dir nicht einen Catalogum geschickt von meinen Büchern. Den
versprochenen Zusatz sollst du auch bekommen. Gieb mir auch von deinem
Zuwachs Rechnung.
Das Engl. Bibelwerk gönnte ich Dir wohl nebst Saurins Discours über
die Bibel. Studierst du fleißig? Da ich das andere Blatt angefangen so will
ich solches suchen voll zu machen. Um dir Materie zu geben mir zu antworten,
will ich Dir auftragen mir Dein Urtheil aus einigen neuen Büchern des
Catalogi den Du mir geschickt zu melden. Was ist an dem Abend, der Nacht,
dem Morgen v Mittag auf dem Grabe? Wie sind die Briefe an Freunde welche
zu Danzig ausgekommen? wie auch der Briefwechsel über wichtige Sachen
der heutigen Gelehrsamkeit. Frkf. Ist die offenbarte Deisterey aus dem Engl.
übersetzt v die berühmte Schrift in Gesprächen, die man in den Zeitungen so
sehr erhoben? Die moralischen Kleinigkeiten werden vermuthl. vom Abt
Coyer seyn; was ist der Inhalt der darinn enthaltnen Schriften. Das
wunderbare Jahr v die Insel der Frivoliten kenne ich von ihm. Knittels neue
Gedanken von den allgemeinen Schreibfelern in den Handschriften des N. T.
worinn bestehen diese neue Gedanken. Des Grafen Lavini Neuste
Weltwißenschaft. Ist das Italienische auch dabey. Windheim ist nicht der Uebersetzer
vermuthlich? Was sagt er in der Vorrede. Ist die Uebersetzung gut v das
Werk selbst. Was sagt Masch in seiner Abhandlung von der Grundsprache des
Evangelii Matthäi? Was sind die Meisterstücke der berühmtesten Männer
dieser Zeit? Frkf. Die Ritter v Riesen? Pope ein Metaphysiker? Rosts
vernünfftiges Urtheil über Frankens Gedicht vom Lobe des Schöpfers; ist doch
wohl nicht von dem deutschen Anakreon? Scholzens Versuch einer Theorie von
den natürl. Trieben möchte ich auch gern näher kennen. Vor allen aber
Gespräch eines Europäers mit einem Insulaner. Freron, der fürchterl.
Freron jetziger Verfaßer hat von einem Werk welches eben diesen Titel führt
folgendes Urtheil gefällt: Dies ist eine Sammlung von nützl. Wahrheiten;
eine gründl. Beurtheilung der Staaten von Europa, ein Muster der
Regierung v zwar ein solches das nachzuahmen ist; eine Schule der Völker v der
Könige. Wenn eine Privatperson der Urheber dieser Schrift ist; so verdiente er
von den Fürsten zu ihrem Minister gewählt zu werden. Ist es ein Monarch;
so führe er den Scepter über die ganze Erde“. Laß dies das erste Buch seyn
was du liest v melde mir deine Gedanken davon. Den Terraßon wirst du
ohnedem schon durchgedacht oder nachgedacht haben. Lehrreiche Unterredung
eines Vaters mit seinem Sohne über die ersten Gründe der Religion v der
Sittenlehre wie auch die patriotische Vorschläge, die zu Berl. ausgekommen
mache mir ihrem Werthe nach bekannt. Unter den Engl. lies doch den Nazares.
Ich hoffe daß du noch ein guter Freund v Nachbar von HE Wagner seyn wirst,
der Dir gern nach v nach etwas für unsere beyder Neugierde nachsehen wird.
Was macht HE. Diakon. Buchholz. Er ist vor ein viertel jahr Vater
geworden. Der junge Vernisobre meldte es mir noch in Riga. Du gehst doch
wohl noch wie sonst zu ihm. Grüße ihn herzl. von mir bey künfftiger
Gelegenheit. Was M. Vernisobre anbetrift so habe zu wenig Umgang mit ihm gehabt
um aus ihm recht klug zu werden. Er scheint ein ehrlich v dienstfertig Gemüth
zu haben. Der engl. Sinn ist bey ihm in verjüngtem Maasstabe. Das
kindische mit dem altklugen sticht in seinen Sitten so ab, als sein Ansehen mit
seinen Jahren. Sein Vater würde ihn gleich wol auf solchen Fuß nicht reisen
laßen, wenn er ihm gesunde Vernunft v Aufmerksamkeit nicht zutrauen
könnte. Er meynte mit dem Frühjahr nach St. Petersburg zu gehen.
Daß HE Carstens Bruder schon lange in Liebau gestorben, werde ich Dir
geschrieben haben. Ich erinnere mich seiner um nach unsern Freund mich zu
erkundigen. Ist er noch in Lübeck v hast Du keine Nachrichten von ihm gehabt.
Mein Hennings, Sahme v M. Haase vergeßen mich ganz. Ist von keinem
etwas eingelaufen. Ich begreife nicht, woran es liegt. Der erste muß eine
Frau, der andere ein Amt bekommen haben für den letzten weiß ich keine
Entschuldigung als das Jus talionis. Melde mir wenn meine beide erste
Muthmaßungen erfüllt seyn oder werden sollten.
Was macht Daniel Nuppenau? Ist er klüger geworden. Der Nachschmack
des Marzipans sollte mich zuerst an den sittsamen Liborius erinnert haben.
Hat er Brodt v theilt er selbiges schon mit einer eignen Haushaltung.
Beschreibe mir doch ein wenig den schwedischen Doktor. Hält er sich noch
in Königsberg auf. Das Programma macht einen zweydeutigen Begrif von
ihm. Ist er ein Gelehrter? Der junge Kypke hat einen großen 8. Band schon
ausgegeben. Ich verspreche mir viel nützliches wenn ich ihn lesen werde. Du
besitzest ihn ohnstreitig selbst. Wenn ich in deiner Stelle wäre v Deinen Beruf
hätte, ich würde ihn mir zum Freunde machen um mich im Griechischen v
allen orientalischen Sprachen unter ihm üben. Ein kluger Schüler, der diesen
Mann ein wenig zu regieren wüßte, müste bald v. viel bey ihm lernen.
Tempus abire mihi est. Wer hat bey euch Akademisten solche römische
Brocken; oder hast du auf Deine eigene Unkosten mich bloß ärgern wollen,
weil du mich als Schulmeister für sehr zärtlich gegen die grammaticalische
Fehler hältst. Ich habe auch Zeit zu schließen. Die Pferde werden schon
eingespannt, mit denen mein Brief abgehen soll. Glückl. Reise. Wenn werden wir
uns sehen, lieber Bruder. Der Himmel weiß, wie kurz wie eitel auch diese
Freude seyn würde. Schaff dir ein Haus, worinn du mich künfftig einmal
aufnehmen kannst. Das soll die letzte Herberge meiner Wanderschafft oder
wie Bernis sagt mein Louvre seyn. – – Abgebrochen. Man fährt schon. Ich
umarme Dich tausendmal, grüße meine Freunde allesammt v liebe Deinen
Bruder v Freund.
Noch vor Schluß dieses Briefes erhalte aus Mietau die Nachricht daß HE
Doktor Lindner schwach danieder liegen soll. Gott helf ihm. Künftig mehr.
Laß keinen von meinen Puncten aus sondern beantworte Alles.
Catalogum nicht ermittelt







Abend ... auf dem Grabe 1755 in Breslau erschienen [Biga 142/215], Verfasser nicht ermittelt
Catalogi nicht ermittelt










Die Lavini-Ausgabe bietet den italienischen Text mit dt. Übers.; von Christian Ernst von Windheim ist nur die Vorrede, die Übers. der ital. Verse stammt von Johann Georg Meintel.



Meisterstücke ... Ritter v Riesen
Schrader, Meisterstücke
und Die Ritter und Riesen

vll.
Johann Christoph Rost
, Titel nicht ermittelt




Élie Catherine Fréron
; vmtl. in »L’Année littéraire« 1755, das Zitat findet sich auch im Berliner Notizbuch, auf frz., N V S. 148/29ff.











Verfasser nicht ermittelt; ›Patriotische Vorschläge zu vernunftmäßigen und hinreichenden Mitteln wodurch dem in Verfall gerathenen Deutschen Adel und zugleich allen denjenigen welche sich den Künsten und Wißenschaften widmen aufgeholfen werden kann / Aus zärtlicher Liebe zu der menschlichen Gesellschaft mitgetheilt von einem gebohrnen von Adel aus Ober-Sachsen‹ (Berlin 1755)

Nazares nicht ermittelt













Liebau Libau in Kurland, heute Liepāja [56° 31′ N, 21° 1′ O]






Ius talionis Recht des Eintreibens eines gleichartigen Ausgleichs; auch Prinzip der Schadensgleichheit wie in 2 Mo 21,23 (Auge um Auge)





Doktor vll. Benedict Wetterstein


großen 8. Band Großoktav






nach
Cic. Tusc.
I,41,99: »tempus est iam hinc abire me« (der Augenblick ist da, von hier zu scheiden)








Bernis, Oeuvres mêlées
, S. 6: »Esclave dans Paris, ici je deviens Roi; / Cette grotte où je pense est un Louvre pour moi«.



Mietau Mitau, heute Jelgava, Lettland [56° 39′ N, 23° 43′ O] (40 km südwestlich von Riga)



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (bei 40).

Bisherige Drucke:
ZH I 144–147, Nr. 59.