62
Johann Georg Hamann → Johann Christoph Hamann (Bruder)
Grünhof, 29. Februar 1756
61 ◀ ZH I ▶ 63
ZH I, 154
25




30




35
S. 155



5




10




15




20




25




30




35


S. 156



5




10




15




20




25
Grünhof den letzten Februar 756.

Geliebtester Bruder,

Ich habe gern mit der ersten Post antworten wollen ungeachtet ich weder
viel Zeit noch Geschick dazu habe. Die Gelegenheit wird gleich abgehen. Diese
Woche habe erst einen Brief von Dir erhalten, der vermuthl. mit dem
Fuhrmann hätte mitkommen sollen, er muß ihn vergeßen haben. Daher ist das
Misverständnis wegen des Mandrins pp hergekommen. Es ist alles jetzt
richtig. Dein Wunsch mich mündl. zu sprechen ist mir theils lächerl. vorgekommen
theils hat er mir Unruhe gemacht. Wie genüße ich meiner Freunde anders als
du sie genüßen kannst. Ich schreibe mir die Finger krumm an Ihnen. Du
meldest mir von einem Gedicht, das du ausgeben wirst; ich freue mich schon
darauf u verspreche mir eine gute Fortsetzung davon. Wenn Du Neigung zur
Poesie hast, so vernachläßige solche so wenig als dein musikalisch Talent.
Du biethst mir Zachariä an. Hundert gute Werke für eins darum. Mit 9
Bogen Fortsetzung von meiner Arbeit bin ich fertig v wieder über meine eigne
Abhandlung her. Die erste besteht in dem Auszug eines Werks über Spanien.
Ich habe mich betrübt keine Zeile Anschluß von Dir in dem Briefe meines
lieben kranken Vaters gefunden zu haben, der ungeachtet seiner
Unpäßlichkeit so viel v ziemlich vergnügt an mir geschrieben. Gott erhalt uns unsre
Eltern; lieber Bruder. Wie gern wollt ich einen Monath mit dir tauschen. Mir
ist viel an den Antworten auf meine Anfragen die ich gethan, gelegen v zwar
an einer baldigen Antwort. HE. M. ist mit seinem jüngsten Bruder in Mitau
gewesen vor 8 Tagen wegen des abgehenden Winters aber mit viel Gefahr
v geschwind nach Hause reisen müßen. Der Doktor ist beßer; Einschluß soll
mit erster Gelegenheit bestellt werden, nach Riga. Ich habe gestern neue Briefe
von M. erhalten. Seine Reden auf dem Schulactum sind ausgekommen; er
wird sie dir selbst schicken; wo nicht, ich. Antworte mir, wie stark die
Uebersetzung werden wird, ob sie nach meinem Willen abgedruckt worden. Sey ein
scharfer Corrector, v sieh auf Sprachfehler; ich bin nicht sicher darüber, Du
hast doch wohl Gottscheds Grammatic, die preuß. Constructions Dat. für den
Accus. hängen mir an. Vor dem aequinoct. denke mit der Abhandlung
auch einzukommen. Sie möchte ein wenig stoisch und verwegen gerathen. Hast
Du noch deine Condition bey HE. Kade? Darf ich dich wenn Du mir Zachariä
oder Dein Gedicht schicken willst um die Gespräche des Insulaners bitten.
Youngs Liebe zum Ruhm kostet nur 18 gl. Ich will dafür Dein Recensent
seyn. Du siehst wie kindisch ich bin, wenn ich jemanden um etwas bitten soll.
Ich wollte lieber ein Holzhacker als ein Bettler seyn, lieber Bruder,
ungeachtet sich große v reiche Leute des letzteren sich nicht schämen. Doppelt bezahlt v
doppelt gedruckt. Was für ein Thor, wie wenig weiß der zu leben. Sich biß
zum Staub verächtlich gemacht, für einige Ferding niederträchtig und denn
über des andern Leichtgläubigkeit gefrolockt, der vielleicht alles geben möchte
um eure Schande nicht sehen zu dürfen um des Verdrußes, den eure
Niederträchtigkeit ihm macht, überhoben zu seyn; und ihr frolockt noch über eure
Klugheit v euren Gewinn. Wenn du mir eine Freude machen willst mit
etwas; so geschehe es mit dem ersten Fuhrmann v wo mögl. planirt v gehefft.
Vielleicht bin ich bald imstande, bald, bald, ein Stuffenjahr ist mir auf den
Hacken. Mir ahndet eine Veränderung meines Schicksals. Die Probezeit
währt mir unterdeßen noch nicht zu lange; wenn sie mir nur zum beßern
und klügern Gebrauch meines übrigen Lebens dient. Dies ist der ganze Nutzen,
den ich mir davon wünsche. Wie bald wird man des Mantels überdrüßig, bey
Sonnenschein, der uns bey Sturm und Ungewitter Wind und Regen
vortrefliche Dienste gethan. Du weist den Mantel von dem Horatz redet, nicht die
Livree des Philosophen, sondern das Kleid des Weisen, was die Blöße des
Menschen deckt. Ich werde mit dem Mosheim bald fertig seyn; gestern habe
die Vorrede der Obseruat. des Kypke angefangen; er verspricht viel
nützliches und Neues v ist imstande sein Wort zu halten. Urtheil und Ordnung
verbindet er mit einer mühsamen Belesenheit. Warum müßen solche nützliche
Köpfe für die Wißenschafften, um Brodt schreyn. Man sollte von seiner
Dürftigkeit so wohl als von seinen Verdiensten schweigen, wenn man von
beyden nicht mit einer guten Art zu reden wüste, mit Anstand. Die
Unverschämtheit entzieht ihnen anderer Mitleiden, und zeigt zugl. daß sie die Gabe
haben sich in ihre Umstände zu schicken. Wie oft denk ich an jenen Lehrer, den
wir gehabt haben, der beßer wuste arm und weise zu seyn.
Ich muß schlüßen, und bitte dich nochmals um ein Schreiben mit der ersten
Post, in dem alle meine Fragen aufgelöst sind. Willst du Italienisch lernen, so
bediene dich ja Molters Sprachkunst. Der beste Anführer, und ein ächter
Sprachmeister. Lebe wohl, mein lieber Bruder, schreibe bald, viel und
befriedige meine Ungedult. Ich umarme Dich mit den zärtlichsten Gesinnungen
einer ewigen Freundschaft. Kannst du einige Probebogen von der
Uebersetzung beylegen, wird es mir sehr lieb, recht sehr lieb seyn; aber befördere alles
mit dem ersten Fuhrmann. Willst du jemand doppelt verbinden; so verbinde
ihn bald, sagt Martial. Meine Erkenntlichkeit soll so wenig aufhören als
meine brüderl. Liebe. Ich bin und bleibe Dein treuester Freund v Bruder.
Johann George.




Brief nicht überliefert






Gedicht nicht überliefert



Just Friedrich Wilhelm Zachariae
, welches Werk: nicht ermittelt.


Werks
Ulloa, Restablecimiento de las fabricas y comercio español
; siehe Hamanns Notizen zur Übers. im Berliner Notizbuch, N V S. 189ff.












Uebersetzung vll. des
Hamann, Beylage zu Dangeuil



aequinoct. Tag- und Nachtgleiche, um den 21. Juni


Melchior Kade
war Kaufmann in Königsberg.


gl. Groschen (Silbermünze [ca. 24. Teil eines Talers] oder Kupfermünze [ca. 90. Teil eines Talers]; in Königsberg war der Kupfergroschen üblich; für 8 Groschen gab es ca. zwei Pfund Schweinefleisch)





Ferding od. Fehrding; in Livland gebräuchliche Schwedisch-Pommersche Silber-Kurantmünze, deren Wert also über den Edelmetallgehalt definiert war; enstprach einer Viertel Mark.






Stuffenjahr jedes 7. oder 9. Lebensjahr, schicksalsträchtig entsprechend klimatischer Perioden






Hor. epist.
I,17,27ff.


Johann Lorenz v. Mosheim
, welches Werk: nicht ermittelt












Molters vll. Toscanische Sprachlehre: nach Anleitung des ehemaligen öffentlichen Lehrers zu Siena, Girolamo Gigli [1660–1722], abgefasset, und mit den Mustern der klassischen Schriftsteller bestättiget, übers. v. Friedrich Molter (1722–1808) (Leipzig: Dyck 1750)






Martial nicht ermittelt; in
Enn. sat.
2,5 findet sich: »dum quidquid des, des celere«



Provenienz:
Druck ZH nach den unpublizierten Druckbogen von 1940. Original verschollen. Letzter bekannter Aufbewahrungsort: Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg, Msc. 2552 [Roths Hamanniana], I 1 (36).

Bisherige Drucke:
Walther Ziesemer, Unbekannte Hamannbriefe, in: Altpreußische Forschungen 18 (1941), 284–286.
ZH I 154–156, Nr. 62.